Bei den Kühen piepts

Mit einem Hightech-Halsband und GPS-Daten soll Tierhaltung ohne sichtbare Zäune möglich werden

Kühe auf einer Juraweide: Virtuelle Weidezäune sind ideal für unzugängliche Gebiete

Kühe auf einer Juraweide: Virtuelle Weidezäune sind ideal für unzugängliche Gebiete Bild: Jean-Christophe Bott/Keystone

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Die eine Kuh testet geradezu analytisch aus, wo sie überall hintrotten kann, bevor das Halsband piepst und ihr – wenn sie weitergeht – einen leichten Stromschlag versetzt. Eine andere reagiert verstört, weil sie den Warnton und die Abschreckung noch nicht einordnen kann. Die beiden Milchkühe sind Teil eines ungewöhnlichen Versuches. Sie bewegen sich auf ­einer Weide ohne sichtbaren Zaun – und dürfen sie dennoch nicht verlassen.

Christina Umstätter vom Forschungszentrum Agroscope Tänikon in Ettenhausen TG erforscht sogenannte virtuelle oder unsichtbare Weidezäune. Die Kühe tragen spezielle ­Hightech-Halsbänder mit integriertem GPS-Empfänger, einem Lautsprecher und einem Gerät für verschiedene Stimuli, zum Beispiel leichte Stromschläge.

Am Computer haben Umstätter und ihre Kollegen eine Weidefläche definiert. Das Halsband übermittelt die GPS-Daten der Kuh: Ist sie einen Meter von der festgelegten Grenze entfernt, ­erhält sie ein akustisches Signal, erreicht sie die virtuelle Umrandung, spürt sie einen elektrischen Stimulus.

«Wir müssen den Tieren zunächst beibringen, dass sie in dem definierten Weidegebiet bleiben sollen», sagt Umstätter. Wie das am besten geschieht, ist Teil der Verhaltensstudien, welche die Agrarwissenschaftlerin zusammen mit Kollegen der irischen Forschungseinrichtung Teagasc in der Grafschaft Cork durchführt. Als Warnung habe sich das akustische Signal bewährt; eine Vibration am Hals nahmen die Kühe hingegen nicht ernst.

Der Tierschutz hält die Halsbänder für Tierquälerei

Umstätter vergleicht den zweiten Teil des Lernprozesses mit der Gewöhnung an einen herkömmlichen Elektrozaun. Auch da würden die Kühe zuerst gegen den Draht geschubst, sodass sie schlussfolgern, die Barriere zu meiden. In der Lernphase dienen zunächst weisse Linien, Fahnen oder Zaunpfähle ohne Draht als optische Signale. Bereits am ersten Tag beginnen die Tiere den Zusammenhang zwischen den akustischen Signalen und dem elektrischen Stimulus zu verstehen. «Kühe sind unglaublich schlau», sagt Umstätter.

Für virtuelle Weidezäune gibt es diverse Anwendungen. Sie eignen sich zum Beispiel für unzugängliche Gebiete, wo es aufwendig und teuer ist, Zäune zu errichten. Ein Potenzial sieht Umstätter deshalb in der Schweiz auf Alpweiden. Ein anderer Vorteil ist, dass die virtuellen Zäune nicht den Lebensraum von Wildtieren blockieren. Gemäss Schweizer Tierschutz STS kommen jedes Jahr Tausende von Wild- oder Nutztieren an Zäunen zu Schaden.

Trotzdem lehnt STS-Geschäftsleiter Hans-Ulrich Huber die virtuellen Weidezäune strikt ab. Er hält das Hightech-Halsband sogar für Tierquälerei: «Tiere können diese Art von Negativreizen nicht zuordnen.»

Tatsächlich haben die Forscher auch ausprobiert, ob akustische Reize allein genügen, um die Tiere von einer virtuellen Grenze fernzuhalten – mit mässigem Erfolg. Nur etwa die Hälfte reagierte auf die nervigsten Töne. Auch positive Anreize testeten Wissenschaftler aus, etwa ein Team um den Erfinder der virtuellen Zäune, Dean Anderson, emeritiert an der New Mexico State University. Sie versuchten Kühe mit Salz oder Baumwollsamen, die den Tieren als Leckerei gelten, auf ein Weideteil zu locken. So wirksam wie die leichten Stromschläge waren aber die Belohnungsstrategien nicht.

Umstätter betont, dass der Stromschlag am Halsband geringer ist wie der bei einem herkömmlichen Elektrozaun. Zudem sei die Apparatur so eingestellt, dass sie nach den Stromschlägen abstellt.

Tierschützer Huber sieht aber noch weitere Probleme, etwa wenn grosse Wildtiere oder Hunde in die Weide eindringen und eine Kuh- oder Schafherde Reissaus nimmt. «Da nützt so ein Stromschlag im Halsband sicher nichts.»

In vielen englischsprachigen Ländern herrscht weniger Widerstand gegen die Technik. Dort sind beispielsweise unsichtbare Hunde- oder Katzenzäune längst etabliert. Die virtuellen Zäune funktionieren nach einem ähnlichen, aber simpleren Prinzip wie das für die Kühe: Etwa mit einem Induktionskabel. Auf solchen Kabeln im Boden beruht auch der «weltweit erste Versuch im offenen Gelände», wie Jeremy Dagley sagt, Landschaftspfleger für den Epping ­Forest im Norden Londons. Seit 2011 grasen in dem waldreichen Naherholungsgebiet rund 50 Rinder – gesichert hauptsächlich durch virtuelle Zäune.

Interesse an der Technik in den USA und Australien

Der grösste Nutzen dieser Technik liegt jedoch im Management grosser Viehherden. Dabei könnte in Zukunft ein Farmer zum Beispiel Textnachrichten an die Geräte im Halsband der Tiere senden und sie so quasi per Fernsteuerung zusammentreiben. «Das wird heute etwa in Australien teilweise mit Helikoptern gemacht», sagt Umstätter. Eine teure Prozedur. Entsprechend gross ist das Interesse an der Technik bereits in den USA und in Australien. Noch sind aber keine geeigneten kommerziellen Produkte auf dem Markt, räumt Umstätter ein. Das grösste technische Problem ist die Stromversorgung. Die Batterien für die Halsbänder müssten bei extensiver Viehhaltung bestenfalls monatelang halten. Das sei heute noch nicht der Fall.

Das andere Problem ist die Gesetzgebung. Hierzulande sind unsichtbare Zäune für Hunde und Katzen verboten – der Einsatz bei Rindern ist hingegen nicht geregelt. «Wenn ein grosser Nutzen da ist und auch der Tierschutz gewährleistet ist, dann sind virtuelle Weidezäune auch umsetzbar», ist Umstätter überzeugt.

Beispielsweise habe Wales eine ähnlich strikte Tierschutz-Gesetzgebung wie die Schweiz, sagt Umstätter. Im Westen des britischen Königreichs benötige man aber eine Lösung, um empfindliche Ufergebiete zu schützen – und nun wird erstmals in Wales ein ­Forschungsprojekt über virtuelle Zäune staatlich unterstützt.

Erschienen am 6.9.15 in der

Erstellt: 07.09.2015, 17:31 Uhr

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