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Der herzige Klotz wird erfrieren

Philae, das Minilabor auf dem Kometen Tschuri, kann sich bald nicht mehr melden.

Selbstzerstörung im Dienste der Wissenschaft: Die Raumsonde Philae. Foto: PD
Selbstzerstörung im Dienste der Wissenschaft: Die Raumsonde Philae. Foto: PD

Kennern ist der Klotz mit den Spinnenbeinen im letzten Jahr ans Herz gewachsen. Philae mag die Hoffnungen nicht ganz erfüllt, den Erkenntnis­gewinn nicht ganz maximiert haben. Aber sie hat sich redlich bemüht. So was kann passieren am Ende einer der längsten Reisen, die ein von Menschen geschaffener Gegenstand je gemacht hat: zehn Jahre Flug ins kalte Weltall zum Rendezvous mit einem Kometen, einem Klumpen Urgestein aus der Geburtsstunde des Universums, den Astronomen liebevoll Tschuri nennen (der offizielle Name 67P/Tschurjumow-Gerassimenko ist ja auch eher ein Zungenbrecher).

Philae flog im Bauch der Raumsonde Rosetta, die das Minilabor von der Grösse einer Wasch­maschine vor genau einem Jahr ausstiess – 500 Millionen Kilometer von der Erde entfernt. Philae sollte auf dem Kometen landen, sich mit Eisschrauben in den Boden bohren, mit Harpunen an Felsen festkrallen, mit Düsenantrieb an die Oberfläche pressen. Alle Landesysteme versagten. Der Untergrund war zu hart für die Eisschrauben, die Harpunen wurden gar nicht ausgelöst, der Düsenantrieb zündete nicht. Philae schlug auf der Oberfläche auf und sprang wie ein trudelnder Ball in Zeitlupe fast zwei Stunden lang über Tschuri hinweg. Zur Ruhe kam sie, etwas lädiert und schief stehend, irgendwo im Schatten. Leider. Denn ohne Sonnenlicht konnte Philae ihre Batterien nicht aufladen.

Sie tat, was sie konnte

Philae tat, was sie konnte. Fieberhaft bohrte, klopfte und analysierte sie, was sie trotz Schieflage zu greifen, riechen und sehen bekam. Unmengen Daten wurden an die Rosetta-Sonde übermittelt, die sie an die Erde weiterleitete, unter anderem an ein Labor der Universität Bern, das von «äusserst schönen Daten» schwärmte. Nach etwas mehr als zwei Tagen verstummte Philae. Ihre Batteriekraft war erschöpft.

Philae schaffte viel weniger, als ihre Macher erhofft hatten. Dennoch sind ihre Daten von grösster Bedeutung. Darauf deutet schon der Name hin: «Rosetta» heisst der Stein, auf dem ein Text auf Griechisch und in Hieroglyphen gemeisselt ist; «Philae» ist die Tempelinsel im Nil, auf der sich ein Obelisk befand, der ebenfalls griechische und altägyptische Schriftzeichen trug. Mit ihrer Hilfe wurden die Hieroglyphen entziffert. Die Sonde Rosetta und ihr Minilabor Philae sollen uns helfen, nichts weniger als die Ursprünge des Universums zu entziffern.

Philae erwachte noch einmal kurz, als der Komet der Sonne näher kam und sie wieder etwas Licht tanken konnte. Zuletzt schickte sie am 9. Juli Daten. Nun befindet sich Tschuri, mit Rosetta im Schlepptau, auf dem Weg in die Tiefen des Alls. Rosetta soll sich nächstes Jahr auf den Kometen stürzen, um im Absturz noch letzte Erkenntnisse zu sammeln – Selbstzerstörung im Dienste der Wissenschaft. Für Philae hingegen ist es bald zu kalt. Zudem sind ihre Sender beschädigt. Sie wird sich wohl nicht mehr melden.

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