Kämpfer für unabhängigen Journalismus

Der Kommunikationsforscher Mike S. Schäfer ­untersucht, wie gut Schweizerinnen und Schweizer über die Wissenschaft Bescheid wissen. Und wie sie sich darüber informieren.

Mike S. Schäfer sieht den kritischen Wissenschaftsjournalismus bedroht. Foto: Urs Jaudas

Mike S. Schäfer sieht den kritischen Wissenschaftsjournalismus bedroht. Foto: Urs Jaudas

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Wie stark stimmen Sie folgenden Aussagen zu? «Wissenschaft und Forschung können jedes Problem lösen», «Wissenschaftliche Forschung ist notwendig, auch wenn sich daraus kein unmittelbarer Nutzen ergibt», «Horoskope können die Zukunft vorhersagen». Solche und ähnliche Fragen mussten die Teilnehmer des ersten Wissenschaftsbarometers der Schweiz, einer landesweiten Befragung zum Verhältnis der Bevölkerung zur Wissenschaft, beantworten. Herausgekommen ist dabei: Schweizerinnen und Schweizer sind stärker an der Wissen­schaft interessiert, als man es sich angesichts der verbreiteten Impfskepsis und Ablehnung der grünen Gentechnik denken könnte. Etwas mehr als die Hälfte interessiert sich stark oder sehr stark dafür, mehr als für Sport, Finanzen oder Kultur. Nur Politik fasziniert hierzulande noch mehr Menschen.

«In vielen Ländern gibt es solche Umfragen schon lange», sagt Mike S. Schäfer, Professor für Wissenschaftskommunikation an der Universität Zürich und der Mastermind des hiesigen Wissenschaftsbarometers. In der Schweiz, dem innovativsten Land der Welt, sei eine solche Befragung ­daher überfällig gewesen. Der 40-jährige gebürtige Sachse lehrt und forscht seit gut drei Jahren am ­Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung. Wir treffen ihn in seinem geräumigen Büro hinter dem Bahnhof Oerlikon mit Blick – auf ein ­anderes Bürogebäude. «Die Aussicht hat noch Luft nach oben», witzelt der einzige Professor für Wissenschaftskommunikation in der Schweiz und einer der wenigen im deutschen Sprachraum.

Dann wird er ernster. Die Wissenschaft scheine manchen zwar lebensfremd und abgehoben, sagt Schäfer, sie reiche aber in fast alle Lebensbereiche hinein und könne Antworten auf Alltagsfragen liefern wie: «Profitiert mein Kind, wenn ich es als Zweijähriges in die Krippe bringe?» oder «Welche Games soll mein neunjähriger Junge spielen?» Schäfer sieht die Aufgabe seiner Forschungsgruppe vor allem darin, herauszufinden, wie man die Wissenschaft am besten in die Gesellschaft trägt. Was funktioniert, um Wissen zu vermitteln, was funktioniert, um Verhalten zu ändern, was funktioniert, um Aufmerksamkeit zu generieren? «Wissenschaft ist eine der zentralen Ressourcen der Schweiz», sagt Schäfer. Es sei daher wichtig, dass die Bürgerinnen und Bürger darüber Bescheid wissen.

Geprägt von der Zeit in den USA

Schäfer selbst ist in einem eher «wissenschafts­fernen» Elternhaus in Meissen bei Dresden auf­gewachsen. In der Schule habe ihn die Chemie fasziniert, und er hätte dieses Fach auch beinahe ­studiert. «Das Rennen hat aber die Kommunikation gemacht.» 1976 geboren, war Schäfer gerade mal 13 Jahre alt, als die Mauer fiel – ein einschneidendes Erlebnis für ihn. «Das war eine extrem bewegte Zeit, sehr eindrücklich.» Für die Menschen in Dresden und Umgebung muss die Wende besonders ­beeindruckend gewesen sein, weil es dort, im Gegensatz zu vielen anderen Teilen der DDR, vor der Wende kein Westfernsehen gab. «ARD hiess bei uns: ‹Ausser Raum Dresden›.»

Schon während seines Studiums in Leipzig, ­notabene in dem ehemaligen «roten Kloster», wo nur wenige Jahre früher noch regimetreue Journalisten ausgebildet worden waren, zog es Mike S. Schäfer (das S. steht für Steffen, nur «Mike» sei zu «schmucklos») in die Ferne. Er legte mehrere Auslandse­mester ein, darunter eines in Wien und eines im irischen Cork. Später konnte er gar an zwei renommierten US-Universitäten forschen – an der University of Pennsylvania in Philadelphia und an der Harvard University. Diese Zeit habe ihn stark ­geprägt, sagt Schäfer: «Die Amerikaner schaffen es, eine Atmosphäre zu erzeugen, die dem, was ­Wissenschaft ausmacht, unglaublich zuträglich ist. Sie sind neugierig, konstruktiv, man kriegt wahnsinnig viel Input.»

Vermissen Sie diesen Spirit in Zürich, Herr Schäfer? Er zögert ein wenig, sagt dann: «Eigentlich nicht.» Die Universität Zürich sei eine sehr gute Uni, die ETH nebenan ebenfalls, es gebe viele interessante Kollegen, mit denen er in Kontakt stehe, etwa mit dem Alzheimerforscher Lawrence Rajendran oder mit dem Rektor Michael Hengartner. «Ja, ich geniesse das, ich bin sehr gern da, meine ­Familie auch.» Schäfer und seine Frau haben zwei Buben, einen Viertklässler und einen Kindergärtler.

Dass sich die Uni Zürich seit 2013 eine Professur für Wissenschaftskommunikation leistet, spiegelt ein wenig den Zeitgeist. In den letzten etwa 20 Jahren hat einerseits die Berichterstattung über wissenschaftliche Themen in den populären Medien – auch im «Tages-Anzeiger» – stark zugelegt. Andererseits haben auch die Hochschulen aufgerüstet und ihre Kommunikationsabteilungen teilweise stark ausgebaut. «Die Aussenkommunikation der Hochschulen kommt heute sehr professionell daher», sagt Schäfer.

Eigentlich ist das ein erfreulicher Trend für die Wissenschaft, doch der Kommunikationsexperte sieht das nicht nur positiv. Die Medien stünden heute unter grossem Druck, weil die Einnahmen wegbrächen. Da hätten Ressorts wie die Wissenschaft in der Regel einen besonders schweren Stand. In den USA gab es laut Schäfer im Jahr 1989 89 Wissenschaftsressorts in Medienhäusern, heute sind es noch 19. «Die Lage ist bei uns noch nicht so prekär», sagt Schäfer, «aber die Trends sind die gleichen.»

PR-Maschinerie der Hochschulen

Der Wissenschaftsjournalismus werde langsam durch eine PR-Maschinerie der Hochschulen abgelöst, sagt Schäfer. «Das ist problematisch.» Es bestehe die Gefahr, dass der unabhängige, kritische Wissenschaftsjournalismus marginalisiert werde. Von den Hochschulen könne man keine kritische Berichterstattung über die eigene Forschung erwarten, denn ihre Aussenkommunikation diene immer auch der Reputation, der Imagepflege und dazu, sich der Politik gegenüber zu legitimieren, um Gelder zu erhalten.

Unabhängiger Wissenschaftsjournalismus sei aber «ein Gut, das wir als Gesellschaft brauchen», sagt Schäfer. Gerade bei politisch oder gesellschaftlich heiklen Themen wie dem Impfen oder dem ­Klimawandel brauche es kompetente Wissenschaftsjournalisten. Wenn in der Wissenschaft ein weit­gehender Konsens herrsche wie beim Klimawandel, dürfe man schon mal einen Skeptiker mit einer anderen Perspektive zu Wort kommen lassen. «Wenn man aber beiden Seiten gleich viel Platz ­einräumt, ist das für mich kein seriöser Journalismus.» Schäfer ist Mitherausgeber der Oxford-­Enzyklopädie «Climate Change Communication».

Bleibt die Frage, wie man unabhängigen Wissenschaftsjournalismus in Zeiten der erodierenden Einnahmen der Medienhäuser erhalten kann. Stiftungen könnten zum Beispiel einspringen, sagt Schäfer. Das sei zwar auch nicht ganz unproblematisch, aber, ganz im Sinne Churchills, vielleicht die «beste aller schlechten Lösungen».

Erstellt: 25.11.2016, 13:40 Uhr

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