Hintergrund

Ein neues Antlitz für die Ökonomie

Wirtschaftswissenschaftler aus aller Welt haben die «World Economic Association» gegründet. Ihr Ziel: Gegen den orthodoxen Mainstream an Wirtschaftsfakultäten anzukämpfen.

Junge Wissenschaftler sollen sich nicht von den Dogmen der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft leiten lassen: Studierende hören eine Vorlesung an der Universität Fribourg.

Junge Wissenschaftler sollen sich nicht von den Dogmen der orthodoxen Wirtschaftswissenschaft leiten lassen: Studierende hören eine Vorlesung an der Universität Fribourg. Bild: Keystone

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Ökonomen, die gegen die Dogmen der modernen Wirtschaftswissenschaften andenken, haben in der Fachwelt einen schweren Stand: Wer sich nicht den Konventionen anpasst, hat wenig Chancen, Publikationen in renommierten Journals zu landen. Und wer nicht in renommierten Journals publiziert hat, erhält an einer renommierten Universität keinen Lehrstuhl.

Um diesen Missstand zu beheben und ihren Ansichten mehr Gehör zu verschaffen, haben alternative Ökonomen diese Woche die «World Economic Association» (WEA) gegründet – eine Vereinigung für all jene, die einen realitätsnahen, pluralistischen, partizipativen und demokratischen Wissenschaftsbetrieb befürworten. Am Montag wurde die Gruppe offiziell ins Leben gerufen, mittlerweile zählt sie bereits über 3000 Mitglieder.

Globale Beiträge für die globale Ökonomie

Einer der Initiatoren der neuen Vereinigung ist Edward Fullbrook, der an der University of the West of England lehrt. Fullbrook schreibt seit geraumer Zeit gegen den ökonomischen Mainstream an – dementsprechend tragen seine Bücher Titel wie «A Guide to What's Wrong with Economics» oder «Pluralist Economics». Nebenbei führt der britische Ökonom das Journal «Real-world economics review», das nun zu einem wichtigen Sprachrohr der World Economic Association werden soll.

Die Vereinigung sei aus dem Wunsch nach Vielfalt heraus entstanden, sagt Fullbrook auf Anfrage von Tagesanzeiger.ch/Newsnet: «Die Finanzkrise hat gezeigt, dass das dominierende Verständnis der Wirtschaft sehr begrenzt ist. Die meisten der Leute, die vor der Krise gewarnt haben, waren unkonventionelle Ökonomen, deren Blick auf die Realität nicht durch die neoklassische Brille verstellt war.» Was man heute brauche, sei eine wissenschaftliche Organisation, die nicht nur an amerikanischen Problemstellungen interessiert sei, sondern eine globale Ausrichtung verfolge.

Ein Blick auf die Webseite der WEA zeigt, dass es der Organisation ernst ist mit diesem Vorhaben. Zu den Gründungsmitgliedern zählen Ökonomen aus fünf Kontinenten und 42 Ländern. Unter ihnen sind auch einige wissenschaftliche Schwergewichte wie Dani Rodrik («Das Globalisierungs-Paradox») und Richard C. Koo («The Holy Grail of Macroeconomics»), aber auch Wirtschaftsjournalisten wie der Keynes-Biograph Robert Skidelsky und der Autor des Buches «Ökonomie 2.0», Norbert Häring.

Auch der Fribourger Wirtschaftsprofessor Sergio Rossi ist als Gründungsmitglied der Vereinigung aufgeführt. Die Chancen der WEA, im Wissenschaftsbetrieb etwas zu bewegen, schätzt er vorsichtig ein: «Die orthodoxe Lehre hat heute ein Quasi-Monopol an Universitäten und in politischen Beratungsgremien inne. Junge Wissenschaftler werden dazu gezwungen, sich nach den herrschenden Paradigmen zu richten, wenn sie in ihrer Karriere vorankommen möchten.»

Ineffiziente Märkte und problematische Handelstheorien

Zu den Dogmen, die von unorthodoxen Wirtschaftswissenschaftlern scharf angegriffen werden, gehört zum Beispiel die «efficient-market hypothesis». Diese Hypothese besagt, dass Finanzmärkte Informationen effizient verarbeiten und somit niemand in der Lage sein müsste, dauerhaft überdurchschnittliche Gewinne zu erzielen – eine wahnwitzige Annahme, nach Ansicht vieler alternativer Ökonomen. Auch für die Blasenbildung an Finanzmärkten hält die Effizienzmarkthypothese keine befriedigende Erklärung bereit.

Ein weiterer Dorn im Auge der WEA-Ökonomen ist die Theorie der komparativen Kostenvorteile, die den internationalen Handel und die daraus entstehenden Spezialisierungsgewinne erklärt. Als problematisch wird dabei weniger die Theorie selbst angesehen (denn diese ist mathematisch hieb- und stichfest formuliert), sondern vielmehr die Tatsache, dass sie von Befürwortern des Freihandels zur alleinigen Leitlinie der internationalen Handelspolitik gemacht wird. Dass gerade Entwicklungsländer eher eine behutsame als eine radikale Öffnungsstrategie verfolgen sollten, wird im Licht von komparativen Kostenvorteilen häufig ausgeblendet.

Doch die WEA möchte nicht nur Kritik an bestehenden Lehrmeinungen zur Sprache bringen, sondern die Wirtschaftswissenschaft auch konstruktiv weiterführen – zum Beispiel, indem es dem Thema Nachhaltigkeit einen wichtigen Stellenwert in ihren Journals einräumt. Eine brennende Frage aus der Sicht der «grünen» Ökonomie ist dabei die folgende: Wie muss die Wirtschaft des 21. Jahrhunderts organisiert sein, damit sie ihre eigenen Grundlagen nicht zerstört?

Erstellt: 20.05.2011, 21:34 Uhr

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