Noch sind Schweizer Jungakademiker verwöhnt

Eine EU-Umfrage zeigt, wie der Akademische Nachwuchs seine Zukunft sieht. Während Hochschulabsolventen hierzulande selbstbewusst hohe Gehälter fordern, sind sie im Süden von Zukunftsängsten geplagt.

Das Gedränge wird zunehmen: Wer sich künftig für ein Studium entscheidet, muss mit randvollen Hörsälen rechnen.

Das Gedränge wird zunehmen: Wer sich künftig für ein Studium entscheidet, muss mit randvollen Hörsälen rechnen. Bild: Urs Baumann

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Die Schweizer Hochschulabsolventen sind in Europa einsame Spitze – zumindest in ihrer Anspruchshaltung: So wollen etwa hiesige Studierende der Wirtschaftswissenschaften bei ihrem ersten Job heute ein Jahressalär von rund 85'300 Franken einstreichen. Damit sind sie von der Realität gar nicht mal so weit entfernt (siehe Box): Schweizer Absolventen kennen also ihren Marktwert und fordern ihn selbstbewusst ein.

Bemerkenswert sind ihre Lohnvorstellungen denn auch nicht, weil sie völlig utopisch wären. Eklatant ist vielmehr die massive Differenz zu Resteuropa. Denn ihre bulgarischen Kommilitonen wagen von solchen Summen nicht einmal zu träumen. Sie üben sich vielmehr in Bescheidenheit und wären mit zehnmal weniger zufrieden – mit einem Einstiegsverdienst von umgerechnet 8'100 Franken pro Jahr. Das entspricht einem Stundenlohn von rund 4 Franken.

Genügsame Osteuropäer

Hinter den Schweizern steigen die norwegischen, dänischen und deutschen Wirtschaftsstudenten mit den höchsten Gehaltserwartungen ins Erwerbsleben. Unter dem gesamteuropäischen Schnitt von 25'800 Franken finden sich durchwegs die Businessabsolventen aus Süd- und Osteuropa. Das geht aus der grössten Absolventenbefragung Europas hervor, die das Berliner Trendence-Institut jedes Jahr durchführt. 2012 nahmen daran mehr als 340'000 Studierende von Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften teil, die an rund 950 Hochschulen in 24 Ländern kurz vor dem Abschluss stehen.

Ein ähnliches Gefälle wie bei den Ökonomiestudenten zeigt sich bei den Ingenieuren und IT-Spezialisten. Auch hier liegen die Schweizer mit ihren Salärerwartungen von 81'200 Franken jährlich klar in Front – und deutlich über dem europäischen Mittelwert von 31'800 Franken. Besonders genügsam sind auch hier die Osteuropäer: Sie hoffen im Schnitt auf einen Verdienst von 14'100 Franken in ihrem ersten Berufsjahr. Bei den Südeuropäern sind es 22'500 Franken, während Technikabsolventen aus West- und Nordeuropa von 49'400 Franken ausgehen. Auffallend ist dabei: Ausser in Ungarn, Polen und der Türkei sind die Ansprüche gegenüber den Vorjahren überall gestiegen.

Hochschulabsolventen stellen die Karriere nicht mehr über alles

Zugleich nimmt die Einsatzfreude der kommende Elite Europas allerdings ab: Im Schnitt sind die jungen Ökonomen des Abschlussjahrgangs 2012 zwar bereit, 44,3 Stunden pro Woche zu arbeiten, die Nachwuchsingenieure 43,4 Stunden. Doch tendenziell wollen die Jungakademiker heute für mehr Geld weniger lange arbeiten als noch vor zwei bis drei Jahren – besonders in West- und Nordeuropa. Deutsche Businessabsolventen etwa rechnen damit, wöchentlich 45,5 Stunden am Arbeitsplatz zu verbringen. Das sind anderthalb Stunden weniger als 2009. Bei den Kollegen in der Schweiz warens 2009 48,3 Stunden und 2011 noch 45,7 Stunden – Tendenz weiter sinkend.

Dahinter steckt ein langfristiger Trend: Die Absolventen, die jetzt vom Hörsaal ins Büro wechseln wollen, stellen die Karriere nicht mehr über alles. Eine ausgewogene Work-Life-Balance ist ihnen zunehmend wichtiger, wie die EU-Umfrage zeigt. Diese erfasst auch die gegenwärtige Stimmung der Studienabgänger in den 24 untersuchten Ländern. Deutlich zutage treten dabei die Folgen der europäischen Wirtschafts- und Schuldenkrise. So grassieren etwa in den besonders betroffenen Krisenstaaten Südeuropas angesichts von Arbeits- und Perspektivenlosigkeit massive Zukunftsängste: Knapp 98 Prozent der griechischen Technik- und rund 94 Prozent der Wirtschaftsabsolventen machen sich grosse Sorgen um ihre berufliche Zukunft.

Gelassener Blick in die Zukunft bei Schweizer Studierenden

Das ist laut Trendence-Institut 2012 der absolute Negativrekord in Europa. Bei den spanischen Jungakademikern beträgt der Anteil 86 Prozent. Doch auch das liegt deutlich über dem europäischen Durchschnitt von knapp 59 Prozent. Am unbeschwertesten sind die befragten norwegischen Studenten, von denen sich nicht einmal ein Viertel besorgt zeigt.

Die aktuellen Vergleichszahlen für die Schweiz liegen noch nicht vor. 2011 jedoch blickten die hiesigen Studierenden ihrer Zukunft ähnlich gelassen und optimistisch entgegen wie heute die Norweger – bei den Nicht-EU-Mitgliedern ist die Stimmung in der Schuldenkrise offenbar am besten.

Jeder dritte Student in Europa möchte in der Schweiz arbeiten

«Insgesamt», bilanziert die Trendence-Forscherin Mariana Rajic, «wird die Kluft zwischen Besorgten und Sorglosen immer grösser» – oder mit andern Worten: der Graben zwischen Süd- und Nordeuropa. Das bleibt nicht folgenlos: Besonders dem Süden Europas droht der akademische Nachwuchs davonzulaufen. Viele junge Griechen, Spanier, Italiener und Portugiesen wollen nach dem Studium bloss eines: ihr Land verlassen. In Griechenland etwa gibt mehr als jeder zweite Absolvent eines Technikstudiums an, ins Ausland gehen zu wollen. In Spanien und Portugal hegen jeweils mehr als 40 Prozent Auswanderungspläne, in Italien sind es 37 Prozent.

Diese neue Stimmungslage birgt langfristig erhebliche Gefahren: Wandern die Fachkräfte aus den südlichen Krisenstaaten ab, verschärft sich das strukturelle Ungleichgewicht innerhalb der EU weiter. Zumal die beliebtesten Zielländer Grossbritannien und Deutschland sind. Die Schweiz folgt auf Platz 3: Mehr als jeder dritte befragte Student in Europa würde gerne in der Schweiz arbeiten. Das Resultat bestätigt die unlängst publizierten Zahlen einer OECD-Studie, wonach die Schweiz im Zuge der Wirtschaftskrise für Arbeitsmigranten besonders attraktiv ist. Eine starke Anziehungskraft hat sie weiterhin beim nördlichen Nachbarn: Mehr als jeder zweite deutsche Nachwuchsökonom käme liebend gern hierher – bei den jungen Ingenieuren und Informatikern steht die Schweiz sogar ganz zuoberst auf der Wunschliste.

Erstellt: 19.07.2012, 18:38 Uhr

Lohnerwartungen in ausgewählten Ländern

Zum Vergrössern der Grafik bitte klicken. (Bild: Quelle: Trendence Institut 2012)

Prognosen der Studierenden an Universitäten nach Studienstufe

Stand Juni 2011 (Bild: Grafik Berner Zeitung / Quelle: Bundesamt für Statistik)

Prognosen der Studierenden an Fachhochschulen nach Studienstufe

Stand Juni 2011 (Bild: Grafik Berner Zeitung / Quelle: Bundesamt für Statistik)

Die Konkurrenz wächst

Ein abgeschlossenes Studium ist zwar keine Garantie für einen einträglichen Job. Doch im Vergleich zum übrigen Europa stehen die Chancen dafür hierzulande gut – selbst wenn viele Absolventen den Umweg über ein Praktikum gehen müssen. So bezogen etwa laut den aktuellsten Zahlen des Bundesamtes für Statistik (BFS) aus dem Jahr 2009 Wirtschaftswissenschaftler in der Schweiz ein Jahr nach ihrem Abschluss an Uni oder Fachhochschule (FH) im Schnitt ein Gehalt von rund 82 000 Franken (Uni: 83 200 Franken; FH: 80 600 Franken). Bei IT und technischen Disziplinen sind es durchschnittlich 75 500 Franken (Uni: 71 000 Franken; FH: 80 000 Franken). Über alle Fachrichtungen gesehen verdienen gemäss BFS Absolventen in der Schweiz im ersten Berufsjahr durchschnittlich 75 600 Franken, wenn sie von der Uni kommen – und 78 000 Franken mit einem FH-Abschluss im Sack.

Kein Wunder also ist ein Hochschulstudium in der Schweiz weiterhin begehrt. Das belegen die Studierendenzahlen: Diese wuchsen etwa an der Uni Bern in den letzten Jahren bis 2011 kontinuierlich auf rund 14 000 – und für das kommende Herbstsemester ist wohl mit einem weiteren Anstieg zu rechnen. Die Tendenz gilt für die ganze Schweiz: Das BFS prognostiziert bis mindestens 2014 ein anhaltend markantes Wachstum von durchschnittlich rund 3 Prozent jährlich. Das heisst: Zwischen 230 000 und 236 000 Studis bevölkern dann die hiesigen Hörsäle – wobei der Zuwachs an den Fachhochschulen (FH) noch grösser sein wird als an den Unis (s. Grafik). Nach 2014 flacht die Wachstumskurve zwar ab. Doch wenn 2020 gemäss BFS-Szenario rund 8,5 Millionen Menschen in der Schweiz leben, haben dann rund 1,3 Millionen von ihnen einen Hochschulabschluss. Das entspricht dannzumal einem Anteil von 28 Prozent an der Bevölkerung im Alter von 25 bis 64 Jahren (2010: 22 Prozent). Die oft beklagte Akademisierung schreitet damit munter voran.

Das zeigt auch der Vergleich mit der prognostizierten Bevölkerungszunahme: So wächst zwischen 2010 und 2020 die Zahl der 25- bis 64-Jährigen laut BFS voraussichtlich um 4,5 Prozent – die Zahl der Hochschulabschlüsse in dieser Altersgruppe schnellt im gleichen Zeitraum aber um satte 35 Prozent hoch. Auch auf Schweizer Hochschulabsolventen kommen damit härtere Zeiten zu. Einen Job zu finden, dürfte für sie merklich schwieriger werden. Noch hat die Zukunftsangst allerdings die hiesigen Absolventen nicht eingeholt (siehe Haupttext).

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