Die Kelten liebten Feiern mit Alkohol

Wissenschaftler entschlüsseln die Trinksitten der Kelten und erfahren, was deren Gesellschaft zusammenhielt.

Schon die Kelten schätzten den vergorenen Saft von Weintrauben. Foto: Getty Images, Cultura RF

Schon die Kelten schätzten den vergorenen Saft von Weintrauben. Foto: Getty Images, Cultura RF

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Oben im Empfangssaal ihres Palastes auf dem Mont Lassois, mit Blick auf den Hafen an der ­Seine, lag die Dame von Vix auf einer Art Sofa. Aus einem Kupferkessel, der gut 1100 Liter fasste, liess die keltische Herrscherin sich und ihren Gästen mit Gewürzen veredelten Wein in Trinkhörner schöpfen. Sowohl den 1,64 Meter hohen Kessel wie auch den Traubenwein hatte sie aus Griechenland beziehungsweise der griechischen Siedlung Massalia am Mittelmeer über die Rhone hoch in ihr prächtiges Apsidenhaus auf dem Plateau über der Stadt Vix liefern lassen.

Angesichts der Mengen, die der Kessel fasst, muss es ein ziemliches Gelage gewesen sein, das die Herrscherin vor etwa 2500 Jahren ausrichtete. Importierter griechischer Wein floss damals in Strömen, zumindest bei der Führungselite. In vielen frühkeltischen Fürstensitzen finden sich solche griechischen Kratere, Grossgefässe zum Mischen von Wein: im süddeutschen Hochdorf ein 500-Liter-Kessel oder grosse Mischgefässe im Fürstensitz Heuneburg an der Donau. «Wir sehen, dass die Kelten eine grosse Lust auf alkoholische Getränke hatten», sagt der Archäologe Philipp Stockhammer von der LMU München.

Ein internationales Forscherteam unter Stockhammers Leitung und mit Beteiligung von Forschern der Universität Zürich wies nun erstmals die vielfältigen Getränke der Kelten an einem Ort nach, wie sie in der aktuellen Ausgabe des Fachmagazins «PLOS One» berichten. «Den ­importierten Traubenwein aus Griechenland gab es zu besonderen Anlässen, dargereicht in besonderen Trinkgefässen», sagt Stockhammer. «Im Alltag tranken die Kelten natürlich auch Wasser, häufiger aber Hirse- und Gerstenbier, zudem Fruchtweine, vielleicht aus Apfel oder Beeren.»

Rückstände der Speisen und Getränke ausgewertet

99 keramische Trinkgefässe und Transportbehälter aus dem keltischen Fürstensitz Vix-Mont Lassois im Burgund untersuchten die Forscher. Wissenschaftler der Universität Tübingen werteten dabei die Rückstände der Speisen und Getränke aus den Gefässen aus. Dazu erhitzten sie die Keramikproben, sodass die seit 2500 Jahren darin gespeicherten Rückstände ­verdampften und die Forscher die Spuren dann im Massenspektrometer analysieren konnten.

Jede Flüssigkeit und jedes Lebensmittel hinterlässt eine chemische Signatur. «Wir haben neben importiertem Wein und einheimischen alkoholischen Getränken in der Keramik auch Rückstände von Olivenöl und Milch sowie Reste von Hirse und Bienenprodukten gefunden», sagt Maxime Rageot von der Universität Tübingen, der die chemischen Analysen erstellte. Je länger und häufiger sich ein Getränk in einem Gefäss befand, umso deutlicher ist das Signal.

Die aktuelle Studie untersuchte erstmals grossflächig die Keramiken einer kompletten Siedlung auf Spuren von Alkohol und Nahrungsmitteln. Die Forscher wählten dafür mit dem Mont Lassois einen der bedeutendsten der frühkeltischen Fürstensitze. Die Herrscher lebten auf dem befestigten Teil des Gipfelplateaus, dem Mont Saint-Marcel.

Jede Flüssigkeit und jedes Lebensmittel hinterlässt eine chemische Signatur auf den Gefässen.

Am Fuss des Bergs lag ein Heiligtum, in dem zwei lebensgrosse Steinstatuen gefunden wurden, Mann und Frau, ein Hinweis darauf, welch hohen Stellenwert Frauen in der frühkeltischen Gesellschaft hatten. In der Nähe fanden Archäologen auch das mit wertvollen Beigaben ausgestattete Grab der Dame von Vix, voll mit Goldschmuck, einer griechischen Tonschale, einer etruskischen Bronzekanne und Gefässen für ein letztes Gelage im Jenseits, darunter der 1100-Liter-Krater, der zu Lebzeiten der Herrscherin Mittelpunkt ihrer Feste war.

Die Siedlung verdankte ihre Bedeutung der strategisch günstigen Lage am Oberlauf der Seine. «Der Fluss war ein wichtiger Verbindungsweg zum Atlantik», sagt Dirk Krausse, Landesarchä­ologe bei der Denkmalpflege Baden-Württemberg. Über die Seine kam etwa Zinn oder Ölschiefer für Schmuckstücke aus Britannien. Über die Rhone war der Zugang zum Mittelmeerraum gesichert. Von dort kamen einige der untersuchten Gefässe zum Mont Lassois, aus Griechenland und Italien importierte Keramiken, flache Trinkschalen oder reich verzierte Amphoren.

Eine Amphore stammt vom «Michelangelo der Antike»

Mithilfe dieser Importgüter liess sich ein feineres Bild der Trinksitten zeichnen. Besonders angetan hat es Stockhammer eine griechische Amphore, die im Palastbereich gefunden wurde. Sie stammt von Euthymides, einem der bedeutendsten Vasenmaler seiner Zeit, «ein Michelangelo der Antike». Auf der bauchigen Henkelamphore finden sich tanzende Trinker.

Die Kelten liebten offenbar gewürzten Alkohol. Beim Wein hatte das Würzen auch praktische Gründe. Der Traubenwein kam meist in Tierschläuchen oder Fässern aus Massalia, dem heutigen Marseille, ins Keltenreich. Schiffe transportierten ihn über die Rhone und andere Flüsse nach Norden. Da sich die Gärungsprozesse damals nur schlecht kontrollieren liessen, war der Wein wohl nach der langen Reise eher sauer. Daher verwendeten ihn die Kelten entweder zum Kochen, was auch die archäologischen Befunde in Mont Lassois bestätigen. Oder sie würzten ihn kräftig. Das verlieh ihm sein eigenwilliges Aroma, er war wieder festtauglich.

Bier brauten die Kelten offenbar selbst, in einer erstaunlichen Vielfalt. Die Forscher fanden in Gefässen neben den bierspezi­fischen Hopanoid-Markern auch häufig Hinweise auf Harze – auch wohlgewürztes Bier. «Oder man liess es in Holzfässern gären», sagt Stockhammer.

Getränke weisen auch auf soziale Gefüge hin

«Diese Biere waren allemal besser als verunreinigtes Brunnenwasser», sagt Stockhammer. «Ihr Alkoholgehalt war niedrig, auch Kinder tranken es. Alkohol hatte viele Vorteile, es tötet Bakterien ab, das Bier ist auch aufgrund seiner Enzyme nahrhaft.»

Ein Problem der Interpretation der Ergebnisse sind unklare Signaturen. Weizen- und Gerstenbiere lassen sich nur indirekt nachweisen. Hirse hinterlässt im Gegensatz zu Gerste oder Weizen laut Stockhammer aber ein klares Signal. «Allerdings kann im Gefäss sowohl Hirsebier wie Hirsebrei gewesen sein.» Auch bei Bienenwachs lässt sich nicht eindeutig sagen, ob im Behälter Honig oder mit Honig gesüsster Wein oder gar Honigwein gelagert war. Wahrscheinlich brauten die Kelten in Mont Lassois auch Met aus Honig. Die Spuren sind indes nicht eindeutig.

Einige Getränke, importierte Gefässe und Trinkgewohnheiten lassen sich mit bestimmten Bereichen der Stadt verbinden. Stockhammer betrachtet dies als indirekten Nachweis für die sozialen Hierarchien in der keltischen Gesellschaft. «Die Krieger unten am Stadttor tranken Hirsebier, während im Palast eher Weizen- oder Gerstenbier auf den Tisch kam.»

Das Bild der hemdsärmligen Kelten entstand erst später

Die Forscher überprüften auch eine lange diskutierte Theorie, nach der die neue keltische Elite den mediterranen Lebensstil der römischen, etruskischen und griechischen Oberschicht imitierte. Darauf deuteten etwa mediterrane Wandmalereien, die üppige Ausstattung von Gräbern und Palästen und die importierten Gefässe hin. Doch die alte These scheint nicht zu stimmen. Die keltischen Frauen nahmen an den nach griechischem Vorbild ausgerichteten Gelagen teil, den sogenannten Symposien. Für griechische Frauen wäre das undenkbar gewesen. Auch die Keltinnen tranken Alkohol, liessen sich mit Liedern und Reden unterhalten und erfreuten sich an Trinkspielen.

Die Vorstellung übrigens, die später zum Asterix-Bild der eher hemdsärmligen Kelten führte, die saufen und Wildschwein am Spiess essen, entstand erst Jahrhunderte nach dem Tod der eleganten Dame von Vix. Damals schrieb etwa der griechische Gelehrte Poseidonios über die Kelten: «Den Weingenuss lieben sie über alle Massen und giessen den von Kaufleuten eingeführten Wein unvermischt in sich hinein. Aus Gier sprechen sie dem Trank dabei so übermässig zu, dass sie berauscht einschlafen oder in Raserei verfallen.» Archäologen halten dieses Bild für deutlich überzogen und eher motiviert, die kultivierten Römer von vermeintlich nordischen Trunkenbolden abzugrenzen.

«Die keltische Gesellschaft hatte sich zu diesem späten Zeitpunkt zwar verändert, sie war im Gegensatz zur frühkeltischen Phase eindeutig männlich dominiert», sagt Krausse. «Dass die Kelten deshalb Barbaren waren, darf man aber bezweifeln.» Es war schlicht ein kultiviertes Volk im Herzen Europas, das Handel mit ganz Europa trieb und dem Feiern einen hohen Stellenwert zuschrieb.

Erstellt: 26.06.2019, 19:53 Uhr

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