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Der Zufall ist auf seiner Seite

Der Physiker Karsten Danzmann hat es mitermöglicht, tief ins All hinein zu horchen.

MeinungMarlene Weiss
«Es hat Vorteile, wenn man arm ist, man kann mehr ausprobieren», sagt Karsten Danzmann. Foto: Daniel Reinhardt, (DPA, Keystone)
«Es hat Vorteile, wenn man arm ist, man kann mehr ausprobieren», sagt Karsten Danzmann. Foto: Daniel Reinhardt, (DPA, Keystone)

Der Zufall kann grausam sein, damit kennt sich Karsten Danzmann aus. Wenn man ihm und seinem Team in den 90er-Jahren nicht plötzlich das Geld verweigert hätte, dann hätten sie ihren kilometerlangen Gravitationswellen-Detektor in Deutschland bauen können. Stattdessen errichteten andere zwei riesige Anlagen namens Ligo in den USA. «Ligo hätte auch in der Lüneburger Heide stehen können, wir waren damals genauso weit wie die Amerikaner», sagt der Physiker. Aber wenn die Raumzeit wackelt, dann wird das heute in den USA registriert. Der Physik-Nobelpreis dafür geht an die dortigen Forscher, auch für Sensationen wie die erste Messung einer Neutronensternkollision, die am Montag bekannt wurde, ernten andere den grössten Ruhm.

Der 62-jährige Danzmann, Direktor am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover, ist trotzdem eine zentrale Figur in der Erforschung von Gravitationswellen geworden. Sein Name steht auf jeder Veröffentlichung des internationalen Ligo-Teams. An dem kleinen Detektor namens Geo 600, den Danzmanns Team schliesslich baute, wurden fast alle Technologien entwickelt, denen die grossen Exemplare in den USA heute ihre erstaunliche Empfindlichkeit verdanken. «Es hat Vorteile, wenn man arm ist, man kann mehr ausprobieren», sagt Danzmann.

Todestanz zweier Neutronensterne

Auch grosse Teile der Datenanalyse finden in Hannover statt. Und als am 17. August zum fünften Mal eine Gravitationswelle registriert wurde, waren es Wissenschaftler aus Danzmanns Team, die das verrauschte Signal aus den USA filterten. Erst dadurch konnte der Ursprungsort der Welle genau bestimmt werden, sodass Teleskope in aller Welt in der entsprechenden Richtung suchen konnten – und fündig wurden. Erstmals liess sich so der Todestanz zweier Neutronensterne direkt beobachten. Beim Zusammenprall senden die mysteriösen Winzlinge von enormer Dichte explosionsartig Materie und Strahlung ins All. Die Messung gilt als der Beginn einer neuen Ära in der Astronomie, in der Forscher neben Lichtwellen auch Gravitationssignale nutzen – künftig können sie in die dunklen Tiefen des Alls hineinhorchen.

Noch weit besser dürfte das funktionieren, wenn um 2030 der Weltraum-Gravitationswellendetektor Lisa startet, den Danzmann mitentwickelt. Er hofft, dann noch als Elder Statesman dabeizusein: «Ich werde dann immer sagen: Zu meiner Zeit hätten wir das aber anders gemacht.» Die drei Lisa-Sonden könnten weitere sensationelle Entdeckungen machen, vor allem, was Signale aus der Anfangszeit des Universums angeht. Woraus diese Entdeckungen bestehen, ist völlig offen. Auch mit den Neutronensternen hatte ja niemand so schnell gerechnet. Und wenn die Kollision sich nicht so nah ereignet hätte, hätte es auch nicht geklappt.

Alles in allem hat Danzmann mit dem Zufall doch ganz gute Erfahrungen gemacht.

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