Den Menschen durch den Hund verstehen

Der Charakter von Hunden unterschiedlicher Rassen ist einer Studie zufolge im Erbgut angelegt. Kann Hundegenetik auch menschliches Verhalten erklären?

Mensch und Hund sind sich noch ähnlicher, als man denkt: Frauchen mit ihrem Liebling. Foto: Getty Images

Mensch und Hund sind sich noch ähnlicher, als man denkt: Frauchen mit ihrem Liebling. Foto: Getty Images

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Wer in seinem Leben bereits mehr als eine Hunderasse zu Gesicht bekommen hat, dürfte ahnen, was jetzt eine Gruppe amerikanischer Anthropologen, Verhaltenspsychologen, Evolutionsbiologen und Veterinäre im Labor vermessen hat: Das charakteristische Verhalten der verschiedenen Hunderassen ist fest verankert in den Genen der Tiere. Border Collies verhalten sich also meist wie Border Collies, Doggen wie Doggen, und nur selten wird ein Schäferhund flüchten, wenn seine menschliche Bezugsperson bedroht wird, sondern eher sein eigenes Leben riskieren – wie es eben Schäferhunde tun.

Was viele bereits ahnten, hat das Team um den Anthropologen und Psychologen Evan MacLean von der University of Arizona jetzt in der bislang umfassendsten Analyse von Hundegenen noch einmal bestätigt. Sie verglichen dazu das Verhalten von 17'000 Tieren aus einhundert Rassen mit den Genomdaten der Hunde: Dabei stiessen sie auf 131 genetische Variationen im Hundeerbgut, die einen besonderen Einfluss auf 14 ausgewählte Persönlichkeitsmerkmale der Tiere haben.

Aggressionen werden beim Hund und Menschen durch ähnliche Erbanlagen gesteuert.

Zusammengefasst sollen alleine diese genetischen Varianten etwa 15 Prozent des Verhaltens bestimmen, das als typisch für eine Rasse angesehen wird. Wie gut sich die Hunde trainieren lassen, ihr Jagdverhalten und die Aggression Fremden gegenüber seien dabei besonders stark in den Genen veranlagt, schreiben die Wissenschaftler in ihrer Studie, die sie auf der Webseite bioRxiv veröffentlicht haben. Dort können Fachleute die Resultate auch öffentlich diskutieren und kritisieren.

Die nun entdeckten Varianten im Erbgut der Tiere liegen vor allem in Genen, die an den Hirn- und neurologischen Funktionen sowie an Entwicklungsprozessen im Organismus beteiligt sind. Die Forschergruppe glaubt, dass ihre Entdeckung auch Aussagen über die genetischen Wurzeln menschlichen Verhaltens zulässt. Jene Erbanlagen, die Aggression bei Hunden steuern, ähneln zum Beispiel denen, die auch bei Menschen damit verknüpft zu sein scheinen. Gene, die bei Hunden besondere Trainierbarkeit gestatten, gleichen den menschlichen Erbanlagen, die Intelligenz und Informationsverarbeitung beeinflussen.

Die Hundegenetik könnte auch verständlich machen, wie menschliche Leiden entstehen.

Es scheint also Gene zu geben, die über viele Arten hinweg ähnliche Wesenszüge beeinflussen. Wahrscheinlich blicken diese Erbanlagen auf eine lange, gemeinsame entwicklungsbiologische Vergangenheit zurück, spekulieren Evan MacLean und seine Kollegen in ihrem Artikel. Sie stellen die Hypothese auf, dass die Ähnlichkeiten zwischen menschlichem und hündischem Verhalten wohl mit der langen gemeinsamen Evolution der beiden Spezies zusammenhängen könnten, weil «menschliche Evolution und die Domestizierung des Hundes einen ähnlichen Selektionsdruck ausgeübt haben».

Insofern könnte die Hundegenetik auch verstehen helfen, wie menschliche Leiden entstehen, hoffen die Forscher. Sie schreiben, Hunderassen seien ein mächtiges Modell, um den genetischen Einfluss auf das Verhalten zu studieren. «Mehr als die meisten übrigen Modellorganismen haben Hunde eine Reihe von geistigen Fähigkeiten und Verhaltensweisen, die sie besonders interessant machen als Modell auch für menschliches Sozialverhalten und Wahrnehmung.»

Ältere Studien hatten einen weitaus geringeren genetischen Einfluss auf das Verhalten gefunden.

So könnte man etwa versuchen, zum Beispiel Hundegene, die laut der neuen Arbeit in einem Zusammenhang mit Furcht zu stehen scheinen, auch im menschlichen Erbgut aufzuspüren. Vielleicht unterscheiden sich die von Patienten mit Angststörungen ja von jenen, die kaum Angst kennen. «Solche Untersuchungen wären in Zukunft möglich», sagte der Zoologe James Serpell, der an der Studie beteiligt war, gegenüber dem Fachblatt Science.

Obwohl die Forschergruppe den Einfluss der gefundenen genetischen Varianten auf das Verhalten der Rasse nur auf etwa 15 Prozent beziffern, erscheint dieser Wert anderen Experten als zu hoch gegriffen. Ältere Studien hatten einen weitaus geringeren genetischen Einfluss auf das Verhalten gefunden. Es bleibt also noch genug Spielraum für Herrchen und Frauchen, sich das Verhalten ihres Hundes dem eigenen pädagogischen Einfluss zuzuschreiben.

Erstellt: 26.01.2019, 15:45 Uhr

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