Forschung für die Schublade?

Die eigene Master- oder Diplomarbeit als Buch publizieren? Die Chancen dazu hängen vor allem von der Studienrichtung ab – aber auch von der Eigeninitiative, der Note und der Aktualität des Themas.

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Für Phil.-I-Absolventen ist es eine bekannte Erfahrung. Da hat man ein halbes Jahr an einer Lizarbeit geschrieben, und letzten Endes findet sie gerade zwei Leser: Professor und Co-Referent. Manch einer würde sich vielleicht eine Publikation wünschen. Doch Simone Netthoevel vom Wissenschaftsverlag Peter Lang bleibt zurückhaltend: «Wir publizieren eher selten Master- oder andere Diplomarbeiten, da diese Untersuchungen unsere Anforderungen an wissenschaftliche Publikationen oft nicht erfüllen.»

Dennoch sind am Seminar für Filmwissenschaft der Uni Zürich in den letzten Jahren zwei Arbeiten in Buchform erschienen. Die beiden Autorinnen haben sich selber mit dem Filmfachverlag Schüren in Marburg in Verbindung gesetzt und die Verlegerin von ihrer Arbeit überzeugt. Geholfen hat vielleicht, dass eine Zusammenarbeit zwischen Seminar und Verlag dank anderer Publikationen bereits etabliert war. Ausserdem wenden sich die Arbeiten der Absolventinnen an ein relativ breites Publikum und decken auch wissenschaftlich brisante Themen ab, die im Verlagsprogramm noch nicht vorhanden waren. Neu bietet das Seminar für Filmwissenschaft auch die Möglichkeit an, Masterarbeiten auf der eigenen Website zu veröffentlichen – aufgeschaltet werden aber nur die besten Arbeiten.

Publikation als Ziel

In der Physik dagegen ist es ein erklärtes Ziel, eine Masterarbeit auch zu veröffentlichen. Publiziert wird in einer Fachzeitschrift, praktisch immer auf Englisch. Die Arbeiten sind meist im Rahmen wissenschaftlicher Projekte der Forschungsgruppe angesiedelt. Matthias Hengsberger, Oberassistent am Physik-Institut der Universität Zürich, sagt: «Bei uns können die Studierenden die Resultate oft selbst an Konferenzen präsentieren. Die Entscheidung darüber obliegt aber dem Forschungsgruppenleiter, da die Studierenden meist keinen Massstab und nicht genug Erfahrung haben, um den Wert der Resultate einzuschätzen.»

Gefragt an Fachhochschulen

Auch an Fachhochschulen werden Diplom- und Masterarbeiten für die Praxis genutzt. Am Departement Soziale Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) werden Masterarbeiten ab Note 5 auf einer eigenen Website und auf der Infostelle des Departements Soziale Arbeit publiziert. Die Infostelle ist eine etablierte Onlineplattform fürs Sozialwesen. So können Master- und Bachelorarbeiten einem breiten Fachpublikum zugänglich gemacht werden. «Auch können Organisationen bei uns Projekt- oder Forschungsideen eingeben, die dann von den Studierenden im Rahmen ihrer Masterarbeit selbstständig bearbeitet werden», sagt Esther Forrer Kasteel, Leiterin des Masters am Standort Zürich. Ausserdem können Absolventen mit ausgezeichneten Masterarbeiten ihr Abschlussthema in einer Lehrveranstaltung den Bachelorstudierenden näherbringen.

ZB und Internet helfen

Vor allem Phil.-I-Absolventen bleibt eine fruchtbare Verwertung ihrer Forschungsarbeit oft verwehrt. Die Zentralbibliothek unterstützt die Absolventen insofern, als sie alle ihre insgesamt 12'500 Lizentiatsarbeiten archiviert und für die Öffentlichkeit zugänglich macht. Bei Masterarbeiten wird künftig zusätzlich die Möglichkeit geboten, sie auf der Website der Zentralbibliothek (ZB) aufzuschalten.

Angehörigen der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) steht die elektronische Plattform E-Collection der ETH-Bibliothek offen. Allerdings muss hierzu der betreuende Professor das gute Niveau der Arbeit bestätigen. Zurzeit sind auf der ETH E-Collection etwa 600 Masterarbeiten zu finden.Und bevor die Masterarbeit zu Hause in der Schublade ganz in Vergessenheit gerät, kann man sie immer noch auf Internetsites wie www.semestra.ch, www.students.ch oder www.hausarbeiten.de stellen und andere Studierende daran teilhaben lassen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.05.2011, 20:51 Uhr

Flavia Horat (31)

Freischaffende Filmwissenschaftlerin und Szenografin

Lizenziatsarbeit zum kurdischen Kino

«Ich habe von Anfang an mit einer Publikation geliebäugelt»

Flavia Horat hat 2008 ihre Lizarbeit über das kurdische Kino geschrieben. Jetzt ist die Arbeit als Buch erschienen.

Frau Horat, Sie haben Ihre Liz-arbeit als Buch herausgegeben. Gab es Momente, in denen Sie dabei die Nerven verloren haben?
Natürlich ist das Publizieren eines Buches ein langwieriger Prozess, der ab und an dazu verleiten könnte, ungeduldig zu werden. Vom Beginn des Schreibens bis zum gebundenen Buch dauerte es gute drei Jahre. Aber die Nerven habe ich nie verloren. Höchstens vielleicht aus Freude im Moment der Zusage des Schüren-Verlags.

Welche Schritte gehören zum Publikationsprozess?
Sicher erst einmal unzählige Überarbeitungsprozesse. Ich habe zur Suche eines Verlags das Manuskript eigenhändig gelayoutet. Nach der Zusage des Verlags kümmerte ich mich um die Bildrechte, das Vorwort, mögliche DVD-Rechte.

Wann entstand die Idee, Ihre Arbeit als Buch zu publizieren?
Ich finde es grundsätzlich interessant, Projekte zu machen, die weiterverfolgbar sind. Insofern habe ich bereits bei der Suche des Themas mit dieser Idee geliebäugelt. Und spätestens bei der Erkenntnis, dass es zum kurdischen Kino weltweit keine Literatur gibt, stand das Publikationsvorhaben fest.

Haben Sie sich auf eigene Faust um eine Veröffentlichung gekümmert?
Ja. Ich habe diversen Verlagen mein Manuskript gesendet. Interessanterweise habe ich nur von namhaften Verlagen eine respektable Antwort bekommen.

Wie konnten Sie die Verlegerin von Ihrem Buchprojekt überzeugen?
Ich schätze mal mit dem Thema, der Motivation, dem Buch eine eigene Form zu geben, sowie der Beteiligung namhafter Personen.

Wieso eignet sich Ihr Thema zur Veröffentlichung für ein breiteres Lesepublikum?
Aktuell findet es gerade grossen Anklang in der kurdischen Filmszene. Das Buch wird wahrscheinlich sogar ins Kurdische übersetzt. Vermutlich auch, weil es das erste Buch über kurdisches Kino ist. Ansonsten spricht das Buch ein breites Publikum an, weil es nicht nur für Filminteressierte geschrieben ist. Es ist ein leicht lesbares Buch, das einen Überblick über das kurdische Filmschaffen verschafft. Darüber hinaus behandelt es den möglichen Umgang mit Nationalität und kultureller Identität von Menschen in einer Exil- oder Diasporasituation.

Wie hoch waren Ihre finanziellen Auslagen? Oder haben Sie mit dem Buch etwas verdient?
Ich habe ohne Subventionen publiziert, wurde aber durch die unentgeltliche Mitarbeit der Grafikerin Sarah Parsons und meiner Professorin Margrit Tröhler unterstützt. So hielten sich die Kosten in Grenzen, und ich kann sie teilweise durch Folgeaufträge wieder ausgleichen. Vermutlich aber nicht durch den Verkauf.

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