Herr ETH-Präsident, wie wollen Sie gegen Klimaskepsis ankämpfen?

Joël Mesot erklärt, was er dem wachsenden Misstrauen der Bevölkerung gegenüber der Wissenschaft entgegensetzen will.

«In der Wissenschaft gehört die Schweiz zu den Besten der Welt», sagt Joël Mesot. Foto: Fabienne Andreoli

«In der Wissenschaft gehört die Schweiz zu den Besten der Welt», sagt Joël Mesot. Foto: Fabienne Andreoli

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Bei Ihrem Start als Direktor des Paul-Scherrer-Instituts (PSI) sagten Sie, dass Sie dieses Amt zehn bis zwölf Jahre ausfüllen möchten. Jetzt, zehn Jahre später, sind Sie zum ETH-Präsidenten gewählt worden. Haben Sie das so geplant?
Nein, gar nicht. Es war nie mein Ziel, ETH-Präsident zu werden. Übrigens auch nicht PSI-Direktor. Es waren Gelegenheiten, die sich zufällig ergeben haben.

Auch Ihr Vorgänger am PSI wurde danach ETH-Präsident.
Aus zwei Fällen lässt sich keine Gesetzmässigkeit aufstellen, das wäre nicht wissenschaftlich.

Ihr Abgang ist ziemlich kurzfristig. Welche Projekte können Sie nun nicht mehrweiter vorantreiben?
Ein Institut wie das PSI lebt von neuen Projekten, sonst verlieren wir an Wettbewerbsfähigkeit. Gerade jetzt haben wir die Erneuerung der Schweizerischen Neutronenquelle Sinq initiiert. Diese benötigen wir vor allem für die Materialforschung. Für unser bislang grösstes Projekt, den soeben fertiggestellten Röntgen­laser Swiss FEL, bauen wir derzeit die zweite Strahlenlinie. Und schliesslich möchten wir die Synchrotron Lichtquelle Schweiz SLS erneuern. Das ist ein 100-Millionen-Projekt über vier Jahre. Es wurde von Nationalfonds, ETH-Rat und Staatssekretariat für Bildung und Forschung befürwortet.

«Ich bekomme sehr schöne Rückmeldungen von den Mitarbeitern. Das berührt mich natürlich.»

Wenn man sich herumhört,vernimmt man nur lobende Worte über Sie. Was ist Ihr Erfolgsrezept?
Ja, das stimmt, ich bekomme sehr schöne Rückmeldungen von den Mitarbeitern. Das berührt mich natürlich. Ich hatte eine tolle Zeit am PSI. Die Mitarbeiter spüren das auch. Einer von ihnen war gerade heute bei mir, um sich zu verabschieden. Er sagte mir, dass er meine regelmässigen Besuche bei den Forschungsgruppen sehr geschätzt habe. Ich mache das jeden Monat mehrmals, sodass ich alle zwei bis drei Jahre bei jeder Gruppe einmal war. Für die Mitarbeitenden ist das die Gelegenheit, mir zu zeigen, was sie machen, und ihre Sorgen und Anliegen anzusprechen. Gleichzeitig kann ich dann auch direkt erklären, was wir warum tun.

Kann dieses Rezept bei der fünfmal grösseren ETH auch funktionieren?
Ich werde sicher als Erstes mit allen Departementsvorstehern den Austausch suchen. Ich möchte wissen, was sie tun. Es gibt 16 Departemente an der ETH, die ich alle kennen lernen möchte.

Einige kennen Sie sicher schon.
Ja, ich habe Kontakte durch die gemeinsamen Professuren.

«Die Kollegen ziehen mit, wenn ich die grösseren Zusammenhänge aufzeige und erkläre.»

Wie würden Sie Ihren Führungsstil bezeichnen?
(zögert) Ich glaube, es ist eine Mischung aus direktiv und kooperativ. Ich versuche, nahe bei den Leuten zu sein und sie mit Argumenten zu überzeugen.

Professoren lassen sich nicht gerne dreinreden. An der ETH sind Vorgänger von Ihnen genau daran gescheitert. Wie schafft man es, dass alle am gleichen Strick ziehen?
Wissenschaftler müssen etwas egoistisch sein und starke eigene Überzeugungen haben. Anders ist es gar nicht möglich, so tief in die Details einer Materie einzutauchen. Am PSI habe ich aber gesehen, dass die Kollegen mitziehen, wenn ich die grösseren Zusammenhänge aufzeige und erkläre, warum ein Alleingang nichts bringt.

Welches sind für Sie die wichtigsten Herausforderungen für den Forschungsplatz Schweiz?
Die Schweiz muss im Bildungs- und Forschungsbereich ganz vorne bleiben. Und zwar in der angewandten und in der Grundlagenforschung. Das ist sehr wichtig, auch für unsere Industrie, und es ist sicher eine Herausforderung, dafür auch in Zukunft Geld zu bekommen.

«Es gibt grosse Konkurrenz, aber in der Schweiz haben wir ausgezeichnete Trümpfe.»

Das Ausgabenwachstum ist nirgends so hoch wie bei Bildung und Forschung.
Bis jetzt! Es besteht aber die Gefahr, dass der Bund bei Budget-Engpässen auch Bildung und Forschung nicht verschonen wird. Die zweite Herausfor­derung ist die Fähigkeit, weiterhin die besten Talente weltweit zu rekrutieren.

Das wird immer schwieriger mit dem Aufkommen der Wissenschaftsmacht China.
Ja, es gibt grosse Konkurrenz, aber in der Schweiz haben wir ausgezeichnete Trümpfe. Die Lebensqualität ist extrem hoch, und die Löhne sind anständig. Wir sollten allerdings selber keine Hürden bauen. Der dritte Punkt, der uns beschäftigt, betrifft die Teilnahme an den EU-Forschungsprogrammen. Da wissen wir nicht, wie es weitergeht.

Wie gravierend wäre es, wenn die Schweiz wieder davon ausgeschlossen würde?
Das wäre gar nicht gut. Es geht zwar auch um Geld, aber vor allem darum, dass sich die Schweizer Forscher im Wettbewerb mit den Besten vergleichen können. Ich habe lange Fussball gespielt, deshalb benütze ich dieses Beispiel: Es wäre unvorstellbar, wenn Real Madrid oder Barcelona nicht mehr in der Champions League spielen würden. In der Wissenschaft gehört die Schweiz zu den Besten der Welt.

«Man muss sich anstrengen, um auf einem verständlichen Niveau auch komplizierte Zusammenhänge zu kommunizieren.»

Klimaskeptiker, Evolutionsleugner, Gentechgegner, ein Fake News verbreitender US-Präsident – weltweit machen sich wissenschaftsfeind­liche Tendenzen deutlich bemerkbar. Was tun?
Eine Studie der Uni Zürich aus dem Jahr 2016 zeigt, dass die Menschen in der Schweiz gar nicht wissenschaftsfeindlich eingestellt sind. Das ist auch meine Erfahrung. Aber man muss sich anstrengen, um auf einem verständlichen Niveau auch komplizierte Zusammenhänge zu kommunizieren. Wenn man das macht, sind die Leute fasziniert.

Gleichzeitig haben Verschwörungstheorien heute Hochkonjunktur.
Ja, die gab es zwar schon immer, sie können sich heute über die sozialen Medien aber viel besser verbreiten. Die Frage ist: Wie kämpft man dagegen an? Das ist eine grosse Herausforderung.

Reicht es, den Leuten die Dinge einfach gut zu erklären?
Nein, das reicht nicht. Es braucht eine entsprechende Erziehung, und zwar schon sehr früh. Früher hatten wir nur Bücher, und wir vertrauten darauf, dass das, was drin stand, auch stimmt. Jetzt bekommt man Informationen von allen Seiten. Daher müssen wir anders damit umgehen und die Informationen kritisch hinterfragen.

«Die Hauptarbeit ist es, Fakten zu liefern.»

Viele wissenschaftsnahe ­Themen wie der Klimawandel, die digitale Transformation, explodierende Gesundheits­kosten oder der Atomausstieg beschäftigen die Gesellschaft derzeit enorm. Sollen sich Wissenschaftler hier einmischen ?
Ganz klar, die Forschungsgemeinschaft muss da eine wichtige Rolle spielen. Die Hauptarbeit ist es, Fakten zu liefern. Bei vielen Themen braucht es dabei nicht nur die technologische Seite, sondern auch Sozialwissenschaftler, Juristen, Ethiker und Politikwissenschaftler. Ein geeignetes Gefäss dafür sind die Akademien der Naturwissenschaften und der technischen Wissenschaften. Diese veröffentlichen jedes Jahr mehrere solche Berichte. Das ist für mich der richtige Weg.

Beim Klimawandel etwa hat man aber das Gefühl, dass die Wissenschaft in Politik und Gesellschaft nicht ankommt.
Ja, trotz grosser Bemühungen. Die Schwierigkeit hier ist, dass man international Lösungen finden muss.

Aber auch national wird den Fachleuten nicht geglaubt. Die grösste Partei der Schweiz zweifelt in einem Positionspapier immer noch am menschengemachten Klimawandel.
Da müssen wir uns mehr anstrengen.

Ist es hilfreich, wenn einzelne Forscher sich in der Öffentlichkeit zu Wort melden?
Ja, aber nur als Stimme eines Gremiums, zum Beispiel des Weltklimarats IPCC. Die Forscher müssen darstellen, was die Meinung der Community ist.

Sie haben zwei Kinder. Haben Sie überhaupt Zeit für sie?
Sie sind jetzt erwachsen. Aber klar, als sie noch klein waren, hatte ich nur begrenzt Zeit. Dafür war es immer sehr intensiv. Wir haben zusammen viel Sport betrieben, miteinander gespielt, gingen auf Velo- und Skitouren.

Treiben Sie noch viel Sport?
Ja, wenn es geht.

Das wird an der ETH noch schwieriger.
Ich werde es versuchen, so gut es geht. Auch der aktuelle ETH-Präsident Lino Guzzella macht jeden Tag eine Stunde Sport.

Das PSI und auch die ETH sind von Männern dominierte Institutionen. Wie wichtig ist für Sie die Frauenförderung?
Das Thema hat bei mir eine sehr hohe Priorität.

Arbeitet Ihre Frau auch?
Ja, meine Frau arbeitet ebenfalls Vollzeit als Physikerin.

«Je weiter hoch es die Karriereleiter geht, desto seltener werden Frauen.»

Wie haben Sie Frauen am PSI gefördert?
Der ETH-Bereich, zu dem das PSI gehört, und Swiss Universities haben ein Programm namens «Fix the Leaky Pipeline». Das Problem ist: Bei den Studierenden hat es zwar viele Frauen, aber je weiter hoch es die Karriereleiter geht, desto seltener werden sie. Als ich am PSI angefangen hatte, gab es keine einzige Frau, die in der Forschung eine Führungsposition innehatte. Heute haben wir 15, das entspricht immerhin 10 Prozent.

Wie wollen Sie diese Quote weiter verbessern?
Sehr wichtig ist das Angebot von Tagesschulen, wir haben zum Beispiel eine Kita am PSI. Auch mit den umliegenden Gemeinden haben wir das Thema immer wieder angesprochen. Inzwischen sind die Tagesstrukturen etabliert. Wir haben zudem ein Reintegrationsprogramm für Frauen, die zurück in die Forschung möchten.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie Stellen neu besetzen?
Unter den letzten drei Kandidaten für eine Stelle muss jeweils eine Frau dabei sein.

Wie wäre es mit einem Ziel von zum Beispiel 30 Prozent Frauen in Führungspositionen?
Wir haben das im ETH-Bereich einmal durchgerechnet. Selbst wenn man alle frei werdenden Stellen mit Frauen besetzen würde, bräuchte man lange, um eine solche Zahl zu erreichen.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 14.12.2018, 16:17 Uhr

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