«Wir müssen uns als Gesellschaft mit der Humangenetik befassen»

Andrea Büchler ist Präsidentin der Nationalen Ethikkommission. Sie sucht die öffentliche Diskussion.

Sucht die Konfrontation mit dem Fremden: Andrea Büchler. Foto: Reto Oeschger

Sucht die Konfrontation mit dem Fremden: Andrea Büchler. Foto: Reto Oeschger

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Gebärmuttertransplantation, konservierte Eizellen, Gentests an Embryonen und Leihmütter: Das Kinderkriegen ist immer weniger eine Frage des Schicksals, dafür variantenreicher und komplizierter. Sich da zurechtzufinden, ist alles andere als einfach. Welche der immer neuen Verfahren sind sinnvoll, welche verwerflich? Was soll erlaubt sein, was gehört verboten?

Andrea Büchler beschäftigt sich intensiv mit solchen Fragen. Die Rechtswissenschaftlerin ist seit drei Jahren Präsidentin der Nationalen Ethikkommission im Bereich der Humanmedizin (NEK), einem Gremium aus 15 Fachleuten aus den Bereichen Theologie, Philosophie, Medizin und Recht. Es erarbeitet Stellungnahmen und berät die ­Behörden. Wir treffen Büchler in der neuen «Faculty Lounge» des Rechtswissenschaftlichen Instituts der Universität Zürich, einer Art Lehrerzimmer mit viel schwarzem Leder, Chromstahl im USM-Design und Geometrischem in ­Bilderrahmen an den Wänden.

«Die Entwicklungen in der Biomedizin sind tiefgreifend», sagt die 50-Jährige. Tatsächlich mangelt es nicht an strittigen Themen, mit denen sich Ethikerinnen und Ethiker auseinandersetzen müssen. Erst im November meldeten chinesische Forscher die Geburt von sogenannten Crispr-Babys, was weltweit für Entrüstung gesorgt hat. Dies sei eine Zäsur – in der Bedeutung vergleichbar mit der ersten künstlichen Befruchtung vor 40 Jahren, sagt Büchler.

Eine Vielfalt von Positionen und vorläufige Entscheidungen

Wenn die Aussagen des chinesischen Forschungsleiters stimmen, hat sein Team Embryonen genetisch verändert und danach zu Babys entwickeln lassen, die das manipulierte Erbgut dereinst an ihre Nachkommen weitergeben können. Das wäre ein Eingriff in die menschliche Keimbahn, ein unerhörter Tabubruch. Zufall oder Vorgefühl: Büchler veröffentlichte just zwei Tage vor Bekanntgabe der Crispr-Babys einen Gastbeitrag in der «Neuen Zürcher Zeitung» zu diesem Thema. «Bisweilen beschleicht einen die Ahnung einer anwendungsnahen Situation», schreibt sie dort vorsichtig.

Es passt zum Stil der NEK-Präsidentin, dass sie sich im Gespräch nicht in erster Linie mit der Ungeheuerlichkeit der chinesischen Forscher aufhält. Vielmehr analysiert sie, wie sich die Einschätzungen der Ethikgremien weltweit in kurzer Zeit verschoben haben. «2016 galten solche genetischen Eingriffe in die menschliche Keimbahn als rote Linie, die keinesfalls überschritten werden darf», sagt sie. «Keine drei Jahre später schliessen die teilweise gleichen Gremien solche Genveränderungen nicht mehr grundsätzlich aus.» Sie seien der Meinung, dass es legitime Zwecke geben könne, in die Keimbahn einzugreifen – insbesondere zur Verhinderung genetischer Krankheiten. Dies unter der Voraussetzungen, dass die heute weitgehend noch unbekannten Risiken der unumkehrbaren genetischen Eingriffe an Embryonen kontrollierbar sein werden.

Die künstliche Befruchtung gibt es bereits seit 40 Jahren. Foto: Keystone

«Dieser rasche Wechsel in der Debatte ist beeindruckend», so die Wissenschaftlerin. «Die Forschung schreitet schnell voran, und die ethische Debatte muss sich den immer neuen Herausforderungen stellen.» Dass sich dabei die ethischen Standpunkte ändern können, ist für Büchler nichts Ungewöhnliches: «Es gibt immer eine Vielfalt von Positionen und häufig nur vorläufige Entscheidungen.» Wer von Ethikerinnen und Ethikern endgültige Antworten erwarte, sehe sich deshalb häufig enttäuscht.

Büchler gilt als progressiv. Noch bevor sie NEK-Präsidentin wurde, trat sie beispielsweise für die Legalisierung der Eizellspende und für eine offene Diskussion über die Leihmutterschaft ein. «In einer liberalen Ordnung und einer pluralen Gesellschaft darf man eine bestimmte moralische Position anderen nur sehr zurückhaltend aufzwingen, wenn es sich um höchstpersönliche Angelegenheiten handelt», formuliert sie. Selbstbestimmung sei ein hohes Gut, und ihre Einschränkung bedürfe starker Argumente.

Zuerst Grossrätin, dann Rechtsprofessorin

Diese Haltung zeigt sich auch in den NEK-Stellungnahmen der letzten Jahre – etwa zur nicht invasiven Pränataldiagnostik oder zum Social Freezing, auch Eizellvorsorge genannt. Beides soll nach Ansicht der NEK nicht grundsätzlich verboten werden. Wichtig sei dabei aber die umfassende Information und Beratung der werdenden Eltern beziehungsweise der Frauen, die Eizellvorsorge ­betreiben möchten. «Diese neuen Verfahren bringen einen Gewinn an Handlungsoptionen, aber auch Gefahren und neue Zwänge mit sich», sagt Büchler.

Manche Beobachter irritiert die liberale Haltung, wie sie Büchler und die NEK generell vertritt. Sie finden, insbesondere eine Ethikkommission müsse bremsen und vor Fehlentwicklungen warnen und nicht der Gesellschaft und der Gesetzgebung vorauseilen. Die NEK-Präsidentin entgegnet: «Die Ethikkommission hat vor allem die Aufgabe, Entwicklungen kritisch zu begleiten und eine Auslegeordnung der Argumente ­bereitzustellen.»

Nicht zuletzt wegen solcher Missverständnisse sucht die Rechtswissenschaftlerin die öffentliche Diskussion: «Wir müssen uns als Gesellschaft mit den Entwicklungen in der Humangenetik und der Fortpflanzungsmedizin befassen.» Allerdings bereiten ihr die Verkürzungen und Zuspitzungen der Medien dabei Mühe. «Häufig ringen wir in der Kommission um Positionen, einiges bleibt ambivalent. Und Ambivalenz muss man aushalten.»

Unterwegs zwischen Zürich, San Francisco und Bangalore

Büchler ist im Tessin geboren und aufgewachsen, was man ihr genauso wenig anhört wie ihre Jahre in Basel, wo sie studierte und politisch aktiv war. Ab 1995 vertrat sie im Kanton Basel-Stadt die «Frauenliste Basel» im Grossen Rat. Parallel dazu trieb sie ihre Karriere als Rechtswissenschaftlerin voran und zog ihre erste Tochter gross. Als sie 33-jährig ihre Professur an der Universität Zürich erhielt, beendete sie ihr Engagement in der Politik. Angesprochen darauf, wo sie heute politisch stehe, gibt sie an, sich für soziale Anliegen, Menschenrechte und eine offene und solidarische Gesellschaft einzusetzen. Dabei ist sie überzeugt, dass dies nicht ihrer liberalen Haltung bei der Fortpflanzungs­medizin widerspreche.

Die NEK-Präsidentin bezeichnet sich selbst gerne als Grenzgängerin. Sie bewege sich oft an den Rändern ihres eigenen Fachs und suche die Konfrontation mit dem Fremden. Nicht nur beruflich, auch privat war sie immer schon viel unterwegs. Mit ihrem amerikanischen Lebenspartner indischer Herkunft und ihren beiden 7- und 28-jährigen ­Töchtern bewegt sie sich heute zwischen Zürich, San Francisco und Bangalore. Büchler: «Grenzen sind Orte der Begegnung.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 22.12.2018, 19:40 Uhr

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