Deutsch und uneindeutig

Schweizer brauchen nicht nur andere Wörter als Deutsche, sondern auch eine andere Grammatik. Wie das?

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Damals hätte Christa Dürscheid wohl noch vom «Züricher» Hauptbahnhof gesprochen. Die deutsche Linguistin hatte eben einen Ruf für einen Lehrstuhl an die Universität Zürich angenommen und sah ein Plakat des Schweizer Bauernverbandes im Hauptbahnhof, das sie irritierte: Abgebildet war ein Kätzchen im «Sennechutteli», darunter stand: «Gut, gibt’s die Schweizer Bauern.» – «Das geht nun gar nicht», dachte sie sich.

Es war nicht der Inhalt, der die Linguistik-Professorin irritierte, sondern die Grammatik, genauer die Satzgliedstellung: Auf das Prädikat «gut» musste ihrem Sprachgefühl nach zwingend ein «dass» im Nebensatz folgen: «Gut, dass es die Schweizer Bauern gibt.» Heute sagt sie: «Natürlich geht das!» Und zwar einfach deshalb, weil eine solche Satzstellung in der Schweiz gebräuchlich ist. So, wie in der Schweiz das «Wetter ändert», während das Wetter in Deutschland und Österreich zwingend «sich ändert». Oder: In der Schweiz und in Südtirol fährt man vorwiegend durch «Tunnels», in Österreich, in Nord- und Mitteldeutschland meist durch «Tunnel».

Wie bitte?

Das Plakat des Bauernverbands wurde für Dürscheid zum Schlüsselerlebnis. Sie habe danach mit Staunen realisiert, wie viele solche in ihren Ohren seltsam klingende Wendungen es in der Schweiz gebe. Sie erinnert sich an einen Titel im «Tages-Anzeiger»: «Bereits liegt in den Alpen Schnee.» – Was ist das denn?, habe sie sich gefragt. «Bereits» am ­Anfang eines Satzes sei in Deutschland undenkbar. Dort müsste es heissen: «Es liegt bereits Schnee in den Alpen.»

Auf der Ebene des Wortschatzes sind solche regionalen Varianten schon länger bekannt und auch erforscht: «parkieren/parken», «Türfallen/Türklinken». So erschien 2004 ein fast tausendseitiges Variantenwörterbuch des Deutschen. Dass es solch regionale Varianten auch in der Grammatik gibt, ist weniger bekannt und bisher kaum untersucht.

Ein internationales Projekt

Christa Dürscheid sagt: Oft dominiere die Anschauung, dass es ein normiertes deutsches Hochdeutsch gebe und dass Schweizer oder österreichische Varianten falsch seien. «Das kann doch nicht sein», sagt Dürscheid. «Einfach weil numerisch mehr Menschen das deutsche Hochdeutsch sprechen, soll dies das einzig richtige Hochdeutsch sein?» Das führe zu einer Abwertung des süddeutschen, schweizerischen und österreichischen Hochdeutsch. «Unsere Forschung beschreibt diese Varianten konsequent als gleichwertig.» «Standarddeutsch» heisst demnach nicht «striktes Normdeutsch», sondern jenes Deutsch, das in einer Region gängig ist.

Seit vier Jahren erforscht nun ein internationales, 13-köpfiges Team unter der Leitung von Dürscheid und zwei Kollegen aus Österreich an den Universitäten Zürich, Salzburg und Graz die grammatikalische Vielfalt innerhalb der geschriebenen deutschen Standardsprache. Dafür wurden deutsche Onlineartikel der Lokalressorts von 69 Zeitungen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Südtirol, Belgien und Luxemburg in einer Datenbank erfasst. Knapp 600 Millionen Wortformen wurden zusammengetragen.

Zurzeit werden diese Daten auf verschiedene grammatikalische Erscheinungsformen abgefragt: Konjugation, Artikelgebrauch, Genus, Wortbildung, Wort- und Satzgliedstellung und weitere. Computerlinguisten haben hierfür ein spezielles Programm entwickelt. ­Dabei geht es ausschliesslich um die geschriebene Hochsprache – nicht um Dialektausdrücke oder das am Mündlichen orientierten Schreiben, wie es in Blogs oder Internetforen häufig ist.

In der Variantengrammatik entscheidet nicht die Norm, was richtig oder falsch ist. Und auch nicht die Mehrheit. Auch wenn die allermeisten Deutschsprachigen «ich habe gesessen» sagen, ist es nicht falsch, «ich bin gesessen» zu sagen. Denn in der Deutschschweiz und in Österreich ist diese Perfektbildung viel gängiger. «Grammatikalische Konstruktionen, die in gewissen Regionen statistisch signifikant häufig vorkommen, können nicht falsch sein», sagt Dürscheid. Oder konkret: «Ein Lehrer kann doch einem Kind nicht eine Schreibweise als falsch anstreichen, die in einer Schweizer Zeitung gang und gäbe ist.»

Ziel des Projekts ist es, ein Onlinenachschlagewerk zu erstellen, dank dem die geografische Verbreitung des unterschiedlichen Sprachgebrauchs ersichtlich wird.

Was gilt im Schulaufsatz?

Das Projekt läuft noch bis 2018 und wird vom Schweizerischen Nationalfonds und einer gleichgelagerten Institution in Österreich unterstützt. Schon jetzt erstaunt die Forschenden die Vielfalt der Abwandlungen: 3540 Hinweise auf grammatikalische Varianten wurden gefunden. Auch zeigt sich, dass die Varianten grenzüberschreitend sind: Die Schweizer sind dabei dem Westen Österreichs und Liechtenstein näher, während Mittel- und Ostösterreich mehr mit Bayern gemeinsam haben. So spricht man bei uns und in Österreich gelegentlich von «Zugsverspätung», in Deutschland durchgängig von «Zugverspätung».

Doch woran sollen sich denn Deutschlehrer und Deutschlehrerinnen beim Aufsatzkorrigieren halten? Woran das Korrektorat einer Zeitung oder das Lektorat eines Verlags? Wird damit das Standarddeutsch nicht unterhöhlt, ist das nicht der Anfang eines babylonischen Wirrwarrs, sodass mit der Zeit ein Deutscher eine Schweizer Zeitung kaum mehr versteht vor lauter Wort- und Grammatikvarianten?

Dürscheid entgegnet: «Die Sprache ändert sich laufend. Wir können sie nicht in einem Zustand einfrieren.» Aus ihrer Sicht könnte die Variantengrammatik vielmehr eine befreiende Wirkung haben. «Dieser Perspektivenwechsel könnte dazu führen, dass die Schweizerinnen und Schweizer zu einem selbstbewussteren und unverkrampfteren Umgang mit der Standardsprache finden.» Das würde dann bedeuten: Gut, gibts die Variantengrammatik.

Im Video – der Zürischnurre-Test auf der Strasse:

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.04.2016, 22:53 Uhr

Das Dilemma der Korrektoren

Sandro Spadini ist stellvertretender Teamleiter des «Tages-Anzeiger»-Korrektorats. Diskussionen, wie «hochdeutsch» das Deutsch im Tagi sein soll, sind dort an der Tagesordnung. Insbesondere seit der TA mit der «Süddeutschen Zeitung» zusammenarbeitet, stehen die Korrektorinnen und Korrektoren regelmässig vor dem Dilemma: Wie stark dürfen Helvetismen einfliessen? Was mutet zu teutonisch an?

Ein Glossar existiert lediglich für Dialektwörter. Bei hochdeutschen Varianten im Wortschatz oder in der Grammatik aber gibt es keine strikten Regeln – ausser einer: «Die Schreibweise muss möglichst einheitlich sein», sagt Spadini. Beim Plural von «Tunnel» hat man sich auf das hochdeutsche «Tunnel» geeinigt. Auch gilt im TA, dass «Drittel» sächlich und nicht maskulin ist, wie in der Schweiz durchaus üblich. «In diesem Bereich ist vieles Ermessenssache», gibt Spadini zu bedenken. Dabei komme es auch auf den Tonfall und die Art eines Artikels an. Nur wenn ein Wort oder eine Wendung in Schweizer Ohren sehr befremdlich klinge, greife man ein: «So schreiben wir ‹parkieren› und ‹grillieren› – und nicht ‹parken› und ‹grillen›.» Auch gebe es Wörter wie «Urlaub», die in der Schweiz und in Deutschland nicht dasselbe meinen. Keine Chance hat im Tagi-Korrektorat ein Dativ nach «wegen» oder «während». «Da gilt bei uns strikt der Genitiv.» Obwohl in der Schweiz auch der Dativ gebräuchlich ist.

Hat Spadini schon einmal in einen ­Artikel eines deutschen Kollegen einen Helvetismus eingebaut? «Ich erinnere mich nur an einen Fall eines so starken Teutonismus, dass ich ihn nach Rücksprache mit dem Autor geändert habe.» Grundsätzlich aber gebe der Duden den Ausschlag. «Wird dort etwas als Helvetismus akzeptiert, geben wir dieser Form in der Tendenz den Vorzug.» Das bedeutet: Werden die Resultate des Projekts Variantengrammatik in den Duden aufgenommen, wird das regionalisierte Standarddeutsch gestärkt.

Christa Dürscheid

Linguistik-Professorin.

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