Interview

«Mit Innovation verändert man die Welt zumindest ein bisschen»

Warum ist Innovation so wichtig für die Wirtschaft? Und warum lässt die Innovationskraft nach? Nobelpreisträger Edmund Phelps hat die Antworten in seinem neuen Buch.

«Die US-Innovationskraft hat abgenommen»: Edmund Phelps.

«Die US-Innovationskraft hat abgenommen»: Edmund Phelps. Bild: Dominique Meienberg

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Wir haben den Schlüssel zur Innovation verloren, stellen Sie in Ihrem Buch fest. Was ist schiefgelaufen?
Der Aufstieg von Innovation und wirtschaftlicher Dynamik – zuerst in Grossbritannien und den USA, später in Deutschland und Frankreich – war das Resultat der gesellschaftlichen Werte der Aufklärung. Im 19. Jahrhundert hat diese Entwicklung die kritische Masse erreicht, Innovationen konnten sich innerhalb ganzer Nationen durchsetzen.

Warum klappt das nicht mehr?
Entweder haben wir die Werte der Aufklärung verloren, oder traditionelle Werte kehren wieder zurück.

Es gibt auch Ökonomen, die sagen: Wir haben in den letzten 250 Jahren ganz einfach Glück gehabt und einen Innovationsschub erlebt, der sich nicht wiederholen lässt. Was sagen Sie dazu?
Ich kann die Logik hinter dieser Aussage nicht erkennen. Bis ins 19. Jahrhundert ist man allgemein davon ausgegangen, dass Innovation das Resultat von Wissenschaft und politischer Führung ist. Dann betrat Joseph Schumpeter die Bühne der Ökonomie, ein junger Mann mit grossen Zielen. Er fügte noch die Persönlichkeit des Unternehmers als Erfolgsfaktor hinzu. Innovation ist seither das Resultat von Wissenschaft, politischer Führung und Unternehmertum. Die Ökonomen haben überraschenderweise diese Innovationstheorie akzeptiert.

Sie akzeptieren diesen Ansatz nicht. Weshalb nicht?
Die Anhänger von Schumpeter sagen: Wir haben keine Innovation mehr, weil die Wissenschaft keine Ideen mehr liefert, die tüchtige Unternehmer umsetzen können. Das leuchtet mir nicht ein. Die Wirtschaft ist genauso kreativ wie die Wissenschaft. Und ich begreife nicht, weshalb die Wirtschaft keine Ideen für neue Produkte und Dienstleistungen haben sollte.

Weil es derzeit keine Genies gibt wie Steve Jobs oder Bill Gates?
Es geht nicht nur um die Steve Jobs und Bill Gates dieser Welt, es geht auch um die ganz normalen Menschen. Sie sind für die Mehrheit der Innovationen in der Geschäftswelt verantwortlich. Menschen in einem Operationssaal eines Spitals beispielsweise, die ein neues Vorgehen entdecken.

Halten Sie das schwache Wachstum seit der Krise für eine Normalität? Sollte man dagegen nicht mit fiskal- oder geldpolitischen Massnahmen vorgehen?
Nein, das wahre Problem ist der schon länger anhaltende Rückgang der Innovation. Das ist der Grund, weshalb die Erwerbstätigkeit fällt und die Arbeitslosigkeit zunimmt. Verschiedene Regierungen haben gegen diese Entwicklung angekämpft – mit wenig Erfolg. Schliesslich musste ein Immobilienboom für Vollbeschäftigung sorgen. Das konnte jedoch nicht lange gut gehen – und ging auch nicht lange gut.

Die Immobilienblase als Folge der Innovationskrise?
Ja, die US-Wirtschaft hatte keine neuen Produkte mehr und konnte nur noch in Häuser investieren. Wir leben im Zeitalter einer «neuen Normalität» mit sinkender Innovationskraft und damit verbunden auch sinkender Erwerbstätigkeit und einem geringeren Wachstum.

Ihre These ist umstritten. Es gibt auch Leute, die sagen: Die digitale Revolution wird für eine ganz andere Welt sorgen, mit intelligenten Robotern und sich selbst lenkenden Autos. Was entgegnen Sie?
Ich habe nie behauptet, Innovation sei verschwunden, ich sage bloss, sie verlangsame sich.

Wie misst man eigentlich Innovation?
Indem man auf das Wachstum der Produktivität schaut. Das ermöglicht eine plausible Einschätzung der Innovationskraft. Über die gesamte US-Wirtschaft gesehen, stagniert die Produktivität, aber das gilt nicht für jede Gegend und für alle Industrien gleichermassen. Deshalb kann man – überspitzt formuliert – auch sagen: Die Innovation beschränkt sich derzeit auf einen schmalen Streifen an der Westküste des Landes.

Warum reden alle über die «dritte industrielle Revolution»? Ist das Geschwätz, oder findet sie nur im Silicon Valley statt?
Zweifellos findet im Silicon Valley Innovation statt, und zweifellos beeinflusst diese Innovation die Produktivität. Wenn jemand das «dritte industrielle Revolution» nennen will – okay, ich kann damit leben. Man kann es aber auch als Hype bezeichnen.

Innovation wird manchmal auch daran gemessen, wie viel Geld in Forschung und Entwicklung gesteckt wird. Ist das sinnvoll?
Ökonomen wissen längst, dass es zwischen dem Geld, das in Forschung und Entwicklung fliesst, und der Innovation, die dabei herauskommt, einen sehr schwachen Zusammenhang gibt. Seien wir ehrlich: Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung dienen vor allem dazu, Steuern zu optimieren.

Lässt sich Innovation überhaupt mit Geld erzwingen?
Das Konzept der Innovation wird sehr schlecht verstanden, vor allem von Wissenschaftlern. Innovation ist nicht einfach eine Erfindung, es ist ein neuer Prozess. Damit verändert man die Welt, zumindest ein bisschen. Wenn ein Wissenschaftler in seinem Labor eine neue chemische Verbindung herstellt, ist das noch keine Innovation.

Lässt sich Innovation politisch steuern?
Nein, sonst könnten wir sie ja in die Hände von Leute legen, die darüber Bescheid wissen, was für Produkte in der Zukunft gefragt sein werden und wie wir sie am besten herstellen können. Genau diese Menschen gibt es leider nicht. Nicht einmal der US-Präsident weiss darüber Bescheid. Deshalb sollte sich die Regierung auch nicht einmischen.

Was ist mit Präsident Kennedy und dem Mondflug?
Was hat das dem Bruttoinlandprodukt genützt? Ja, wir haben einen Mann auf den Mond geschossen und ihn auch wieder zurückgeholt. Aber das hatte doch nichts mit Innovation am Hut.

Lässt sich Innovation ökonomisch lenken?
Mein Buch handelt davon, dass dies nicht möglich ist. Ich bin zwar überzeugt, dass wir unsere Zukunft selbst kreieren, dass wir aber gleichzeitig nicht wissen, wie wir dies tun. Die Naturwissenschaftler wissen es nicht, die Ökonomen wissen es nicht, die Unternehmer wissen es nicht, obwohl diese manchmal ein besseres Bauchgefühl haben. Ich kann mich erinnern, dass ich als 7-jähriger Knabe zur Weltausstellung nach New York durfte. Es gab dort die tollsten Erfindungen und Zukunftsprojekte zu sehen. Kaum etwas davon ist je in die Praxis umgesetzt worden.

Wir brauchen eine nachhaltige Technik, wenn wir unseren Planeten nicht zerstören wollen. Lässt sich Cleantech fördern?
Die Regierung hat sicher die Möglichkeit, die wirtschaftliche Entwicklung in Richtung Cleantech zu schubsen. Aber wenn Beamte versuchen, einen Zukunftsplan für Cleantech zu entwerfen, dann sehe ich schwarz. Sie wissen ganz einfach zu wenig über die komplexen Zusammenhänge der Wirtschaft. Zudem: Wenn man mit Cleantech Geld verdienen kann, dann sind die Unternehmen sofort zur Stelle. Schauen Sie sich bloss das Elektroauto Tesla an, ein fantastisches Produkt.

Es wird von der Regierung subventioniert.
Ja, aber es wurde nicht von einem Staatsbeamten entwickelt.

Innovationsförderung ist ein heisses Thema in der Ökonomie. Wo stehen Sie in dieser Diskussion?
Das Thema ist ziemlich neu – und mein Buch ist erst seit etwas mehr als einem Monat erhältlich. Ernsthaft: Wir leben heute in einer Gesellschaft, in der die Werte der Aufklärung an Bedeutung verlieren und viel ältere Werte wieder an Bedeutung gewinnen. Das ist für mich der wichtigste Grund, weshalb die Innovationskraft unserer Wirtschaft nachlässt. Ich kann diese These auch statistisch beweisen, aber ich kann sie im Rahmen dieses Interviews nicht detailliert erörtern.

Sie sind Professor an der Columbia University und gleichzeitig auch als Rektor der chinesischen New Huadu Business School tätig. Was reizt Sie an China?
Ich freue mich, dass ich das Thema Innovation zumindest an einer chinesischen Business School zu einem Schwerpunktthema machen konnte. Das ermöglicht mir, darüber mit der gesamten Business-Gemeinschaft zu diskutieren. Und das mache ich auch sehr intensiv.

Was für Erfahrungen machen Sie dabei?
Ich bin erstaunt, wie gut die chinesischen Geschäftsleute über den Westen informiert sind. Überhaupt sind die Chinesen von ihrem Naturell her sehr gute Unternehmer.

Offiziell ist China immer noch ein kommunistischer Staat. Wie geht das zusammen?
Die Regierung lässt den Privatsektor gewähren. Für die nächste Etappe in Richtung Innovation ist es allerdings nötig, dass die Regierung es auch zulässt, dass mehr Kapital in den Privatsektor fliesst. Zudem müssen andere Anreize geschaffen werden. Heute gehen die am besten ausgebildeten Menschen nicht in den Privatsektor, sondern immer noch zum Staat oder zur Partei. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.10.2013, 08:22 Uhr

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Edmund Phelps

Der 80-Jährige erhielt 2006 den Nobelpreis für Ökonomie. Er ist Direktor des Center on Capitalism and Society an der Columbia University in New York. Sein neustes Buch «Mass Flourishing» ist bei Princeton University Press erschienen. Seit 2010 ist er Dekan der neu gegründeten New Huadu Business School mit Sitz in der Universitätsstadt Fuzhou und Ablegern in Peking und Shanghai. Bald wird die private Business School auch in Zürich ihren Betrieb aufnehmen. Die Eröffnung der New Huadu Business School (Switzerland) erfolgte bereits im Frühjahr. Es ist das erste Mal, dass eine chinesische Business School ins Ausland geht. (bwi)

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