Professorin rettet Daten vor Trump

Forscher fürchten Zensur und Eingriffe der US-Regierung. Eine Professorin versucht nun, sensible Daten in Sicherheit zu bringen - bevor es zu spät ist.

Erregt den Argwohn der Wissenschafter: US-Präsident Donald Trump.

Erregt den Argwohn der Wissenschafter: US-Präsident Donald Trump. Bild: Joshua Roberts/Reuters

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Man werde übrigens zu dritt sein beim Gespräch, sagt Bethany Wiggin, «aber keine Sorge», der Überraschungsgast werde einem gefallen. «Er ist sehr kompetent bei unserem Thema." Das Thema ist Wissenschaft und Politik, oder präziser: die Angst der amerikanischen Forscher vor dem Präsidenten Donald Trump.

Wiggin, Mitte vierzig, blonde Haare, Jeansjacke, ziemlich cool für eine Professorin, eilt über den Campus der University of Pennsylvania: «Ben wartet auf uns.» In einem schattigen Eck bleibt sie vor einer Bronzestatue stehen, die lebensgrosse Skulptur eines Mannes, der lesend auf einer Parkbank lümmelt: «Darf ich vorstellen: der ehrenwerte Benjamin Franklin.»

Benjamin Franklin war einer der Gründerväter der Vereinigten Staaten und der Universität von Pennsylvania, er hat die Unabhängigkeitserklärung mitgeschrieben und den Blitzableiter erfunden. Bethany Wiggin sagt: «Er war Politiker und Wissenschaftler, das gab es damals. Und heute? Heute müssen wir uns gegen unseren eigenen Präsidenten verteidigen.»

Trumps chinesischer Trick

Donald Trump hatte schon vor seinem Amtsantritt den Argwohn vieler Wissenschaftler erregt, den Klimawandel hat er mal ein «Gerücht» und mal einen »chinesischen Trick» genannt. Tatsächlich unternahm Trump dann einiges, was die Wissenschaft als feindlichen Akt verstehen musste: Er kündigte den Pariser Klimaschutzvertrag und kürzte die Mittel für die einschlägige Forschung um bis zu 20 Prozent. Auch andere Bereiche sind von den Einschnitten betroffen, etwa die Stammzellforschung. «Dagegen können wir wenig tun», sagt Wiggin, ausser demonstrieren natürlich, wie beim March for Science im April. «Aber eine Sache können wir tun: Wir können die Daten retten.»

Bethany Wiggin unterrichtet eigentlich deutsche Literatur hier in Philadelphia, ausserdem betreut sie ein interdisziplinäres Programm zum Verhältnis von Mensch und Umwelt. Und Anfang des Jahres ist ein zeitintensives Ehrenamt dazugekommen: Sie leitet ein riesiges Projekt zur Online-Archivierung von wissenschaftlichen Daten der US-Regierung. Nicht im Auftrag dieser Regierung. Sondern aus Furcht vor ihr.

Wohin mit der Wut?

Die spontane Datenrettung könnte sogar in ein noch viel grösseres Vorhaben münden Wiggin ist eine Liberale, die meisten ihrer Freunde und Kollegen sind Liberale, und als Trump im November 2016 die Wahl gegen Hillary Clinton gewann, da fragten sie sich alle: Wohin mit der Enttäuschung, wohin mit der Wut? Schnell kam ihnen der Gedanke, dass die Datenbestände zum Klimawandel in Gefahr sein könnten - die Werte zur Erderwärmung oder zu steigenden Meeresspiegeln, die Messstationen überall im Land und rund um die Welt erfassen. Hatte es nicht schon Löschungen gegeben, als mit George W. Bush 2001 ein bekennender Freund der Ölindustrie ins Weisse Haus einzog? Und was war 2006 drüben in Kanada los? Da sei es noch viel drastischer gewesen, sagt Wiggin, als der Konservative Stephen Harper Premierminister wurde.

Also versammelten sich am Wochenende vor Trumps Amtseinführung 200 IT-Spezialisten, Bibliothekare und andere Aktivisten an der University of Pennsylvania, um Daten von Regierungswebseiten auf externen Servern zu sichern, teilweise in Europa. 7229 einzelne Seiten waren es am Ende. Nun sieht im sechsten Stock der Van Pelt Library wieder alles sehr geordnet aus, aber damals: ein Haufen Laptops, Wechselfestplatten, wild bemalte Flipcharts, überall Pizzakartons und Kaffeebecher. «Das war der Anfang», sagt Wiggin. Seitdem hat es mehr als 50 solche «Data Rescue Events» an Unis überall in den USA gegeben. Die Freiwilligen haben sich erst die gigantische Webpräsenz der US-Umweltschutzbehörde EPA vorgenommen, später auch jene vieler anderer wissenschaftlicher Regierungsorgane wie der Nasa. Man kann wohl sagen, dass die Anstrengungen zumindest die Ebene des Symbolischen hinter sich gelassen haben.

Der Nutzen der Daten

Gespeichert werden die Daten entweder im Internet Archive, einer seit 1996 bestehenden gemeinnützigen Online-Bibliothek, oder in der neu eingerichteten Datenbank datarefuge.org. Dort werden komplexe Informationen auch kuratiert und für die Bürger zugänglich gemacht. «Das ist technisch oft eine Herausforderung», sagt Wiggin, etwa bei einer interaktiven EPA-Karte zu Treibhausgas-Emissionen. Mit einer Werbe-Kampagne wolle man zeigen, welchen praktischen Nutzwert die Daten haben. «Ein Beispiel», sagt Wiggin. «Wir erzählen die Geschichte einer Mutter, die hier in Philadelphia für sich und ihre asthmakranke Tochter eine Wohnung suchte.

In der Datenbank konnte sie nachschauen, in welchem Stadtteil die Luftqualität am besten ist.» Die spontane Datenrettung nach der Trump-Wahl könnte sogar in ein noch viel grösseres Vorhaben münden: Wiggin und ihre Mitstreiter sind Teil der Initiative Libraries+, der auch die Library of Congress, zahlreiche weitere Spitzen-Bibliotheken sowie die Mozilla Foundation, die sich für ein freies Internet einsetzt, angehören. Ziel ist es, erstmals ein System für die digitale Veröffentlichung und Archivierung von Regierungsdaten zu entwickeln. Bethany Wiggin schaut recht zufrieden drein an der Seite von Benjamin Franklin.

Immer wieder Löschungen

Bleibt die Frage, welche Daten die Trump-Regierung denn bislang wirklich von ihren Webseiten gelöscht hat. Das ganze Ausmass, das gibt Wiggin zu, ist schwer zu beurteilen. Offensichtlich ist, dass Informationen zum Klimawandel auf den EPA-Seiten jetzt zumindest gut versteckt sind; Verweise auf den Beitrag des Menschen zur Erderwärmung sind fast gar nicht mehr zu finden. Unter dem Präsidenten Barack Obama fand man die entsprechenden Links gleich auf der Startseite.

Immer wieder melden Beobachter Fälle von Löschungen: Kürzlich verschwand etwa auf einer Energie-Seite für Kinder ein Kuchen-Diagramm, das den Zusammenhang zwischen Kohle und Treibhausgas erklärt. Von der Seite des Weissen Hauses wurde eine Tabelle entfernt, die Unternehmen nach ihrer Energieeffizienz bewertet. Bethany Wiggin hat da jedoch einen Tipp: Man findet die Tabelle schon noch - im Archiv. (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 20.06.2017, 16:08 Uhr

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