«Er machte Laien die Quantenphysik schmackhaft»

Die Autorin Christa Spannbauer hat den Physiker Hans-Peter Dürr als Mystiker kennen gelernt.

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Vergangene Woche ist der deutsche Physiker Hans-Peter Dürr 84-jährig gestorben. Er hat sich zeitlebens für den Frieden und gegen die ­Kernenergie eingesetzt. Was geht der Welt mit seinem Tod verloren?
Mit ihm hat die Welt nicht nur einen der bedeutendsten Naturwissenschaftler des 20. Jahrhunderts verloren, sondern auch einen grossen Humanisten und einen Friedensstifter.

Sie sind Autorin und Journalistin. Wie haben Sie den Physiker Dürr kennen gelernt?
Ich hatte ihn vor sieben Jahren zu einem Vortrag eingeladen, als ich noch Öffentlichkeitsarbeit für den Benediktushof gemacht habe, ein spirituelles Zentrum in Deutschland. Dort haben wir immer versucht, die neusten Erkenntnisse der Wissenschaft in die Spiritualität einzubinden. Und genau dies hat ja auch Hans-Peter Dürr verfolgt. Er sagte, dass das Wissen, das die Quantenphysik im 20. Jahrhundert hervorgebracht habe, ganz altes Wissen sei, nämlich, dass alles mit allem verbunden sei.

Wie meinte er das?
Es gibt eine Aussage von ihm, die mich vor einigen Jahren wie ein Blitz getroffen hat. Er hat gesagt, dass «in diesem Universum jedes Atom mit jedem anderen Atom verbunden» sei. Dadurch wurde mir die ungeheure Tragweite der Verbundenheit bewusst, in der wir uns befinden, und die Verantwortung, die jeder Einzelne von uns für die Welt hat. Ich kenne keinen anderen Wissenschaftler, der dies so radikal deutlich gemacht hat wie Hans-Peter Dürr.

Änderten sich durch Ihre Bekanntschaft mit Dürr auch Ihre eigenen Ansichten über die Naturwissenschaft?
Er konnte tatsächlich selbst Laien wie mir die Quantenphysik schmackhaft machen. Als ein Vertreter der neuen Physik hatte er das materialistische Weltbild der traditionellen Naturwissenschaft weit hinter sich gelassen.

Was hatte Hans-Peter Dürr, was andere ­Naturwissenschaftler nicht haben?
Er war ein Kernphysiker, der sich mit der eigenen Gemeinschaft anlegte und sich entschieden gegen die Nutzung der Kernenergie stellte. Mit der Entwicklung der Atombombe, so schrieb er in seinem Eröffnungsbeitrag zu unserem Buch «Connectedness», habe die Physik für immer ihre Unschuld verloren und auch ihr Versuch einer friedlichen Nutzung der Kernenergie sei von Anfang an zum Scheitern verurteilt gewesen.

Wie ist er denn vom Physiker zum Mystiker geworden?
Er ist ja Quantenphysiker geworden, weil er herausfinden wollte, was die Welt im Innersten zusammenhält. Der Paukenschlag in seiner Laufbahn als Wissenschaftler war – und dies erzählte er in seinen Vorträgen immer sehr genüsslich –, als er plötzlich vor der Erkenntnis stand, dass es die Materie gar nicht gibt und dass er fünfzig Jahre ­seines ­Lebens etwas erforscht hatte, was letztlich gar nicht existiert. Die Materie war für ihn eine Schlacke des Geistes, und die Welt enthüllte sich ihm als etwas zutiefst Spirituelles. Das war der Punkt, an dem der Physiker den Mystiker traf.

Erstellt: 24.05.2014, 09:23 Uhr

Christa Spannbauer


Die Autorin lebt in Berlin. In ihrem Buch «Connectedness» (2012, Huber-Verlag) hat Hans-Peter Dürr den Eröffnungsbeitrag verfasst.

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