Forsche Forscher gegen Trump

Der US-Präsident nimmt die Wissenschaft in die Mangel. Und die bläst nun zum Gegenangriff. Die Frage ist nur: wie?

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Der Frauenmarsch gegen Donald Trump am Tag nach dessen Amtsantritt gilt als grösste Protestaktion der US-Geschichte. Ob er die Gesinnung des Präsidenten zur Rolle der Frau in der Gesellschaft verändert hat, sei dahingestellt. Jedenfalls hat der Aufmarsch Wissenschaftler auf den Plan gerufen, es den Frauen gleich zu tun und gegen die Wissenschaftsignoranz der Trump-Administration anzulaufen. Wenige Tage nach dem «Women’s March» gründeten Wissenschaftler die Facebook-Gruppe «March for Science», die mittlerweile mehr als 800'000 Mitglieder hat. Mehr als 300'000 Personen folgen dem «March for Science» zudem auf Twitter.

Ob eine Grossdemonstration der richtige Weg ist, um der Wissenschaft Gehör zu verschaffen, wird derzeit unter Wissenschaftlern kontrovers diskutiert. Die nach ihren eigenen Angaben politisch unabhängigen Initiatoren setzen sich für die Wissenschaft als Pfeiler der menschlichen Freiheit und des Wohlstandes ein. Die Demonstration soll ein Aufruf an politische Führer und Entscheidungsträger sein, evidenzbasiert – also im Sinne erwiesener wissenschaftlicher Resultate – zu handeln.

Die Wissenschaft nimmt Trump ins Visier: Büste des neuen US-Präsidenten an einer Ausstellung. (Foto: Reuters)

Unterstützung erhalten die Initiatoren vom renommierten Klimaforscher Michael Mann. Der Wissenschaftler von der Pennsylvania State University schrieb diese Woche in der US-Zeitung «The Hill»: «Wir Wissenschaftler sind im Allgemeinen ein träger Haufen, der lieber Zeit im Labor verbringt, auf dem Feld, im Unterricht und einfach gerne forscht. Nur die aussergewöhnlichsten Umstände bringen uns auf die Strasse. Trumps Angriff auf die Wissenschaft ist genau solch ein Umstand.»

Der Soziologe und Umweltwissenschaftler Robert Brulle von der Drexel University in Philadelphia ist hingegen skeptisch. «Ich verstehe zwar den Wunsch, in Anbetracht der irrationalen und antiwissenschaftlichen Aussagen und Handlungen der Trump-Administration etwas zu unternehmen», sagt Brulle. «Aber ich denke, es ist eine offene Frage, ob eine Demonstration die beste Handlungsoption ist.»

Boomerang-Effekt befürchtet

Brulle befürchtet einen Boomerang-Effekt, wie er von der Klimaforschung her bekannt ist: Argumente für den menschgemachten Klimawandel stärken unter Republikanern die Opposition gegen die Klimawissenschaft, zeigen Studien. «Meine Sorge ist, dass die Demonstration der Argumentation in die Hände spielt, Klimawissenschaftler seien nichts als Alarmisten und Partisanen», sagt Brulle. Das sei zwar Unsinn, würde die Feinde der Forschung aber nicht davon abhalten, Wissenschaftler in diese Ecke zu drängen. Demonstrierende Wissenschaftler könnten als eine Interessengruppe wie jede andere wahrgenommen werden und nicht als Verfechter rationalen und evidenzbasierten Handelns. «Sicher werden rechtsstehende Politiker diese Sicht der Dinge forcieren», sagt Brulle.

Video – Trumps Zickzack-Kurs beim Klima:

Auch der Küstenforscher Robert Young von der Western Carolina University hält nichts von einem March for Science. «Das ist eine schreckliche Idee», schrieb er kürzlich in der «New York Times». Young spricht aus Erfahrung, der Boomerang-Effekt hatte ihn hart erwischt. 2010 war er Co-Autor eines Berichts über den zu erwartenden Meeresspiegelanstieg im US-Bundesstaat North Carolina. Der Bericht wurde von Lobbygruppen heftig attackiert und Young übel verunglimpft. Die Folge war ein Gesetz, das es dem Bundesstaat und lokalen Behörden untersagt, Regulierungen zu erlassen oder Dokumente herauszugeben, die mit einem künftigen Meeresspiegelanstieg rechnen. Laut Young würden Wissenschaftler, die gegen einen neu gewählten Präsidenten demonstrieren, den politischen Graben nur weiter zementieren.

Marsch in Kirchen und Amtsstuben

Young fordert daher, die Wissenschaft müsse wieder näher an die Gesellschaft heranrücken. «Die meisten Leute, die unsere Vorhersagen zum Meeresspiegelanstieg attackiert haben, hatten mich oder meine Co-Autoren nie getroffen», schreibt Young. «Aber nicht nur das, der grösste Teil der Bevölkerung hat nie jemanden getroffen, der als Wissenschaftler gelten kann.» Für viele seien Wissenschaftler unbekannte Botschafter schlechter Nachrichten. Statt in Washington zu demonstrieren, sollten Wissenschaftler sich zu einem Marsch zu Bürgergruppen, in Kirchen, Schulen, auf Jahrmärkte und in die Stuben lokaler Politiker aufmachen. So würde die Debatte ein Gesicht bekommen. «Gebt den Leuten eure E-Mail oder noch besser, eure Telefonnummer», fordert Young die Wissenschaftsgemeinde auf. Brulle schlägt ähnliche Aktionen vor, äussert aber auch Bedenken: «Das Vertrauen in die Wissenschaft wieder herzustellen, ist eine schwierige Aufgabe. Auch wir Sozialwissenschaftler sind geteilter Meinung über die beste Strategie.»

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Für den Klimaforscher Reto Knutti von der ETH Zürich schliesst das eine (die Demo) das andere (die Nähe zur Gesellschaft) nicht aus. Es sei jedoch nicht einfach, den Kontakt zur Bevölkerung herzustellen. «Erstens besteht der Grundauftrag der Hochschule darin, junge Menschen auszubilden und Forschung zu betreiben», sagt Knutti. «Für die Öffentlichkeitsarbeit sind verhältnismässig wenig Zeit und Ressourcen vorhanden. Das wird noch erschwert, wenn die Medien beim Wissenschaftsjournalismus laufend abbauen.» Zudem sei Grundlagenforschung manchmal weit entfernt von der Praxis und nicht leicht zu erklären. «Die Wissenschaft muss aber über die bisherige Art der Wissenschaftskommunikation hinausgehen», fordert Knutti. Wenn die Forschung für niemanden mehr verständlich sei, niemand mehr davon wisse oder sie nicht ernst genommen werde, dann brauche es sie nicht mehr.

Verzerrte Fakten, eine Gefahr für die Gesellschaft

Grundsätzlich ist Knutti aber der Ansicht, Forschung sollte nicht politisch sein. «Die Gesetze der Physik und die Fakten sind für alle Parteien dieselben. Die Wissenschaft soll der Politik nicht vorschreiben, was zu tun ist.» Andererseits seien die Fakten nun mal, wie sie sind, egal ob sie angenehm oder unangenehm sind, ob sie ins Parteiprogramm passen oder nicht. «Wenn die Politik versucht, die Fakten zu verzerren, dann widerspricht das den Grundprinzipien unserer Gesellschaft», sagt Knutti. «Dann muss die Wissenschaft mit Vehemenz darauf hinweisen. Ob ein Protestmarsch das geeignete Mittel ist, kann ich aber nicht beurteilen.»

Wie dem auch sei: Die Initiatoren wollen den «March for Science» wegen einiger Einwände nicht absagen. Er soll am Samstag, den 22. April, in Washington D.C. über die Bühne gehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.02.2017, 13:31 Uhr

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