«Mein erstes Buch habe ich wieder gelöscht»

Ben Moore erforscht an der Uni Zürich das Universum. Und erklärt es Menschen wie Ihnen und mir.

Er begreift sich als Universalist: Ben Moore, 2014. Foto: Manu Friederich

Er begreift sich als Universalist: Ben Moore, 2014. Foto: Manu Friederich

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Wer Ben Moore zu Hause besuchen will, muss erst an Bertrand Russell vorbei. Leicht ist das nicht, denn Bertrand Russell ist kaum zu bändigen. «Bertie», wie Ben Moore ihn nennt, ist ähnlich einschüchternd wie der legendäre Logiker gleichen Namens, wenn auch eher aus physischen denn aus intellektuellen Gründen. Es handelt sich um einen Hund. Genauer: um eine exotische Mischung aus Labrador und Königspudel. «Labradoodle», sagt Moore und lächelt.

Ben Moore und seinem verhaltenen Lächeln kann man an den unmöglichsten Orten begegnen. Auf der Titelseite des «Blick», der seine Scherze einfach nicht verstehen will. An internationalen Konferenzen, wenn er seine Forschungsergebnisse vorstellt. Im Buchladen, wo seine Bücher stehen. Auf der Piste bei Davos, wenn er Snowboard fährt. An der Street Parade, wenn er mit einem eigenen Wagen dabei ist. Auf Spotify, wo seine Musik präsentiert wird. Auf den Seiten dieses Magazins, wo er die Wunder des Alltags und die Alltäglichkeit der Wunder beschreibt. Oder eben in seiner Wohnung.

Als guter Gastgeber bereitet er einen Kaffee und spottet nebenbei über Kunden von Apple. Kein Wunder, der Mann baut seine Computer selbst, denkt man und schaut sich um: Being Moore, so sieht das also aus. Nichts scheint hier dem Zufall überlassen. Es stehen schöne Dinge am richtigen Platz, und jedes Ding ist entweder Ausblick auf Schönheit oder Einblick in die Vorlieben der Bewohner.

Unten am Klingelschild steht auch der Name von Katarina Blansjaar, mit der Moore die vierte Etage eines modernen Bürogebäudes in Zürich bewohnt. Blansjaar ist Niederländerin, aber in der Schweiz aufgewachsen, wo sie seit Jahren arbeitet. Kennen gelernt haben sie sich bei einem Interview, aber über so private Dinge spricht Moore nicht gern. Nicht, weil er sie zu intim fände. Eher, weil es ihn langweilt. Als der «Blick» ihn fragte, was er an Elon Musks Stelle statt eines Tesla wohl ins All geschossen hätte, sagte Moore: «Ich hätte Trump raufgeschossen.»

Ein krawalliger Titel, den Moore bereut: «Ich habe einen Witz gemacht! Wenn Katarina da gewesen wäre, sie hätte das verhindert.» Den Witz? «Nein, dass ich überhaupt mit dem ‹Blick› spreche.» Was würde er denn, Scherz beiseite, mit einem privaten Raumfahrtprogamm anstellen? Er denkt keine Sekunde nach: «Ich würde eine Sonde zum Jupitermond Europa schicken, die in der Lage ist, seine Kruste zu durchbohren – und dann den Ozean untersuchen, der darunter vermutet wird», führt Moore aus und wendet sich den Panoramafenstern zu.

Bei gutem Wetter, sagt der Hausherr und deutet entschuldigend ins Trübe, sehe man die Alpen. Geschmackvolle Regale dienen als Raumteiler und sind mit noch geschmackvolleren Büchern gefüllt, seinen eigenen, denen seiner Frau – und gemeinsamen, wie «Elefanten im All» oder «Gibt es auf der dunklen Seite vom Mond Aliens?», einem Buch, in dem er Kinder für die Astronomie begeistert. Persische Teppiche bedecken das Parkett und verbreiten Gemütlichkeit, mehrere Globen zeigen den Mond oder den Sternenhimmel. Zwischen zwei Verstärkern wartet eine Elektrogitarre auf ihren Einsatz. An einer Wand stürzt, dezent gerahmt, ein alpiner Wasserfall in die Tiefe.

Er ist Professor für Astrophysik an der Universität Zürich und Kolumnist bei «Das Magazin»: Ben Moore. Foto: Manu Friederich

Moore könnte, meint man, zu jedem einzelnen Gegenstand eine Geschichte erzählen – vom kleinen Blechroboter aus dem Science-Fiction-Klassiker «Alarm im Weltall» bis zur ausladenden Rudermaschine aus «House of Cards». Selbst der Zugang zu seinem WLAN ist, auch das eine kleine Verbeugung, dem Bestseller «Per Anhalter durch die Galaxis» von Douglas Adams entlehnt. Die Landschaftsfotografien beispielsweise hat er selbst gemacht: «Ich liebe die Berge, weil man da so gut entspannen kann. Entspannen und arbeiten.»

Überhaupt liebt er die Schweiz und wird nicht müde, ihre Vorteile zu unterstreichen. Die landschaftliche Schönheit, die ihn bereits auf einer Fahrradtour als Jugendlicher faszinierte. Das gute Bildungssystem als Voraussetzung einer direkten Demokratie. Es ist ihm ernst damit. Er will die Sprache besser lernen. Zur Bildung leistet er bereits in der Lehre seinen Beitrag. Nun strebt er die Staatsbürgerschaft an, damit er auch an der Demokratie partizipieren kann. Auch seine bisher in England lebende Tochter hat er erfolgreich in die Schweiz gelockt, zum Studium. Als Brite weist ihn neben seinem marstrockenen Humor nur noch seine automobile Vorliebe aus.

Einsteins Lehrstuhl

Zur Arbeit geht Moore bei freundlichem Wetter gern zu Fuss. Eine knappe halbe Stunde braucht er zum Physik-Institut der Universität Zürich, wo er als Professor für theoretische Physik den gleichen Lehrstuhl hält, auf dem einst Albert Einstein über seiner allgemeinen Relativitätstheorie grübelte.

«Ich bin in der glücklichen Lage», sagt er, «dafür bezahlt zu werden, über interessante Dinge nachdenken zu dürfen.» Und wenn er das sagt, wirkt Moore wirklich dankbar. Wie einer, der sich seiner Privilegien bewusst ist und eine Verpflichtung empfindet, etwas davon zurückzugeben.

Moore und seine Kollegen bauten sich ihren Supercomputer kurzerhand selbst.

In Forschung und Lehre beschäftigt sich Moore mit der Entstehung des Lebens, der Planeten, der Galaxien. Zu diesem Zweck bedienen Wissenschaftler sich heute, hundert Jahre nach Einstein, leistungsfähiger Computer. «Zur Bewältigung der Datenmassen braucht man sogar Supercomputer», präzisiert er sanft.

Weil es kein entsprechendes Gerät gab in Zürich, bauten Moore und seine Kollegen sich ihren Supercomputer kurzerhand selbst: «Wir wollten das Gerät oder die Komponenten auch verkaufen», erzählt er, «damit auch andere Institute davon profitieren können. Aber das Verkaufen von Computern ist, ehrlich gesagt, keine besonders aufregende Beschäftigung.»

Die abseitigsten Fragen studieren

Bei aller Faszination für die Entstehung des Lebens, der Ozeane oder des Mondes betrachtet Moore auch die Tätigkeit an der Universität «nur» als sein Tagesgeschäft: «Es ist Laborarbeit, wenn man so will. Im Grunde schaue ich mir nur Daten an, auf deren Grundlage ich dann etwa ein Modell der Galaxien erstelle. Dann stellen wir fest, dass es nicht das ist, was wir durch unsere Teleskope beobachten. Also gehen wir zurück auf Anfang und versuchen, ein besseres Modell zu erstellen.» An der Universität hat er «eher Kollegen, mein Freundeskreis ist anderswo».

Zusätzlich zu seiner Arbeit betreibt Moore mit Leidenschaft das, was er «eine Popularisierung von Wissenschaft» nennt: «Mir geht es darum, zu erklären und Wissen zu verbreiten, gern auf unterhaltsame Art. Das ist auch die Idee meiner Kolumne für ‹Das Magazin›. Ich will wissenschaftliche Themen aus allen möglichen Bereichen, von der Biologie bis zur Philosophie oder Astrophysik, auf eine persönliche und humoristische Weise den Menschen näherbringen.»

Er will komplizierte Erkenntnisse einem breiten Publikum nahebringen.

Fortwährend lese er Studien zu den abseitigsten Fragen. Und oft genug lasse sich daraus etwas Erhellendes destillieren. Das Schreiben sei ihm eine grosse Freude: «Mein erstes Buch habe ich, als es fertig war, wieder gelöscht. Dann schrieb ich es neu. Und seitdem weiss ich, wie es geht!» Kolumnen schreibe er «in einem Rutsch», gern am späteren Abend.

Nebenbei stellt er sich mit diesem Schreiben in eine lange akademische Tradition, auch komplizierte Erkenntnisse einem breiten Publikum nahebringen zu wollen. Allerdings ist diese Tradition eher in den USA oder auch England zu Hause: «In Europa ist das für viele Kollegen noch ungewohnt. Meine Arbeit wird durch Steuergelder finanziert. Und ich finde, ich kann auf diese Weise der Allgemeinheit etwas zurückgeben.»

Sein Vorbild für diese Haltung ist der Astronom und Exobiologe Carl Sagan – Moore besitzt Repliken der unter anderem von Sagan gestalteten goldenen Schallplatten, einer Art Grusskarten der Menschheit, die der Sonde «Voyager» 1977 auf ihrem Weg in den interstellaren Raum mitgegeben wurden. Wie Sagan begreift sich auch Moore als Universalist.

Anders als vergleichbare Grössen wie Neil deGrasse Tyson in den USA oder Brian Cox in England hat sich Ben Moore jedoch tatsächlich der Wissenschaft verschrieben: «Wer die Vermittlung auf einem solchen Niveau betreibt, der hat gar keine Zeit mehr für die Forschung. Mich stört nur, dass man im Leben nur eine Sache richtig betreiben kann.» Deshalb das Fotografieren. Deshalb die Gitarre. Deshalb die Vorträge, die Bücher, der Sport und andere Dinge, die er als «Zeitvertreib» bezeichnet.

Seinen Durst nach Verständnis und Vermittlung führt er auf seine Jugend zurück.

Deshalb auch das Schreiben: «Ich erkläre gern», sagt er und blickt den Dampfwolken aus seiner E-Zigarette nach: «Um ein Haar hätte ich die Wissenschaft ganz aufgegeben, um in Kalifornien als Kletterlehrer für Kinder zu arbeiten.» Das war gleich nach Ende seines Studiums in Durham, wo Moore als Forschungsassistent in Berkeley beschäftigt war.

Lehrer, das wäre er wirklich gern. Seinen Durst nach Verständnis und Vermittlung führt er auf seine Jugend zurück. Aufgewachsen ist Moore in Newcastle im Norden von England: «Meine Eltern haben beide keine Universität besucht. Sie haben mir auch keinen besonderen Ehrgeiz beigebracht. Ihr Motto war eher: Wenn du glücklich bist, sind wir es auch.» Während die Mutter in verschiedenen Jobs arbeitete, zog es den Vater als Forstwart in die umliegenden Wälder von Northumberland und Yorkshire. Moore begleitete ihn als Jugendlicher auf diesen professionellen Streifzügen in die Wildnis.

Dort lernte er seinen Vater von einer ganz anderen Seite kennen – als Fragenden: «Er wollte wissen, warum der Himmel blau ist und die Sonne wärmt.» Das seien keine rhetorischen Fragen gewesen. «Er wusste es wirklich nicht. Aber es hat ihn interessiert, also las er entsetzlich dicke und komplizierte Bücher, konnte es aber nie ganz verstehen. Er war schliesslich Förster. Ihm fehlte vollkommen der nötige mathematische Hintergrund, den es hier zu einem Verständnis braucht.»

Gemeinsam versuchten sich Vater und Sohn auf dem Dachboden an einem Doppelspaltexperiment, bei dem sich mit simpelsten Mitteln das quantenmechanische Phänomen nachweisen lässt, dass Licht zugleich Welle und Teilchen ist. Das Experiment habe funktioniert, damals: «Aber verstanden habe ich es bis heute nicht.»

«Ich habe sehr hart dafür gearbeitet, um dahin zu kommen, wo ich heute stehe.»

Während sein Bruder sich dicht auf die Spuren des Vaters setzte und heute in Frankreich die Krankheiten von Bäumen erforscht, ging Moore den Fragen seines Vaters auf den Grund. «Wer sich für die Probleme des Universums interessiert, dachte ich, der muss Astrophysik studieren.» Also belegte Moore Kurse in Astrophysik an der Universität im nordenglischen Durham. Und studierte. Er studierte noch, wenn seine Kommilitonen längst ihre Partys feierten. Und er studierte wieder, wenn sie morgens nach Hause kamen.

«Ich habe sehr hart dafür gearbeitet, um dahin zu kommen, wo ich heute stehe», sagt er. Eine unerbittliche Feststellung, die vollkommen beiläufig fällt.Womöglich hat er in jener Zeit wirklich etwas Wesentliches verpasst. Etwas, das nicht in Büchern steht, auch nicht in fernen Spiralnebeln zu finden ist. Ausgelassenheit, wenn Zeit für Ausgelassenheit ist. Freude am Leben, die deshalb heute umso wichtiger ist. Glück. «Das Leben ist nicht nur kurz, sondern auch sinnlos», sagt Moore und streicht Bertie über den Kopf. «Daher ist es wichtig, in jeder Hinsicht das Beste daraus zu machen. Mit unseren Fähigkeiten, aber auch mit unseren Leidenschaften.»

Zu diesen Leidenschaften gehört auch die Musik. Er kann zwar sehr anschaulich erklären, welchen akustischen Effekt eine Supernova hätte. Über Sphärenklänge aber lässt sich ihm nichts entlocken, als Physiker ist Metaphysik seine Sache nicht. Seine erste Gitarre kaufte er mit vierzehn von dem ersten Geld, das er im Laden seiner Schwester verdiente. Als Jugendlicher hörte er Heavy Metal, heute ist er beim French House angelangt. In seinem Gitarrenspiel orientiert er sich an Legenden wie John Frusciante von den Red Hot Chili Peppers und David Gilmour von Pink Floyd, Helden der Harmonie.

2010 trat er mit einem «Big Bang Truck» an der Zürcher Street Parade auf.

Moore spielt bei einer Band namens MILK67, solo firmiert er als «Professor Moore». Die Songtitel sind der Welt physikalischer Phänomene entlehnt, «Ion Drive», «Collision Curse», «Photons». Akustische Versuchsanordnungen sind das, keine künstlerischen Befreiungsschläge.

Auch die Musik ist ihm nur «Zeitvertreib», wenn auch einer der kostbaren Sorte. 2010 trat er sogar mit einem «Big Bang Truck» an der Zürcher Street Parade auf. Ein Nerd vor Hedonisten. Als «Professor Pop» lässt er sich allerdings nur widerwillig bezeichnen. «Was ich mag, ist das Feedback», räumt er ein. «Egal, ob es von den Studierenden, dem Publikum auf Konzerten oder von Lesern kommt. Ich empfinde das alles als eine Weitergabe von Wissen, und für mich hat das immer etwas Unterhaltsames.»

Ausserirdisches Leben

Was für seine eigentliche Arbeit, um ehrlich zu sein, nicht gilt. Wissenschaftlich hat er sich mit seinen Lösungsvorschlägen für die Rolle dunkler Materie im «cuspy halo problem» einen Namen gemacht, dessen Erklärung diese Seiten sprengen und den Intellekt des Autors überfordern würde. Ähnliches gilt für Moores Beiträge zur Erkennbarkeit von Zwerggalaxien. Für ihn selbst aber ergeben sich aus seiner Arbeit konkrete Einblicke, bei denen es dem Laien schwindelt.

Zusammen mit Stephen Hawking meldete er Bedenken an, ob es wirklich eine gute Idee wäre, wenn die Menschheit extraterrestrische Intelligenzen auf sich aufmerksam machen würde – auch wenn er sich, sollten solche Intelligenzen noch zu seinen Lebzeiten nachweisbar sein, «betrinken» würde.

Ob ausserirdisches Leben auch ein Gas sein könnte, eine Welle, ein Gedanke? Noch auf die dümmsten Fragen reagiert der Lehrer in Moore mit unendlicher Geduld: «Nicht, wenn man es definiert als etwas, das sich kopiert und repliziert. Dann kann es kein Gas sein. Soweit wir wissen», fügt er hinzu und seufzt: «Es ist immer alles nur: soweit wir wissen.»

Wäre auf die griechische Antike ein Sommer der Forschung gefolgt – wer weiss, wo wir heute stünden?

In diesem Zusammenhang erzählt Moore gern die Geschichte des legendären «Mechanismus von Antikythera». Soweit wir wissen, waren die alten Griechen grosse Mathematiker und Astronomen. «Was wir nicht wussten, ist, wie weit sie schon waren», sagt Moore. 1900 bargen Schwammtaucher aus einem Schiffswrack vor einer Ionischen Insel einen Klumpen korrodierten Metalls.

Erst Jahrzehnte später erkannten Archäologen, dass sie es mit einem komplexen Gerät zu tun hatten, das neben anderen astronomischen Variablen auch die Bewegungen von Sonne und Mond errechnen konnte. Fähigkeiten und Fertigkeiten, die niemand dem antiken Menschen zugetraut hätte und die erst wieder in der Neuzeit erreicht wurden.

«Man könnte es einen analogen Computer nennen», sagt Moore, der die Überreste in einem Museum in Athen besichtigt hat. Wäre auf die griechische Antike, diesen kurzen Frühling der Vernunft, ein Sommer der Forschung gefolgt – wer weiss, wo wir heute stünden? Stattdessen, führt Moore aus und wirkt plötzlich recht grimmig, hätten Rom mit seinem Militarismus und das Christentum mit seiner Wissenschaftsfeindlichkeit einen Fortschritt blockiert, der erst mit Isaac Newton wieder langsam in Gang gekommen sei.

Aber nicht die Einblicke in die fatalen Versäumnisse der Vergangenheit bereiten ihm schlaflose Nächte, sondern die Ausblicke ins Ungewisse. «Was ich verstehe, kann ich auch erklären», sagt er: «Was ich aber nicht verstehe, kann ich auch nicht erklären.» Wie das menschliche Gehirn. Oder das augenscheinliche Wirken des Zufalls im Universum. «Warum verwandelt sich ein Uranatom nach durchschnittlich fünf Milliarden Jahren plötzlich in ein Bleiatom? Es hat offenbar eine Art Uhr eingebaut. Wie funktioniert das? Und warum? Das gehört zu den Aspekten der Quantenmechanik, die ich nicht begreife.» Diese Ratlosigkeit hat etwas Beruhigendes. Und Menschliches.

Tausend Jahre, das scheint ihm eine ausreichende Spanne, um alle Leidenschaften auszuleben.

Wie Moore überhaupt im Umgang eine wohltuende Milde walten lässt gegenüber Menschen, die keinen so weiten Horizont, keine so profunden Einblicke oder panoramischen Ausblicke haben wie er. Dünkel scheint diesem Mann völlig fremd zu sein. Wenn er etwas wirklich zu bedauern scheint, dann das Gefühl, zu wenig Zeit zu haben.

Durchschnittlich achtzig Jahre für ein Leben, das ist ihm zu knapp. Unsterblich wäre er aber nicht gern. Doch tausend Jahre, das scheint ihm eine ausreichende Spanne, um alle Leidenschaften auszuleben, alle Projekte zu verwirklichen, allen Fragen auf den Grund zu gehen. Vielleicht würde es auch genügen, wenn die Erde sich in 2400 statt 24 Stunden einmal um sich selbst drehte. Vielleicht würde sich Moore nur auf einem gemütlichen Exoplaneten richtig wohlfühlen.

Einstweilen aber versteht er es, sich seine Zeit vernünftig einzuteilen. Später an diesem Tag wird er noch einen seiner Studenten empfangen. Es geht um eine Doktorarbeit: «Er wird aber auch seine Gitarre mitbringen», sagt Moore und schaut so vergnügt, als reibe er sich in Gedanken bereits die Hände: «Wahrscheinlich werden wir den ganzen Abend miteinander Musik machen.»

Wer sich von Ben Moore verabschieden will, muss wieder an Bertie vorbei. Was schwierig ist, weil der Hund ein allzu zärtliches Zutrauen gefasst hat. Sein Namenspatron Bertrand Russell ist sicher nicht zufällig oder wegen seiner eleganten mathematischen Axiome gewählt.

Eines seiner Bücher trägt den Titel «Die Eroberung des Glücks». Darin gibt es einen tiefen und heiteren Aphorismus, nach dem Moore sein Leben ausgerichtet zu haben scheint: «Der Weise wird immer so glücklich sein, wie es die Umstände erlauben. Und wenn ihm das Nachdenken über das Universum allzu schmerzhaft erscheint, wird er eben über etwas anderes nachdenken.»


Diäten sind Gift fürs Klima
Die aktuelle Kolumne von Ben Moore im «Das Magazin» N°18.

Vor ein paar Jahren besuchte mich meine englische Tochter – sie war damals elf oder zwölf – in Zürich. Auf der Bahnhofstrasse fragte sie mich: «Warum sieht man in der Schweiz eigentlich keine dicken Menschen?» Ihre kindliche Beobachtung hat einen wahren Kern. In England ist rund die Hälfte der Bevölkerung übergewichtig. Grossbritannien gehört in Sachen Adipositas zu Europas Spitzenreitern, die Schweiz ist Schlusslicht.

In englischen Supermärkten stellen Fertiggerichte mehr als die Hälfte des Angebots. Und die Leute konsumieren Fast Food, während sie im Schnitt vier Stunden täglich vor dem Fernseher sitzen; doppelt so lange wie die Schweizer.

Fett wird in Fettzellen (Adipozyten) gelagert. Im Körper gibt es 30 Milliarden solcher Zellen, die alle üblichen Komponenten wie DNS und RNS enthalten, aber eben auch einen grossen Fettklecks. Die Zahl dieser Zellen bleibt während eines Erwachsenenlebens ziemlich konstant, wobei sie kontinuierlich mit einer Geschwindigkeit von rund zehn Prozent pro Jahr erneuert werden.

Wir atmen oder pinkeln das Fett, das wir abnehmen, aus.

Wenn Sie allerdings faul sind oder sich überfressen, können sich diese Zellen vervielfältigen und auf das Dreifache anschwellen, sodass sie mit blossem Auge erkennbar sind. Aber wohin verschwindet all das eingelagerte Fett, wenn Sie eine Diät machen oder Sport treiben und dadurch abnehmen?

Die meisten Menschen glauben, es verbrenne, werde in Muskeln umgewandelt oder mit dem Stuhl ausgeschieden. Tatsächlich atmen oder pinkeln wir es aber aus. Der Sauerstoff, den wir einatmen, oxidiert die Fettmoleküle und bricht sie in einer Reihe komplexer Reaktionen auseinander. Das setzt Elektronen frei, die zur Herstellung von ATP (unserem körpereigenen Energieträger) verwendet werden. Übrig bleiben Kohlendioxid, das wir ausatmen, und Wasser, das wir ausschwitzen oder urinieren.

So gesehen, tragen die Briten wenigstens zum Klimaschutz bei: Verlören sie all ihr Übergewicht auf einmal, könnte das auf einen Schlag mehrere Millionen Tonnen Kohlendioxid freisetzen. Doch nicht nur Menschen sind in der westlichen Welt übergewichtig – ein ähnlich hoher Anteil ihrer Haustiere ist es auch.

Eine kürzlich publizierte Studie bekümmert mich besonders: Forscher der Universität Cambridge fanden heraus, dass Labradore genetisch zu Übergewicht neigen. Rund ein Viertel dieser Rasse hat eine Mutation in dem Gen, das für ein Sättigungsgefühl nach einer Mahlzeit sorgt. Daher sind sie immer hungrig und betteln andauernd um Essen.

Schaut er mich so treu an, weil er mich liebt, oder will er nur ein Leckerli?

Übrigens gibt es auch Menschen mit dieser Mutation – die ist aber so selten, dass es keine Entschuldigung für Völlerei sein kann. Während ich dies schreibe, fixiert mich Bertie, der Labradoodle, mit seinen grossen braunen Augen. Ein Labradoodle ist je zur Hälfte Labrador und Pudel. Ich mache mir daher Sorgen, dass er auch Träger des kaputten Hunger-Gens ist.

Schaut er mich so treu an, weil er mich liebt, oder will er nur ein Leckerli? Er liebt Leckerli, eigentlich jede Art von Nahrung, und er würde bestimmt fressen, bis er explodiert, wenn ich ihn liesse. Theoretisch wäre es möglich, Bertie genetisch so zu modifizieren, dass das Hunger-Gen wieder perfekt funktioniert. Allerdings warnen Forscher vor solchen Eingriffen, da sie drastische Folgen aufs Verhalten haben könnten. Und mir ist Bertie am liebsten so, wie er ist – auch wenn er mich vielleicht nur liebt, weil ich ihn füttere.

Erstellt: 10.05.2018, 15:32 Uhr

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