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Die Lichtgestalt der Zukunftsseher

Als bester Prognostiker der US-Präsidentschaftswahlen ist Nate Silver endgültig zu einem Topstar in den USA geworden. Der 34-jährige Statistik-Nerd nimmt nun die grossen Probleme unserer Zeit ins Visier.

Mit Mathematik gegen Terrorismus, Finanzkrise und Klimawandel: Nate Silver.
Mit Mathematik gegen Terrorismus, Finanzkrise und Klimawandel: Nate Silver.

Schon bei den US-Präsidentschaftswahlen 2008 hatte Nate Silver die Wahlresultate in 49 der 50 Bundesstaaten korrekt vorausgesagt. Diese Woche gelang ihm sogar das Kunststück, mit sämtlichen Wahlprognosen, bis auf Zehntelprozente genau, richtig zu liegen. Der Statistik-Nerd, der auf der Website der «New York Times» den äusserst populären Blog Fife Thirty Eight betreibt, ist nun definitiv ein Topstar im amerikanischen Politik- und Medienbetrieb.

Der erst 34 Jahre alte Silver wendet sich jetzt neben der Politik auch anderen Themen zu. Er ist überzeugt, dass sich seine Prognosemodelle auf die grossen Probleme unserer Zeit anwenden lassen, zum Beispiel auf Terrorismus, Finanzkrise und Klimawandel. So sei es möglich, Warnungen vor Hurrikans substanziell zu verbessern.

Prognosen helfen, «unser Schicksal selbst zu bestimmen»

In seinem Ende September erschienenen Buch «The Signal and the Noise» gibt Silver einen Einblick in sein Denken. Silver lässt sich zwar nicht von einem blinden Glauben an mathematische Modelle leiten. Er erliegt nicht der Versuchung, menschliche Allmacht zu propagieren. «Prognosen können Erfolg haben – aber auch scheitern», schreibt Silver. Prognosen könnten allerdings helfen, «unser Schicksal selbst zu bestimmen». Was er damit meint, veranschaulicht Silver am Beispiel des amerikanischen Traumas vom 11. September 2001.

«Wir haben die Terrorattacken nicht sehen kommen. Aber das Problem war nicht der Mangel an Informationen», schreibt Silver. «Wie schon im Fall von Pearl Harbour gab es verschiedene Anzeichen für Terroranschläge, aber wir haben die Informationen nicht miteinander verknüpft. Wir waren blind gegenüber den verfügbaren Daten.» Dasselbe Versagen habe es bei der globalen Finanzkrise gegeben. Nicht beherrschbare Daten- und Informationsmengen sind nach Ansicht von Silver potenziell gefährlich. Prognosen würden den Menschen helfen, sich auf Katastrophen besser vorzubereiten.

Analysen mit Umfragewerten und Metadaten

Bei seinen Vorhersagen versucht Silver immer, der Dynamik des zu untersuchenden Gegenstands gerecht zu werden, wobei er neben langfristigen Trends auch Metadaten wie Bevölkerungszusammensetzung und soziale Schichtung berücksichtigt – je mehr Daten, desto besser. Bei den US-Präsidentschaftswahlen stützte sich Silver auf die Ergebnisse von Meinungsforschungsinstituten wie Gallup, Yougov oder Rasmussen. Dann verknüpfte er die verschiedenen Umfragewerte mit demografischen und wirtschaftlichen Kennzahlen sowie Daten von vergangenen Präsidentschaftswahlen. Aus allem errechnete er nach komplizierten stochastischen Verfahren seine Prognosen.

Die Art und Weise, wie Silver arbeitet, ist im Grundsatz keine statistische Revolution. Seine Modelle sind aber präziser und damit besser als jene der Konkurrenz. Während andere für die Präsidentschaftswahlen vom letzten Dienstag ein Kopf-an-Kopf-Rennen voraussagten, prognostizierte Silver einen klaren Sieg von Barack Obama.

Baseballanalytiker, Pokerspieler und Politikprognostiker

Silver begann vor fünf Jahren mit Politikanalysen. Zuvor hatte er sein Geld als Baseballanalytiker verdient, nachdem es dem studierten Ökonomen als Berater beim Consultingriesen KMPG zu langweilig geworden war. So entwickelte er ein Modell, das die künftige Performance und Profikarriere von Pitchern (Werfern) und Hitters (Schlagmännern) anhand eines Vergleichs mit «ähnlichen» Spielern aus der Vergangenheit voraussagt. Zwischenzeitlich hatte sich der begabte Mathematiker seinen Lebensunterhalt als Pokerspieler verdient.

Nachdem seine Prognosen zu den US-Präsidentschaftswahlen 2008 für grosses Aufsehen gesorgt hatten, wurde Silver ein Jahr später von der amerikanischen Zeitschrift «Time» in die Liste der «100 einflussreichsten Menschen der Welt» aufgenommen.

Nate Silver: The Signal and the Noise. Why So Many Predictions Fail – but Some Don't. 534 Seiten, Verlag Penguin UK, London. Das Buch ist noch nicht in deutscher Sprache erhältlich.

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