Diese Frucht bedroht die Welt

Ihre Produktion verbraucht Unmengen an Wasser und ist vor allem für Drogenkartelle lukrativ. Zu Besuch auf einer Avocado-Plantage in Peru.

Waschanlage für Avocados: Für die Produktion der Früchte werden enorme Mengen an Wasser verbraucht. Die Folge sind Dürren und Brände. Foto: Ronaldo Schemidt (AFP)

Waschanlage für Avocados: Für die Produktion der Früchte werden enorme Mengen an Wasser verbraucht. Die Folge sind Dürren und Brände. Foto: Ronaldo Schemidt (AFP)

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Bevor man zur Avocado darf, muss man sich die Hände waschen und mit Industriealkohol einreiben. Die Schuhe desinfizieren. Plastiksäcke über die Füsse ziehen. Ein Mützchen aufsetzen. Dann erst öffnet Juan Ignacio Camet die Sicherheitsschleuse zum Gewächshaus.

«Die Avocado ist eine kleine Diva», sagt Camet. Sie mag weder Hitze noch Kälte, wenn der Boden zu hart ist, erstickt sie. Zu viel Sauerstoff tut ihr auch nicht gut. Ihr Durst ist immens, das Wasser sollte nicht zu salzig sein, keineswegs chlorhaltig. Und Vorsicht vor eingeschleppten Bakterien. Die ersten Tage ihres Lebens verbringen Camets Avocados in Quarantäne. Mit dem Blick eines jungen Vaters flüstert er: «Es sind Schätzchen, die man sehr gut hüten muss.» Etwa 300'000 dieser Schätzchen behütet seine Firma Camet Trading im Umland der peruanischen Hauptstadt Lima. Es ist laut Camet eine «mittelgrosse Baumschule». Und eine Geldmaschine. «Palta» sagen die Peruaner zu dieser Frucht oder auch «grünes Gold».

Juan Ignacio Camet betritt die Dunkelkammer. Hier werden seine im Labor geklonten Setzlinge von zwei Frauen betreut. Sie tragen OP-Kittel und suchen mit Taschenlampen die Ableger aus, die bereit sind für den nächsten Schritt, die Wurzeltransplantation. Es ist eine komplizierte Geburt, aber der Aufwand lohnt sich. Vor allem in Europa und den USA bricht der Avocadoabsatz einen Rekord nach dem nächsten. Wenn die Generation, die man Millennials nennt, eine Sache gern isst, dann Avocados. Mit Guacamole fing alles an, als grüner Tupfer im Sushi eroberte sie die Welt. Heute gibt es in New York, London, Paris, Berlin, Zürich oder Bern kaum noch ein Café, das ohne Avocadotoast, Avocadosalat oder Avocadosmoothie auskäme.

Die Avocado ist vegan und gilt damit als sündenfrei, als Butter des reinen Gewissens.

Juan Ignacio Camet ist selbst so ein Millennial. 34 Jahre alt, Marketingabschluss in Lima und London. Er trägt einen perfekt sitzenden Anzug, Sonnenbrille und raucht Kette an seiner E-Zigarette. Jeder wolle sich heute selbst verwirklichen und amüsieren, aber gleichzeitig bewusst und gesund leben, sagt er. «Wir sind einfach mit dem richtigen Produkt zur rechten Zeit für eine intelligente Generation auf dem Markt.»

Denn gesund ist die Avocado auch noch. Mit ihren Mineralstoffen, ihren Vitaminen, ihren ungesättigten Fettsäuren hat sie es zum Superstar unter dem Superfood gebracht. Sie ist vegan und gilt damit als sündenfrei, als die Butter des reinen Gewissens. «Endlich kann man Schokoladentorte essen, ohne dick zu werden», sagt Camet.

Es ist aus seiner Sicht kein Zufall, dass der Siegeszug der Avocado parallel zum Aufstieg der sozialen Netzwerke verlief. «Dort hat sie in den vergangenen Jahren Kultstatus erreicht», sagt er. Man könnte auch von einem Fetisch sprechen. In der Mitte zerteilt, einmal mit, einmal ohne Kern, und immer schön von oben fotografiert – dieses Motiv findet sich millionenfach bei Instagram. Food-Porn.

Eine Diva, die Rundumbetreuung verlangt

Die Avocado hat es geschafft, zur Ikone eines grünen Lifestyles zu werden. Eine angeblich so intelligente Generation meint, ein Produkt entdeckt zu haben, das in jeder Hinsicht das Gute verkörpert. Wer es konsumiert, senkt den Cholesterinspiegel und verbessert nebenbei auch noch die Welt. Die Wahrheit lautet: leider nein.


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Der Avocadobaum stammt ursprünglich aus den bergigen Regenwäldern Südmexikos und Zentralamerikas. Dort wurde er schon vor 9'000 Jahren von indigenen Völkern kultiviert und richtete nach allem, was man weiss, keinen Schaden an. Um die Nachfrage auf dem Weltmarkt der Gegenwart zu bedienen, wurde er aus seinem natürlichen Habitat herausgerissen. Die landwirtschaftliche Massenproduktion braucht Platz. Viel Platz. Und dort, wo Platz ist oder Platz gemacht wurde, hat sich dieses recht genügsame Gewächs zu jener Diva entwickelt, die Rundumbetreuung verlangt. Dort müssen ihre Wind-, Sonnen-, Kälte- und Hitzeallergie, vor allem aber ihr Wasserhaushalt minutiös kontrolliert werden. Das ist das Grundproblem. Und der grosse Widerspruch aller Avocado-Verherrlichung.

Früchte aus der Wüste

Die Firma Camet Trading bewirtschaftet vor den Toren Limas, unweit ihrer Avocado-Klonstation, auch ein Feld mit 28'000 ausgewachsenen Bäumen, die pro Tag 290'000 Liter Leitungswasser schlucken. Das sind mehr als 100 Millionen Liter im Jahr. Perus Hauptstadt liegt an der Costa Verde, die, wenn der Name nicht gelogen ist, einst grün gewesen sein muss. Heute wächst an dieser Küste kein Grashalm mehr, Lima ist die weltgrösste Wüstenstadt nach Kairo. Trotzdem ist Juan Ignacio Camet der Meinung: «Bei uns ist alles öko.»

Die Firma Camet Trading ist einer der grossen Gewinner des Avocadobooms. Camets Vater Enrique hat sie vor drei Jahren gegründet, jetzt gehört sie zu den vier grössten Exporteuren des Landes. Und Peru ist der zweitgrösste Exporteur der Welt. Knapp ein Viertel aller Avocados, die bei uns gegessen werden, stammen aus Peru. Aus der Wüste also.

Camet ist ständig unterwegs, um neue Märkte zu erschliessen. Seine jüngste Promotion-Tour führte ihn nach Shanghai, Tokio, Mumbai und Delhi. Camet sagt: «Jetzt stell dir vor, was passiert, wenn die Inder noch einsteigen. Dann geht es hier richtig rund!» Was dann passieren könnte, muss man sich nicht vorstellen. Man kann es besichtigen: etwa 4300 Kilometer nordwestlich von Lima, im mexikanischen Bundesstaat Michoacán. Dort ist der grüne Goldrausch, der in Peru gerade beginnt, voll im Gang. Mexiko ist mit grossem Abstand Weltmarktführer im Avocadohandel. Von hier aus werden jährlich knapp 900'000 Tonnen in die USA geliefert. Fast die komplette Ernte stammt aus Michoacán.

Eine Region beraubt sich ihrer Lebensgrundlage

Die Region war einmal für ihre Pinienwälder bekannt. Wenn man heute die Sierra Madre hinauf nach Uruapan fährt, in die sogenannte Welthauptstadt der Avocado, dann sieht man weit und breit nur Laubbäume, gerodete Felder und Industrieanlagen. Es geht vorbei an der Zentrale von Calavó, dem global führenden Avocadoproduzenten, ein Stückchen weiter kommt West Pak, der grösste Abpackbetrieb, und auf der anderen Strassenseite steht eine Düngemittelfabrik. Uruapan, 1634 Meter über dem Meer, etwa 300'000 Einwohner, ist eine der ältesten Städte Mexikos. Manche sagen, sie sei auch eine der reichsten. Fast jeder hat hier mit Avocados zu tun. Es herrscht praktisch Vollbeschäftigung.

Laut Ricardo Luna, Umweltsekretär von Michoacán, hat der Bundesstaat in den vergangenen 20 Jahren die Hälfte seines Waldes verloren. Grösstenteils durch illegale Abholzung. Nicht an allem sei die Aguacate schuld, wie die Avocado hier heisst, aber an vielem. Nach Lunas Darstellung gibt es in Michoacán heute mehr als 50'000 Hektaren Aguacate-Plantagen, wo eigentlich Pinien sein müssten. Ein Avocadobaum aber konsumiere etwa so viel Wasser, wie 40 Pinien produzierten. Das Mikroklima habe sich radikal verändert, die Gegend leide unter extremer Trockenheit, sie sei zwar mit der Avocado reich geworden, aber habe sich gleichzeitig ihrer Lebensgrundlage beraubt. «Wir steuern auf einen Kollaps zu», sagt Ricardo Luna.

Lukrativ für Drogenkartelle

Man würde annehmen: Wenn die Politiker das Problem erkannt haben, dann könnte man es beheben. Aber so einfach ist es nicht. Michoacán gehört zu jenen Gegenden Mexikos, in denen die Politik nicht viel zu melden hat. Hier regiert traditionell das organisierte Verbrechen mit. Das Geschäft mit dem grünen Gold haben die Drogenkartelle schon vor Jahren für sich entdeckt.

Vor gut zehn Jahren markierte ein Syndikat La Familia sein Revier, indem es fünf abgehackte Köpfe auf eine öffentliche Tanzfläche rollen liess. Wenig später übernahmen die sogenannten Tempelritter das Kommando. Ein Präsident des Avocadoverbandes wurde hingerichtet, der nächste entführt, viele Landwirte und Grundbesitzer gewaltsam enteignet, Pinien gefällt, Wälder gerodet. Kürzlich wurden drei Avocadoproduzenten mitten in Uruapan erschossen. Und eine Woche später ein weiterer Mann, auf dessen Beerdigung sieben Trauergäste starben. Das Massaker wird dem Kartell Los Viagras zugeschrieben, den derzeit führenden Unternehmern der Region. Avocados sind für sie doppelt lukrativ. Erstens, weil die Welt und vor allem die Weltverbesserer davon nicht genug kriegen können. Und zweitens, weil sich inmitten der grossen Avocadoplantagen wunderbar Hanfgewächse verstecken lassen.

Mit Vorsprung ins Verderben

Statt von Avocados könnte hier allerdings auch von Bananen oder Datteln die Rede sein, von Kaffee und Oliven, von Lachs und von Quinoa. Alles, was in Massen produziert wird, zerstört. Für Palmöl brennt der Regenwald ebenso wie für Soja. Aber wenn man deshalb auf Tofu verzichtet, ist es auch wieder nix. Das meiste Soja wird ja an Schweine und Rinder verfüttert, und die haben die schlimmste Ökobilanz. Das Problem scheint nicht das Produkt zu sein, sondern das System, die Nahrungsmittelindustrie. Der Wunsch, im Überfluss gut zu leben, ist ein Widerspruch, der sich nicht auflösen lässt. Bei der Avocado ist er nur besonders eklatant.

Der Peruaner Juan Ignacio Camet verfolgt mit seinen Kollegen das Ziel, «möglichst bald die Mexikaner als Weltmarktführer abzulösen». Gleichzeitig holen die derzeit drittplatzierten Chilenen wieder auf, die mit ihren Paltas auch schon ganze Flusstäler trockengelegt haben. In Mexiko wiederum lächeln sie über die Kampfansagen aus Peru und Chile, «unmöglich, dass die an uns vorbeiziehen, zu viel Vorsprung».

Wer auch immer dieses Spiel gewinnt, schon jetzt steht fest, es wird ein Wettlauf ins Verderben.

Erstellt: 16.10.2018, 07:22 Uhr

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