Schweizer Diplomatie in schwierigen Zeiten

Eine Biografie des Diplomaten Walter Stucki, gibt Einblicke in das Leben des Spitzendiplomats.

Der «achte» Bundesrat: Der Spitzendiplomat Walter Stucki - auf dem Bild im Juli 1958 im Büro in Bern - agierte nie aus einer politischen Schwäche heraus.

Der «achte» Bundesrat: Der Spitzendiplomat Walter Stucki - auf dem Bild im Juli 1958 im Büro in Bern - agierte nie aus einer politischen Schwäche heraus. Bild: Keystone

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Die Schweiz steht seit rund 20 Jahren unter enormem diplomatischem Druck. Zuerst ab Mitte der Neunzigerjahre mit ihrer Flüchtlingspolitik im Zweiten Weltkrieg, nachrichtenlosen Vermögen und sogenanntem Raubgold, später und aus ganz anderen Gründen mit der finanziellen Privatsphäre, Steuern auf ausländischen Vermögen und Unternehmensgewinnen sowie dem Bankgeheimnis.

Das Ende des Kalten Krieges hat Kräfte von Staaten freigesetzt, sich mit der Schweiz zu beschäftigen. Die Schweizer Diplomatie geriet in die Defensive und es entstand der Eindruck, dass sie den Weg daraus bis jetzt nicht gefunden hat. Angesichts der Grössenverhältnisse ­zwischen der Schweiz und den USA und europäischen Staaten verwundert das nicht.

Wie macht man als Kleinstaat erfolgreich Diplomatie? Das ist die Kernfrage der schweizerischen Interessenvertretung. Und diese Frage ist nicht neu.

Bei der Suche nach möglichen Antworten hilft ein Blick in die Geschichte – nicht um plump von ihr zu lernen, sondern um Ansätze für aktuelle Antworten zu finden. Dazu eignet sich eine vor Kurzem erschienene Biografie über Walter Stucki, «le grand Stucki» wie er intern auch genannt wurde. Schon als 28-Jähriger wurde er Generalsekretär des Volkswirtschaftsdepartementes und später Chef der Handelsabteilung. Gegen Widerstände – besonders aus der Wirtschaft – setzte er sich am Ende des Ersten Weltkrieges für freien Handel und gegen Einfuhrbeschränkungen ein. Stucki befürchtete zu Recht, die Schweiz würde zu einer Hochpreis­insel, was nicht im Interesse der Konsumenten sei. Von 1938 bis 1944 war Stucki Schweizer Gesandter in Paris und nach der Eroberung Frankreichs durch Nazi-Deutschland in Vichy.

Der knallharte Verhandler

Nach dem Krieg erreichte Stucki den Höhepunkt seiner Karriere als Chef der Abteilung für Auswärtiges im Politischen Departement (heute Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten). Es warteten schwierige Verhandlungen in Washington über Entschädigungsforderungen der USA, Grossbritanniens und Frankreichs an die Schweiz. Die Ausgangslage war ungemütlich, ja feindselig. Die siegreichen Alliierten verlangten die Beschlagnahmung von deutschen Vermögenswerten in der Schweiz. Damit sollte eine Entschädigungszahlung geleistet werden. Also genau die Durchsetzung von eigenem Recht auf fremdem Territorium, wie die Schweiz es auch heute erlebt. Die Alliierten warfen der Schweiz vor, sich an der Befreiung des Kontinents nicht beteiligt zu haben. Die USA hatten vorsorglich schweizerische Vermögen in den USA blockiert und «schwarze ­Listen» mit Schweizer Unternehmen zusammengestellt, um ihnen die Geschäftstätigkeit auf den Territorien der Alliierten zu erschweren.

Das Buch beschreibt spannend, wie Walter Stucki mit staatsmännischem Format und rhetorischem Geschick die Interessen des Kleinstaates Schweiz verteidigte. Er erinnerte beispielsweise die Alliierten mit Worten des ehemaligen amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt daran, die Rechte der Kleinstaaten zu schützen. Stucki ging nicht geringe Risiken ein. Zur Taktik seiner Diplomatie gehörte neben Unnachgiebigkeit und Beharrlichkeit sogar ein scheinbarer Verhandlungsabbruch. Als Stucki nach zwei Monaten in die Schweiz zurückkehrte, fand er das Resultat «nur annehmbar, nicht mehr». Dies obwohl mit der Abschaffung der «schwarzen Listen» ein wichtiger Erfolg erzielt worden war. Die Zahlung von 250 Millionen Franken als Entschädigung (Stucki hatte 100 Millionen angeboten) war schmerzhaft. Das Abkommen erwies sich bald als wichtig für den Neuanfang nach dem Krieg. Es eröffnete der Wirtschaft neue Märkte und eine Teilnahme der Schweiz am beginnenden Wirtschaftswunder.

Vertrauen schaffen

Die Diplomatie hat sich verändert, multilaterale Beziehungen haben an Bedeutung gewonnen. Die Kernfrage aber ist geblieben: Wie verhandelt der Kleinstaat Schweiz mit viel grösseren und mächtigeren Staaten? Geblieben ist auch die Notwendigkeit zum unnachgiebigen und starken Auftritt – gerade in schwierigen Situationen und unter enormem Druck. Nicht nur wegen der direkten Verhandlungs­resultate, sondern auch weil sich Diplomaten nur so das Vertrauen der heimischen Bevölkerung verdienen, was wiederum den selbstbewussten Auftritt rechtfertigt. Walter Stucki war ein Meister seines Fachs.

Wo sind seine Nachfolger geblieben, die auch übermächtigen Gegnern entgegentreten? Wer erinnert heute die grossen Staaten an die Prinzipien des Rechts? Wer schafft Vertrauen in die Schweizer Diplomatie?

Erstellt: 14.05.2013, 10:31 Uhr

Konrad Stamm: Der ‹grosse Stucki›

Eine schweizerische Karriere von welt­männischem Format». Verlag Neue Zürcher Zeitung. 420 Seiten, 48 Franken.

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