Mathematik von der Strasse

«Dolologie» soll lernschwachen Kindern beim Verstehen von Formeln helfen. So wird der Gully zum Rechenschieber.

Dolologin Margret Schmassmann setzt die Betrachtung von Zürcher Gullys im Mathematiklabor dazu ein, lernschwachen Kindern zu helfen. Fotos: zvg

Dolologin Margret Schmassmann setzt die Betrachtung von Zürcher Gullys im Mathematiklabor dazu ein, lernschwachen Kindern zu helfen. Fotos: zvg

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Wenn Margret Schmassmann Ferienfotos zeigt, sind darauf meist Schachtdeckel abgebildet. Egal, wo sie hingefahren ist. «Grosse mathematische Erkenntnisse liegen auf der Strasse», sagt die Mathematikerin Schmassmann und scrollt auf dem Laptop durch ihre Fotosammlung. Nach ihren Ausführungen zu diesen Bildern wird man sich einer neuen Sicht auf diese Tore zur Unterwelt kaum entziehen können.

Drei Tage zuvor im sogenannten Trésor Dolologique: Im Luftschutzkeller im Berner Quartier Wabern riecht es nach Chlor. Diese Schatzkammer des Vereins der Dolologie befindet sich direkt unter dem Quartierpool. Schulter an Schulter ­stehen vierzehn «Dolologen» im Halbkreis und blicken ehrfürchtig auf diesen Schatz zu ihren Füssen.

Forschung mitAugenzwinkern

Über ein Dutzend Gullydeckel sind auf Holzlatten drapiert. Zu diesen «Eroberungen», wie sie hier genannt werden, gehört ein grüner besprayter Deckel, der ein Vereinsmitglied einst von seinen Schülern geschenkt bekommen hat. Dann findet sich da auch dieser schwarze Gully mit goldener Krone und einer Abbildung des holländischen Königspaars. Ein kleineres Exemplar wird als der wohl «älteste Pegeldeckel der Schweiz» heraus­gehoben. Mit fünfzig Franken aus der Vereinskasse sei er damals berappt worden. Ebenso erhält ein bräunlicher Deckel gesonderte Aufmerksamkeit. Diesen konnte man im Rahmen einer archäologischen Grabung im Badener ­Bäderquartier er­gattern.

Die Dolologen betreiben eine selbst erfundene Wissenschaft, die Dolologie. Das Wort ist eine Zusammensetzung aus dem mundartlichen Begriff «Dole» für Strassenabdeckungen aller Art, sowie «logie», für die ernstliche Gesinnung der Bemühungen. So steht in diesem Verein alles rund um den Gully im Zentrum. «Wir betreiben diese vernachlässigte Forschung mit Überzeugung», sagt Dolologe Ruedi, «aber natürlich auch mit einem ironischen Augenzwinkern.» Jeder, der Interesse zeigt, behandelt man wie ein Familienmitglied. Dazu gehört das Du.

Margret Schmassmann ist Mathematikerin an der PH Zürich und führt das Mathematiklabor. Foto: zvg

Nach einem kurzen Überblick über die Sammlung öffnet Vereinsmitglied Heinz einen mit roter Schlaufe ausgestatteten Quittenschnaps. Das gemeinsame Anstossen ist ein Höhepunkt an dieser Generalversammlung.

Eines der Mitglieder des Vereins ist Margret Schmassmann aus ­Zürich. Auf ihrem Wohnzimmertisch im Kreis 7 stapeln sich englische Mathematikbücher – einzelne Seiten sind mit Klebezetteln markiert. Daneben liegen Fotokopien von Dolendeckeln, auf die mit Leuchtstiften Muster eingezeichnet wurden. Es sind dies Abzüge von den 1000 Bildern auf ihrem Laptop. An ihrem Hals glitzert ein Anhänger, der ihre Begeisterung für Muster untermalt: «Ein keltisches Spiralmuster», erklärt die gebürtige Österreicherin. Ihr Lebensalter verrät sie nicht direkt, lässt schätzen. Wohl wissend, dass man ihr die 73 Jahre unmöglich ablesen kann.

Gullys helfen mathematisch schwächeren Kindern

Schmassmann hätte sich den Ruhestand längst verdient, doch muss man die Mathematikerin nicht lange kennen, um zu erahnen, dass ein gemächliches Rentnerleben nicht ganz zu ihr passt. So dozierte sie bis vor wenigen Tagen an der PH Zürich und fördert in ihrer Privatpraxis Kinder mit Lernschwierigkeiten oder besonderen Begabungen. «Meine Sicht auf Dolendeckel war von Anfang an eine mathematische, denn Mathematik ist die Wissenschaft von den Mustern», sagt sie.

So habe sie entdeckt, dass Kinder sich besonders für Muster und Wiederholungen begeistern: «Muster und deren Unterbrechung wohnen dem Menschen inne», sagt sie. Das Erforschen von Mustern und Strukturen könne auch mathematisch schwächeren Kindern helfen, einen Zugang zu den Zahlen und zur Mathematik entwickeln. Sie betrachtet mit ihren Schülerinnen und Schülern Fotos von Mustern aus dem Alltag, unter anderem von Gullys, und fordert sie auf, die Anzahl Löcher zu bestimmen. Dazu ihr Tipp: «Sucht nach wiederkehrenden Mustern.» Das hilft, die Löcher visuell zu strukturieren und geschickt zu zählen.

Auch Schmassmann selbst entwickelt aus dieser mathematischen Aufgabenstellung eine wiederkehrende Freude an Spielen mit Mustern und Strukturen, die im Alltag zwar unscheinbar, aber doch überall zu finden seien. «Gucken Sie einmal bei den Automaten an der Tramstation, da finden Sie unten ein Brettchen mit Löchern», sagt Schmassmann und beschreibt, wie ein solches sie ins Grübeln bringen kann: Wie kann man dieses Lochmuster am besten auszählen? Welche Möglichkeiten gibt es? Welche mathematische Struktur kann ich daraus ableiten? – «Dann muss ich aufpassen, dass ich das Tram nicht verpasse», sagt sie und lacht.

Zürichs eintönige Dolenlandschaft

Inzwischen finden sich in ihrer Fotosammlung auch Bilder von Kanaldeckeln aus dem Elsass, aus Florenz, Lissabon – nicht nur solche mit Lochmustern, sondern auch jene mit geometrischen Mustern wie Vielecke, konzentrische Kreise und Symmetrien. «Oft bleibe ich beim Spazieren durch die Städte zurück, da ich den Blick gar nicht mehr von der Strasse nehme», sagt sie. Und gibt es in Schmassmanns Welt auch langweilige Dolen? «Uninteressant ist es einzig, wenn die Muster der Kanaldeckel eintönig sind», sagt sie. Dies sei in Zürich vermehrt der Fall: «Vielerorts findet sich dasselbe Modell.»

An einem Fachdidaktikseminar 2008 entdeckt Schmassmann, dass sich auch andere Mathematiker für Kanaldeckel interessieren. So spricht dort jemand über symmetrische Spielereien an den Deckeln. An einem Billardtisch im Zürcher Café Schlauch gründen die vom Schachtdeckel begeisterten Mathematiker den Verein der Dolologie. Ihr Ziel: die Kanaldeckel-Begeisterten der Schweiz zusammenzubringen.

Rund 30 Personen aus verschiedenen Ecken des Landes sind bisher beigetreten. Dies mit unterschiedlichsten Faszinationen: Da gibt es jene, die sich besonders für die Gusstechniken der Deckel interessieren («Wussten Sie, dass im letzten Jahrhundert jede grössere Stadt über eine Giesserei verfügte?», fragt ein Vereinsmitglied in Bern), andere, die mit sogenannten Frottagen Abdrucke der Oberflächen erstellen.

Wieder andere, die ihre Reisen nach dem Potenzial ausrichten, dass sie einen besonderen Koloss aus Stahl vor die Linse bekommen. Es gibt diese, die Stadtwanderungen zu den gusseisernen Deckel anbieten («Die meisten gucken da das erste Mal nach unten», sagt Vereinsmitglied Lukas, der im vergangenen Jahr mehrmals solche Führungen angeboten hat). Und schliesslich gibt es solche, die diese Gullydeckel sammeln, oder auch diese, die sich für den Erhalt und die Pflege der schutzwürdigen Deckel einsetzen. Einzelne konnten sich damit bereits einen Namen machen. So erzählt Dolologe Lukas: «In gewissen Städten werden wir bereits informiert, wenn irgendwo ein Deckel ersetzt wird.»

Neue Mitglieder und neue Gullys

An der Generalversammlung in Bern feiern die Dolologen ein erfolgreiches Jahr. Gleich zwei neue Mitglieder können sie begrüssen. Und sie verkünden: «In Oerlikon konnten zehn Gullys vor der Schrottmulde gerettet werden.» Margret Schmassmann war es dieses Mal aus beruflichen Gründen nicht möglich, dabei zu sein. Doch plant sie, sich im nächsten Jahr wieder vermehrt den Schachtdeckeln und ihrer Mustervielfalt zu widmen.

Alle Informationen zum Verein mit Sitz in Zürich: www.dolologie.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.01.2019, 09:06 Uhr

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