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In den Köpfen wird das Virus überleben

Die Körper immunisieren sich gegen Corona. Doch vieles wird nie mehr so sein wie früher.

MeinungBeat Metzler
Alle Flüge sind gestrichen. Diese Erfahrung könnte die Gewohnheiten des Mannes ändern, der an den Bildschirmen vorbeigeht. Foto: David Chang (Keystone)
Alle Flüge sind gestrichen. Diese Erfahrung könnte die Gewohnheiten des Mannes ändern, der an den Bildschirmen vorbeigeht. Foto: David Chang (Keystone)

Hätte im Dezember 2019 jemand das jetzige Befinden der Welt beschrieben, wäre diese Person in psychologischer Behandlung gelandet. So ein Irrsinn.

Nun, nach über einer Woche Ausnahmezustand, fühlt sich diese Stimme fast normal an. Und vielleicht ist sie bereits ein Teil von uns geworden.

Ein Mikroorganismus hat fertiggebracht, woran die mächtigsten Politiker gescheitert wären: Menschen verzichten auf Tätigkeiten, die für unverzichtbar galten. Demokratische Staaten setzen Massnahmen durch, die man bis vor kurzem als totalitär bekämpft hätte. Notrecht herrscht. Die meisten Schweizerinnen und Schweizer erleben zum ersten Mal, dass die Welt nicht so funktioniert, wie man es ihnen versprochen hat.

Doch irgendwann wird die Plage vorbei sein. Dann geht es wieder los. Bereits wird ausgiebig über die Post-Corona-Welt nachgedacht. Die entscheidende Frage dabei lautet: Wie lange wird Covid-19 in unseren Köpfen bleiben, nachdem sich die Körper dagegen immunisiert haben?

Oft braucht es Zwangslagen, damit Menschen bessere Tätigkeiten erkennen. Sonst halten sie an dem fest, was sie immer tun.

Noch lange, hoffen Umweltschützerinnen. Denn die Natur gehört zu den wenigen Gewinnerinnen der Corona-Krise. Die Luftqualität in China oder Norditalien hat sich deutlich verbessert. Flugzeuge machen Winterschlaf, Autofabriken schliessen, in Venedig klart das Wasser auf. 2020 könnte das erste Jahr werden seit 2009, in dem der weltweite CO2-Ausstoss zurückgeht, anstatt weiter anzusteigen. Wenn Menschen zu Hause bleiben, verursachen sie weniger Abgase. Manche sehen den Lockdown als Vorbild (extrem und grausam, aber trotzdem) für einen schonenden Lebensstil, der auskommt ohne Kreuzfahrten und ständiges Herumjetten.

Auf ein Nachwirken des kollektiven Zu-Hause-Sitzens hoffen auch Freunde der Digitalisierung. Die unfreiwillige Nutzung von Homeoffice, Homeschooling und Homeshopping lasse viele Menschen deren Vorteile erkennen. Dadurch werde sich der Alltag auch nach der Befreiung stärker in virtuellen Räumen abspielen.

Weitere Post-Corona-Prognosen lauten: Der Nationalstaat werde erstarken, die Globalisierung hingegen schwächeln. Staatliches Durchgreifen und eine breite Überwachung würden leichter akzeptiert. Der öffentliche Verkehr werde sich nie mehr richtig vom Seuchenherd-Image erholen, das Gleiche gelte für Grossveranstaltungen. Dafür werde gemeinschaftliches Handeln höher geschätzt.

Abwegig ist das alles nicht. Erzwungene Verhaltensweisen können fortdauern, auch wenn der Zwang wegfällt. Das zeigt ein Beispiel aus London. Dort legte ein zweitägiger Streik 2014 mehrere U-Bahn-Stationen lahm. Pendler mussten auf andere Routen ausweichen. Ein kleiner Teil davon nutzte diese auch nach Streikende. Die neuen Wege erwiesen sich als praktischer. Verhaltensforscher sagen: Oft braucht es Zwangslagen, damit Menschen bessere Tätigkeiten erkennen. Sonst halten sie an dem fest, was sie immer tun. Einfach, weil sie es schon immer getan haben.

Selbst stahlharte Gewohnheiten lassen sich biegen, wenn genug Menschen die Notwendigkeit dafür einsehen.

Darauf stützt sich die Gegenthese: Nach Corona ist vor Corona. Nichts wird sich wirklich ändern. Dies legen die Krisen der letzten Jahrzehnte nahe. Kaum waren deren Ursachen überwunden, wuchs die Wirtschaft wieder. Und damit der CO2-Ausstoss. Eine Delle in einer ansteigenden Kurve, mehr blieb jeweils nicht.

Ein solches Szenario leuchtet auch psychologisch ein. Hat sich die Virusgefahr verzogen, holt man den verpassten Spass nach, bucht Reisen, strömt nach draussen, trinkt in Bars. Ein italienischer Soziologe sagt eine «unglaubliche Explosion an Lebensfreude» voraus, ähnlich wie nach dem Zweiten Weltkrieg.

Was jetzt? Wird es weitergehen im Lockdown-light-Modus, oder gibt es eine Jetzt-erst-recht-Rückkehr zum analogen Leben? Niemand weiss es.

Zwei Erfahrungen aber dürften die Krise überdauern. Erstens: eine Ahnung der Brüchigkeit des eigenen Lebensmodells. Auch die Schweiz ist nicht immun. Zweitens: ein Gespür für die Beweglichkeit der Gesellschaft. Selbst stahlharte Gewohnheiten lassen sich biegen, wenn genug Menschen die Notwendigkeit dafür einsehen.

Corona hat die Welt offener gemacht, veränderbarer. An so einen Irrsinn muss man sich erst gewöhnen.

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