Intelligenter Lesestoff für den Sommer

Sieben Tipps für Bücher, die klüger machen – vom Krimi aus dem Digital-Zeitalter bis zum Porträt eines Darms.

Die totale Überwachung aller ist das Thema, aus dem heute wissenschaftliche Krimis sind: Chicago Millennium Park. Foto: Trey Ratcliff (Flickr)

Die totale Überwachung aller ist das Thema, aus dem heute wissenschaftliche Krimis sind: Chicago Millennium Park. Foto: Trey Ratcliff (Flickr)

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1. Daten-Detektive auf digitaler Spurensuche



Marc Elsberg: Zero. Sie wissen, was du tust. Blanvalet, München 2014. 480 S., ca. 30 Fr.

Eigentlich wollte der US-Präsident in seinem Feriendomizil die Privatsphäre geniessen und Golf spielen. Doch dann greifen ihn wie aus dem Nichts plötzlich Drohnen an. Die Sicherheitsleute sind mit der Situation völlig überfordert, geraten in Panik und schiessen umher. Die Attacke wird gefilmt und live ins Internet übertragen. Dahinter steckt die anonyme Aktivistengruppe Zero, die seit Jahren den zunehmenden Datenklau und die Überwachung durch Internetgrosskonzerne und den Regierungsapparat anprangert. Mit raffiniert gemachten Videos und spektakulären Aktionen macht sie immer wieder auf Gefahren des Datensammelns im Internet aufmerksam.

Das Buch «Zero» ist ein zukunftsnaher Roman des digitalen Zeitalters. Verpackt in eine spannende Verfolgungsjagd durch Wien und New York, zeigt es eindrücklich, wie IT-Experten anhand der heute bereits existierenden Technologien meist problemlos an Daten von irgendwelchen Überwachungskameras oder IP-Adressen sowie Brow­ser-Identifi­ka­tionen kommen und gesuchte Personen aufspüren. Doch damit nicht genug: Sogar Laien können mithilfe von modernen Datenbrillen, die ein Programm zur Gesichtserkennung haben, an einer solche Suche teilnehmen.

Der Autor Marc Elsberg warnt mit seiner fiktiven Geschichte vor Datenkraken, die Informationen über eine Person sammeln, auswerten und auch an andere weiterleiten. Ähnlich wie in seinem Bestsellerroman «Black­out» über die Verwundbarkeit der gegenwärtigen Stromversorgung erklärt Elsberg auch in diesem Krimi leicht verständlich, wo die Schwächen des Systems liegen und wo Missbrauch jederzeit theoretisch möglich ist.

Aus Big Data wird Big Brother

Im neuen Buch macht er zudem deutlich, dass aus Big Data ohne weiteres Big Brother werden kann. Und was passiert, wenn persönliche Daten in falsche Hände geraten. Er liefert damit Zündstoff für eine Debatte über den gläsernen Menschen, der die Kontrolle über seine Daten verloren hat. Und damit auch über seine Privatsphäre. Im Roman stösst die britische Journalistin Cynthia Bonsant nach dem Tod eines Freundes ihrer Tochter auf die populäre Internetplattform Freemee, die einen kometenhaften Aufstieg zu verbuchen hat. Das Besondere daran ist, dass dort jeder zu seinem Profil alle denk- und messbaren persönlichen Daten selbst sammelt und gewinnbringend an Werbende verkauft.

Zusätzlich erhalten die Millionen von Freemee-Mitgliedern – dank spezieller Act-­Apps – nützliche Tipps zur Selbstverbesserung. Zum Beispiel im Bereich Freizeit, Ernährung, Aussehen oder Dating. Dies ist möglich, weil über die gesammelten Daten der User im Hintergrund ein Algorithmusprogramm läuft und dadurch individuelle Ratschläge erteilen kann. Die Apps beeinflussen zunehmend ihr Verhalten und werden mit der Zeit zu einem unersetzlichen System, das einen durch den Alltag navigiert. Ein weiterer Trick der Plattform ist, dass, je mehr Informationen ein User über sich preisgibt, umso höher sein Ansehen in einer Rankingagentur ist. Wer also nicht mitmacht, ist raus und existiert praktisch nicht.

Cynthia erhält von ihrer Zeitung «Daily» schliesslich den Auftrag, nach der fanatischen Aktivistentruppe Zero zu suchen und über alle Neuigkeiten zu berichten. Doch dabei wird sie selbst mehr und mehr zur Gejagten. Denn sie findet heraus, dass Freemee seine Macht schamlos ausnutzt und nur Zero dies schon richtig erkannt hat. Nun ist man auch hinter Cynthia her. Denn sie weiss, dass der Gründer von Freemee riskante Versuche mit Menschen durchgeführt hat. Er hat ausprobiert, inwieweit diese manipulierbar sind. Das hat teils jedoch zu so übertriebenen Verhal­tens­­ände­rungen geführt, dass die Todesrate unter den Probanden überdurchschnittlich hoch ist. Barbara Reye



2. Ein 25-Jähriger auf abenteuerlicher Entdeckungsreise



Alfred Russel Wallace: Abenteuer am Amazonas und am Rio Negro. Verlag Galiani, Berlin 2014. 619 S., ca. 35 Fr.

Wallace? Die meisten denken bei dem Namen zuerst an einen erfolgreichen Krimiautor. Doch auch der Naturforscher Alfred Russel Wallace (1823–1913) war zu Lebzeiten bekannt. Er hatte gleichzeitig mit Charles Darwin die bahnbrechende Evolutionstheorie entwickelt. Zu Unrecht ist er in Vergessenheit geraten.

1848 verliess Wallace 25-jährig erstmals Europa und unternahm eine vierjährige Expedition zum Amazonas, um dessen Tier- und Pflanzenwelt zu erforschen. Die erlebnisreiche Reise war für Wallace anfangs allerdings eine Enttäuschung: In seinen ersten Tagen im heutigen Belém notierte er, dass er «keinen einzigen Kolibri, Papagei oder Affen bemerkte», obwohl er «fortwährend im Walde nächst der Stadt umherwanderte».

Doch je weiter er den Lauf des Amazonas und Rio Negro hinaufdrang, desto abenteuerlicher wurde die Expedition. Wallace gelangte an Orte, die noch kein Europäer betreten hatte, und begegnete unbekannten Indianerstämmen. «Ich erinnere mich an keine Begebenheit während meiner Reisen, welche mich mehr in Staunen versetzt hat als jener erste Anblick der ganz und gar wilden Waldbewohner», schreibt er in seinem Reisebericht, der nun erstmals vollständig auf Deutsch erschienen ist. Nach vier Jahren machte sich Wallace mit seinen umfassenden Aufzeichnungen, Tausenden Sammlungsstücken und 20 lebenden Tieren auf die Heimreise. Doch dann vernichtete unterwegs ein Feuer auf dem Schiff fast alles. Die Besatzung konnte sich auf Beiboote retten. Zurück in England, musste Wallace seine Erlebnisse mithilfe von wenigen Notizen und Erinnerungen rekonstruieren. Felix Straumann



3. Das Weltall auf den Boden geholt



Florian Freistetter: Der Astronomie­verführer. Wie das Weltall unseren Alltag bestimmt. Rowohlt, 2014. 224 S., ca. 16 Fr.

Wer hat noch nie in einer klaren Sommernacht auf der Wiese gelegen und den unendlichen Sternenhimmel bestaunt? Genau dieses Gefühl packt einen beim Lesen von Florian Freistetters kurzem Band über das Universum. Man will einfach immer mehr wissen. Das ist zwar kein Lehrbuch. Aber man weiss hinterher doch alles. Der Titel – «Der Astronomieverführer» – ist Programm. Freistetter holt das Universum auf die Erde herunter und erklärt bei einem Spaziergang durch die Stadt, durch einen Park, in eine Bar und schliesslich unter den Sternenhimmel, wie sehr astronomische Phänomene unseren Alltag prägen. Zum Beispiel der Wind, der uns in der Strasse um die Ohren bläst: Über die Luftdruckverhältnisse in der Atmosphäre erklärt er die Rotation der Erdkugel und die Entstehung der Planeten. Oder das Wasser: Wieso ist es im Springbrunnen im Park flüssig, und woher ist es gekommen?

Der 1977 geborene Österreicher Florian Freistetter ist Astronom und ein preisgekrönter Blogger. Das spürt man in seiner direkten, schwungvollen Sprache. Freistetter schafft es, die hochkomplexen Phänomene des Weltalls und seiner Entstehungsgeschichte so zu vermitteln, dass der Leser mit jeder Seite neugieriger wird. Matthias Meili



4. Kluge Inuit, sture Europäer



Verena Winiwarter, Hans-Rudolf Bork: Geschichte unserer Umwelt. Primus, Darmstadt 2014. 191 S., ca 57 Fr.

Der Mensch strebt stets danach, in die Zukunft zu blicken und die Folgen seines Tuns zu prognostizieren. Dafür sammelt er Daten und kreiert Computermodelle. Die modellierte Zukunft bleibt aber oft unscharf. Für den österreichischen Kybernetiker Heinz von Foerster ist deshalb die Lehre aus der Vergangenheit der Wegweiser in die Zukunft. Verena Winiwarter und Hans-­Rudolf Bork haben sich diese These zu Herzen genommen und 60 «Reisen durch die Zeit» beschrieben. Sie zeigen, dass Umweltschutz keine Erfindung der Neuzeit ist. So ist es spannend zu lesen, warum es die Inuit auf Grönland schafften, auch im kalten Klima zu überleben, während die europäischen Siedler kapitulierten und die Insel verliessen.

Überrascht liest man, dass mit dem Ackerbau die Suche nach Speisesalz begann. Die Bewohner der Osterinsel schützten den Boden mit Steinmulch vor Erosion. Die Kapitel der Vergangenheit – zu Landwirtschaft, Transport und Handel, Industriali­sierung und Politik – sind jeweils auf einer Doppelseite mit historischen Bildern zusammengefasst. Sie lassen sich unabhängig von­einander lesen. Es ist ein Schmökerbuch für all jene, die sich in den Sommerferien in Umweltgeschichte kundig machen wollen. Martin Läubli



5. Das digitale Manifest



Hannes Grassegger: Das Kapital bin ich. Schluss mit der digitalen Leibeigenschaft! Kein & Aber, 2014. 80 S., ca. 10.Fr.

Hannes Grasseggers Buch ist eine knapp 80-seitige Anklage. Eine wütende Kampfschrift gegen Google, Apple, Facebook und die neuen «Overlords» in Silicon ­Valley: Sie gehören zu den reichsten Unternehmen, die mit Daten der User Milliarden scheffeln. Und wir als User, die wir etwas naiv die Segnungen der Technik nutzen, finden uns in der digitalen Leibeigenschaft wieder. «Ich schenke Ihnen den Plot für den nächsten James Bond: Dr. No kauft sich Facebook.»

Und die Opfer in diesem Plot sind wir alle – die wir uns längst nicht mehr entziehen können, weil das Internet der Dinge um sich greift und wir in smarten Städten und vernetzten Häusern leben, Smartphones und Wear­ables tragen. So werden wir über unsere E-Mails und unseren Pornokonsum erpressbar und über die AGB enteignet – und das, obwohl jeder Europäer pro Jahr fast 3000 Dollar an seinen persönlichen Daten verdienen könnte.

Grassegger hat einen Rundumschlag platziert, der sitzt. Er zitiert die richtigen und wichtigen Fakten, interpretiert aber sehr einseitig zugunsten seiner klassenkämpferischen These. Das gipfelt in der Forderung, die digitalen Feudalisten zu ent­eignen – das kommunistische ­Manifest fürs digitale Zeitalter. Matthias Schüssler



6. Die verliebte Helvetierin



Geneviève Lüscher: Die blaue Katze. Ein Frauenleben in römischer Zeit. Stämpfli, 2014. 320 S., ca. 36 Fr.

Das Genre des Historienromans ist eigentlich ein Zwitter: ein belletristisches Stück Literatur eigentlich, aber mit dem Anspruch eines Sachbuches, was die Fakten betrifft. Auf dieses Abenteuer hat sich die Archäologin und Wissenschaftsjournalistin Geneviève Lüscher, die auch für den TA schreibt, eingelassen. Im Roman «Die blaue Katze» erzählt sie ein Frauenleben aus der Schweiz zu Römerzeiten. Die Helvetierin Mara verliebt sich in wilden Kriegszeiten in einen römischen Reiterhauptmann. So befreit Lüscher die archäologischen Funde aus ihrem musealen Korsett und lässt sie in prallem Leben auferstehen. Matthias Meili



7. Ganz am Ende der Nahrungskette



Giulia Enders: Darm mit Charme. Ullstein, 2014. 288 S., ca. 28 Fr.

Bisi, Gaggi, Furz  – oder «Darm mit Charme»: Die 24-jährige deutsche Medizinstudentin Giulia Enders hat sich mit kindlicher Neugierde an ein Thema gewagt, das bisher nur honorige Professoren in distanziertem Fachlatein aufzugreifen wagten: die Wissenschaft unserer körperlichen Abfallbeseitigung. Stilistisch todesmutig («Kacken», «Kot» etc.), aber sachlich korrekt und angemessen bringt die Science-Slammerin die Prozesse aus unserem verborgensten Innern ans Licht der Öffentlichkeit. Beim Lesen ist man nicht angewidert, sondern vielmehr interessiert – oder belustigt wie bei Kleinkindern, die in einer gewissen Phase ihres Lernlebens für jedes Ding wundersamerweise einen Begriff aus der Fäkalsprache finden. Matthias Meili

Erstellt: 02.07.2014, 22:04 Uhr

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