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Bill Gates' Warnung blieb ungehört

Der Microsoft-Gründer mahnte vor fünf Jahren vor einer gefährlichen Virus-Pandemie und forderte die Staaten zum Handeln auf – vergebens.

Sven Hoti
Pocht schon seit Jahren auf eine bessere Vorbereitung gegen Pandemien: Microsoft-Gründer und Mäzen Bill Gates. Foto: Getty Images
Pocht schon seit Jahren auf eine bessere Vorbereitung gegen Pandemien: Microsoft-Gründer und Mäzen Bill Gates. Foto: Getty Images

Jeder kennt ihn: Es ist dieser «Ich habs euch ja gesagt»-Moment, welcher dem Sprecher ein Gefühl der innigsten Befriedigung, ja vielleicht gar der Überlegenheit gegenüber denjenigen gibt, welche nicht hingehört haben. Für Bill Gates wäre dieser Moment spätestens jetzt gekommen, auch wenn er ihn höchstwahrscheinlich angesichts der dramatischen Lage nicht auskosten wird. Und wir wären uns dessen wahrscheinlich gar nicht bewusst geworden, hätte Youtube seinen Nutzern dieser Tage nicht dieses spezifische Video empfohlen.

Wir schreiben das Jahr 2015. Bill Gates gibt anlässlich eines TED-Talks Auskunft über die Gefahren, welche in Zukunft auf den Menschen zukommen würden. Nicht Nuklearwaffen seien es, welche Millionen von Menschen töten werden, sondern hochansteckende Viren, so der damals 59-Jährige. Unter anderem ein Grund dafür seien die fehlenden Investitionen in ein funktionierendes Gesundheitssystem. «Wir haben viel in nukleare Abschreckungsmittel investiert, aber nur wenig in ein System, welches eine Epidemie stoppen könnte.» Seine nüchterne Schlussfolgerung: «Wir sind nicht bereit für die nächste Epidemie.»

Video: TED-Talk mit Bill Gates

Gates nennt das Ebolavirus als Beispiel des «globalen Versagens», aber auch der Abschreckung. Fehlendes Gesundheitspersonal, Fallberichterstattung mit Methoden aus dem letzten Jahrhundert, keine epidemiologische Überwachung: Dass Ebola nicht grössere Städte betroffen habe, sei lediglich Glück. «Beim nächsten Mal werden wir vielleicht nicht so viel Glück haben», meinte Gates.

Bald so viele Tote wie bei Ebolaepidemie

Der bisherige Umgang mit dem Coronavirus zeigt erschreckende Ähnlichkeiten zu dem, was Gates bereits an der Handhabung des Ebolavirus monierte. Viele Staaten haben das Risiko unterschätzt, lange keine Massnahmen ergriffen, andere Dinge priorisiert. «Das Versäumnis, sich darauf vorzubereiten, könnte dazu führen, dass die nächste Epidemie um einiges verheerender sein könnte als Ebola», warnte Gates dazumal.

Mit dieser Vermutung dürfte der Microsoft-Gründer recht behalten: Nach gut vier Monaten zählt das Coronavirus bereits weltweit über 10'000 Todesopfer. Steigen die Zahlen weiterhin rasant an, dürften die rund 11'300 Toten der Ebolaepidemie zwischen 2014 und 2016 in Westafrika schnell übertroffen werden. Italien alleine zählte am Mittwoch fast 500 neue Todesfälle.

Kriegsbereitschaft erforderlich

Gates warnte vor Viren, bei denen sich die Menschen, während sie ansteckend seien, so gut fühlten, dass sie in ein Flugzeug steigen würden oder auf einen Markt gingen – als wüsste er, dass dieses Szenario fünf Jahre später genau so eintreffen wird. Personen ohne Symptome, die draussen herumlaufen und andere Personen anstecken – ein Problem, welchem vielerorts inzwischen mit Ausgangssperren oder weniger drastischen Massnahmen wie Schulschliessungen und Homeoffice begegnet wurde.

Anhand einer Simulation zeigte Gates in seinem TED-Talk, wie sich ein Virus ähnlich dem der spanischen Grippe auf der Welt ausbreiten würde: Über 30 Millionen Tote nach 263 Tagen zeigt die simulierte Map auf dem Bildschirm an. Ein Worst-Case-Szenario, keine Frage, aber dennoch ernst zu nehmen, warnte Gates vor fünf Jahren: «Das ist ein ernstes Problem, wir sollten besorgt sein.»

Heute sei dank der wissenschaftlichen und technologischen Fortschritte eine schnellere Reaktion in Krisenzeiten möglich, meinte Gates damals. Man müsste diese Werkzeuge nun nur noch in ein globales Gesundheitssystem einbetten. Da vor allem ärmere Länder mit solchen Epidemien zu kämpfen haben, riet Gates, deren Gesundheitssysteme auszubauen. Ausserdem brauche man – global betrachtet – medizinische Reserven, Gesundheitspersonen, die schnell reagieren können. Eine Kopplung dieses medizinischen Personals mit dem Militär wünschte sich Gates. Man brauche jetzt vor allem Bereitschaft – die Bereitschaft, die man sonst für den Krieg habe. Und die Forschung müsse weiter intensiviert werden, so sein Rat.

«Es gilt nun, keine Zeit zu verlieren»

Was Gates eindrücklich prophezeite, sagten zahlreiche andere Experten natürlich ebenfalls voraus. Gates’ Appell aber wurde millionenfach gesehen, gehört – und trotzdem weitgehend ignoriert. In einem Artikel für das «New England Journal of Medicine» aus dem Jahr 2018 nahm der Mäzen das Thema der Pandemie nochmals auf und wies darauf hin, wie wenig Fortschritte die Welt hinsichtlich geeigneter Vorbereitung vor einer Viruspandemie gemacht habe. «Dieses Versagen sollte uns allen Sorgen bereiten.»

Die Geschichte lehre uns, dass es eine weitere tödliche Pandemie geben werde. «Wir können nicht vorhersagen, wann, aber angesichts des ständigen Auftauchens neuer Krankheitserreger, des zunehmenden Risikos eines Bioterroranschlags und der immer stärker werdenden Vernetzung unserer Welt ist es sehr wahrscheinlich, dass eine grosse und tödliche Pandemie in unserer heutigen Zeit noch zu unseren Lebzeiten auftreten wird.»

In einem weiteren Artikel, datiert auf Ende Februar dieses Jahres, appelliert Gates nun an die Regierungen, vor allem ärmeren Ländern unter die Arme zu greifen, um das Virus einzudämmen, und schlägt weitere Massnahmen vor. «Es gilt nun, keine Zeit zu verlieren.»

Die Bill & Melinda Gates Foundation, welche Gates mit seiner Frau Melinda unterhält und mit welcher sie bereits mehrere Milliarden in wohltätige Zwecke investiert haben, kündigte bereits Anfang Februar eine Spende von bis zu 100 Millionen Dollar für den Kampf gegen das neuartige Coronavirus an.

Weitere 125 Millionen Dollar spendete die Stiftung in Zusammenarbeit mit Mastercard und der Non-Profit-Organisation Wellcome für die schnelle Behandlung von Covid-19.

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