«Es ist nicht gedacht, dass wir das Promovieren übernehmen»

Herbert Jost-Hof ist als akademischer Ghostwriter tätig und schreibt derzeit an einer Dissertation für einen Schweizer Studenten. Wer dumm sei, komme auch mit einem Mastertitel nicht weiter, sagt er.

«Im heutigen Bildungssystem dreht sich alles nur noch um Quantität und Zeit», sagt Herbert Jost-Hof.

«Im heutigen Bildungssystem dreht sich alles nur noch um Quantität und Zeit», sagt Herbert Jost-Hof.

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Herr Jost-Hof, Sie schreiben momentan an einer Dissertation für einen Basler Studenten. Wie kam es zu der Kontaktaufnahme?
Die Kontaktaufnahme des Auftraggebers erfolgte wie üblich über unsere Webseite. Er informierte sich zuerst über unsere Institution und seinen Auftrag. Je nach Fachrichtung wird diese dann intern in der Acad Write an einen Writer weitergeleitet, der sich im entsprechenden Fachgebiet auskennt. Im Fall des Basler Studenten geht es um Medienrecht, was in mein Fachgebiet fällt.

Schreiben Sie für ihn die vollständige Arbeit?
Nein, ich schreibe die Texte für einige Kapitel in seiner Dissertation und überarbeite die schon geschriebenen. Ich muss mich ja schliesslich an seinen Schreibstil anpassen.

Besteht direkter Kontakt zum Kunden?
Der Auftraggeber hat natürlich die Möglichkeit, schriftlich oder telefonisch den Kontakt mit mir herzustellen, falls er dies möchte. Bei grossen Aufträgen, wie das Erstellen einer ganzen Masterarbeit, müssen wir uns zuvor telefonisch unterhalten. Zum Erstellen brauche ich Details zum Thema und natürlich muss ich auch über die persönliche Haltung des Kunden zu seiner Arbeit Bescheid wissen. Also welche sachliche oder politische Meinung er zu seinem Thema hat. Sonst hat er am Schluss eine Arbeit, die er gar nicht vertreten kann.

Wissen Sie, warum der Basler Student einen Ghostwriter benötigt?
Nein, das kann ich Ihnen nicht sagen.

Wie wird man Ghostwriter?
Da hat jeder seine eigene Geschichte. Bei mir war es so, dass in meinen Studienjahren eine gute Freundin an einer schweren Depression litt und psychisch nicht in der Lage war, ihre Magisterarbeit fertigzustellen. Ihr Freundeskreis, mich eingeschlossen, riet ihr vehement davon ab, ihre Arbeit nach all der Mühe einfach hinzuschmeissen, also bot ich ihr an, ihren Magister für sie fertigzustellen, was ich dann auch tat. Das war meine erste Tätigkeit als Ghostwriter. Ich kam erst Jahre später wieder dazu, als meine Mutter an Demenz erkrankte und Betreuung rund um die Uhr benötigte. Deshalb brauchte ich eine Arbeit, die ich von zu Hause aus erledigen konnte. Ich bewarb mich bei Acad Write, bekam dann auch schnell meinen ersten kleinen Auftrag und seitdem bin ich bei Acad Write als Ghostwriter und Qualitätsmanager tätig. Es ist ein sehr abwechslungsreicher und bildender Beruf, bei dem ich ständig neue Dinge dazulerne.

Haben Sie keine moralischen Bedenken, wenn es darum geht, Masterarbeiten und Dissertationen für Studenten zu schreiben, die dann damit ihren Abschluss erhalten?
Das ist eine Unterstellung. Ich sage den Auftraggebern nicht, sie sollten am Schluss einfach ihren Namen unter die Arbeit setzen und sie dann eins zu eins einreichen. Es soll eine Unterstützung für sie sein, weil sie selber nicht genug Zeit für ihre Arbeit aufwenden können. Oftmals sind es Alleinerziehende, die schlicht nicht mit dem wahnsinnig komprimierten Studiengang klar kommen, oder Menschen mit Migrationshintergrund, die nicht auf dem vorgeschriebenen sprachlichen Niveau schreiben können.

Oder irgendwelche reichen Kids, die zu faul oder nicht kompetent genug sind, ihre Arbeit selber zu verfassen?
Das kann es auch geben, aber die bekommen dann im Berufsleben irgendwann ihre Quittung dafür. Wer einfach stockdumm ist und die Materie nicht versteht, erreicht später in der Geschäftswelt auch nicht mehr als andere, nur weil er einen Master hat – sogar eher weniger.

Das Ghostwriterbusiness scheint vergleichbar mit dem Waffenhandel. Wenn ich jemandem eine Magnumpistole verkaufe und ihm sage, er solle niemanden damit erschiessen, versichert er mir natürlich, dies nicht zu tun. Aber was soll er denn sonst mit einem Revolver tun?
Also nur um klarzustellen: Ich unterstütze den Waffenhandel in keiner Hinsicht (lacht). Wir sind hier wieder bei der Unterstützung angelangt. Die Arbeiten und Texte, die ich für unsere Kunden verfasse, sollen eine Stütze sein, eine Art roter Faden, an dem sie sich orientieren können. Es ist nicht gedacht, dass wir für Studenten das Promovieren übernehmen. So kann man es ja auch mit der Waffe sehen, sie kann auch einfach zur Sicherheit da sein.

Also so wie jeder Texaner sein Waffenarsenal rechtfertigt. Es bleibt doch dabei, dass eine gewisse Unehrlichkeit dahintersteckt?
Ich schreibe nicht nur Dissertationen und Masterarbeiten. Wenn mich jetzt ein Geschäft kontaktiert, das einen genialen Werbeslogan von mir verlangt, werde ich das natürlich tun. Also schreibe ich für sie einen Werbetext, der ihre Qualität und das Preis-Leistungs-Verhältnis hochpreist. Die Kunden stürmen dann das Geschäft und bemerken, dass die Qualität grauenhaft ist und die Preise völlig überteuert. Trage ich dann die Schuld für den Werbetext, oder das Geschäft, das diesen in Auftrag gegeben hat?

In eine Masterarbeit steckt ein Student normalerweise wahnsinnig viel. Mit dem Master sind monatelange Arbeit, Schweiss und Tränen verbunden. Ein Student, der es sich jedoch leisten kann für 10'000 Franken eine Masterarbeit in Auftrag zu geben, muss dies nicht durchmachen. Das erscheint doch unfair?
So würde ich es nicht sagen. Im heutigen Bildungssystem und der akademischen Arbeitswelt dreht sich alles nur noch um Quantität und Zeit. Studenten stehen heutzutage während ihrer Abschlussarbeiten unter enormem Zeit- und Erfolgsdruck. Der Druck von aussen ist extrem hoch. Natürlich gehört es dazu, ein- oder zweimal auf die Nase zu fallen, um sich dann wieder aufzurappeln. Dabei lernt er vielleicht etwas fürs Leben, aber in der Berufswelt schränkt es ihn ein. Wenn sich zum Beispiel zwei Juristen um eine Stelle bewerben, wird normalerweise derjenige eingestellt, der seinen Master mit 25 gemacht hat, und nicht derjenige mit 30. Heutzutage muss alles schnell und zahlreich geliefert werden, Qualität spielt keine grosse Rolle mehr. Ausser natürlich bei uns.

Herbert Jost-Hof ist promovierter Ethnologe und seit 20 Jahren als Journalist und Dozent tätig. Der Deutsche aus Oberhessen arbeitet nebenbei als Ghostwriter.

Erstellt: 28.02.2015, 13:59 Uhr

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