Sozialwissenschaftler mit Hundesex und «Mein Kampf» veräppelt

Drei Akademiker haben bei Fachzeitschriften absurde Fake-Studien eingereicht – und sie wurden publiziert.

«Wir haben gerade die erste Arbeit veröffentlicht!»: James A. Lindsay überrascht Helen Pluckrose und Peter Boghossian mit ihrer ersten erfolgreichen Publikation. (2. Oktober 2018) Video: Mike Nayna via Youtube

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Hundeparks seien ein «überraschend repressiver und gewalttätiger Raum». Um das herauszufinden hat die Sozialwissenschaftlerin Helen Wilson knapp eintausend Stunden in drei Pärken in Portland, Oregon, verbracht und die Vierbeiner bei Tausenden Paarungsversuchen beobachtet. Für die Forscherin steht klar: «Hundeparks sind Petrischalen einer hündischen ‹Vergewaltigungskultur›». Doch eben daraus könne die Menschheit eine wichtige Lehre ziehen: Männern könne man wie Hunden Manieren antrainieren, um so sexuellen Missbrauch zu verhindern, so Wilson.

Die Studie wurde im Mai in der britischen Zeitschrift für feministische Geografie «Gender, Place & Culture» publiziert. Einige Wochen später erntete die Arbeit ersten Spott und Hohn: «Im Grunde genommen ist die ganze Überlegung hinter Wilsons Studie der Glaube, dass die Erforschung der Vergewaltigungskultur und Sexualität bei Hunden in Parks eine hervorragende Art ist, mehr über die Vergewaltigungskultur und Sexualität bei Menschen zu erfahren», fasste in etwa Katherine Timpf für das konservative US-Magazin «National Review» zusammen. «Das ist natürlich idiotisch. Warum? Weil Menschen keine Hunde sind.»

Insgesamt 20 absurde Studien erfunden

Was damals noch niemand wusste: Helen Wilson existiert gar nicht. Niemand sass stundenlang in Parks und schaute Tausenden Hunden bei ihren Paarungsversuchen zu. Die ganze Arbeit war Teil einer Verschwörung dreier Akademiker, die während knapp eines Jahres verdeckt 20 gefälschte und absichtlich absurde Studien geschrieben haben.

Hinter dem Projekt stecken Helen Pluckrose, eine selbst ernannte «Exilantin aus den Humanities», die mittelalterliche religiöse Schriften über Frauen studiert; James A. Lindsay, ein Autor und Mathematiker; und Peter Boghossian, ein Assistenzprofessor für Philosophie an der Portland State University.

Haben versucht, 20 gefälschte Arbeiten zu veröffentlichen: (V.l.n.r.) James A. Lindsay, Helen Pluckrose und Peter Boghossian. (5. Oktober 2018) Bild: Mike Nayna

Das Trio ist überzeugt, dass an den Universitäten etwas schief gelaufen sei–speziell in bestimmten Bereichen der Geistes- und Sozialwissenschaften, wie die Gruppe im Artikel zur Enthüllung schreibt. Ihre Sorge und Kritik betreffen spezifisch die Bereiche, «die lose als ‹Kulturwissenschaften› oder ‹Identitätsstudien› (z.B. Geschlechterforschung) oder ‹kritische Theorie› bekannt sind, weil sie in jener postmodernen Art der ‹Theorie› verwurzelt sind, die in den späten sechziger Jahren entstand.» Im Video spricht die Gruppe von einer «politischen Korruption», die sich an den Universitäten ausgebreitet habe.

Das Trio fasst diese Felder als «Grievance-Studies» zusammen. Das englische Wort «Grievance» ist dabei subjektiver konnotiert als die deutschen Übersetzungen «Missstand» oder «Beschwerde». Die Gruppe kritisiert letztlich also, dass in diesen Bereichen gesellschaftliches Leidklagen mehr gewichtet werde als die Suche nach objektiver Wahrheit.

Diese relativistische Lehre habe sich in den betroffenen Bereichen «fest etabliert, wenn sie die Bereiche nicht sogar vollständig dominiert». Anhänger dieser Denkweise würden Studenten, Universitätsmitarbeiter und andere Abteilungen zunehmend dazu drängen, sich ihrer Weltanschauung anzuschliessen–obwohl diese Weltanschauung weder wissenschaftlich noch rigoros sei.

Mit ihren Fake-Studien wollten die drei testen, wie schwierig oder leicht es ist, in Fachjournalen dieser Bereiche Humbug zu veröffentlichen. Sie imitieren dabei die Sprache und den Jargon dieser Bereiche und zitieren aus der Fachliteratur. In der Zusammenfassung der Hunde-Studie heisst es denn zum Beispiel: «Dieser Beitrag endet mit der Anwendung schwarzer feministischer Kriminologiekategorien, durch die meine Beobachtungen verstanden werden können, und mit der Ableitung von Lektionen, die für die Interaktion zwischen Mensch und Hund relevant sind, um dann praktische Anwendungen vorzuschlagen, die hegemoniale Männlichkeiten aufbrechen und den Zugang zu emanzipatorischen Räumen verbessern.»

«Verrückte oder menschenunwürdige Ideen»

Sieben der zwanzig Fälschungen wurden zur Publikation akzeptiert. Sieben weitere waren noch im Review-Prozess, als eine Journalistin Ende Juli dem Trio auf die Schliche kam und die Betrüger schliesslich diese Woche ihr verdecktes Projekt frühzeitig aufdecken mussten. Sechs der Fälschungen waren zurückgewiesen worden.

«Manchmal dachten wir uns einfach eine verrückte oder menschenunwürdige Idee aus und versuchten es einmal», schreibt die Gruppe. «Was wäre, wenn wir eine Arbeit schreiben würden, in der wir behaupten, Männer sollten wie Hunde trainiert werden – um die Vergewaltigungskultur zu verhindern? So entstand die ‹Hundepark›-Arbeit.»

Das Hunde-Exemplar ist die erfolgreichste Fälschung des Trios und überstand den Peer-Review-Prozess von «Gender, Place & Culture» mit Bravour: Die Arbeit sei «wundervoll» und ein «wichtiger Beitrag», meinten die anonymen Experten. Die Zeitschrift selbst – gemäss «Scimago» eine der zehn bestbewerteten Fachzeitschriften zu Geschlechterstudien und führend in feministischer Geografie – würdigte die Fälschung als einen von zwölf führenden Beiträgen zur feministischen Geografie im Rahmen der Feier zum 25-jährigen Bestehen der Zeitschrift.

Teile aus «Mein Kampf» umgeschrieben – und publiziert

Dieser Geist der «verrückten oder menschenunwürdigen Ideen» zieht sich klar durch alle Arbeiten des Trios. Anbei vier weitere Beispiele:

  • «Durch die Hintertür: Heterosexuelle männliche Homohysterie, Transhysterie und Transphobie durch den rezeptiven, penetrativen Sexualspielzeuggebrauch bekämpfen» wurde von «Sexuality and Culture» veröffentlicht. Die Arbeit empfiehlt, dass Männer sich Dildos anal einführen, «um weniger transphobisch und feministischer» zu werden.
  • Das Trio schrieb ein Kapitel aus Adolf Hitlers «Mein Kampf» um und schickte es der feministischen Zeitschrift für Sozialarbeit «Affilia». «Unser Kampf ist mein Kampf. Solidaritätsfeminismus als intersektionale Antwort auf den neoliberalen Choice-Feminismus» wurde im August zur Publikation akzeptiert.
  • Eine Arbeit argumentierte, es seien «unterdrückende kulturelle Normen», die den Muskelaufbau als wertvoller als den Fettaufbau definierten. «Bodybuilding» müsse also auch Fettleibige einschliessen, denn «ein dicker Körper ist bereits legitim aufgebaut.» Diese Fälschung wurde von «Fat Studies» publiziert.
  • Eine Studie schlug vor, Lehrer sollten ihre Schüler nach Identität und Status diskriminieren: Je privilegierter eine Schülerin oder ein Schüler, desto weniger Aufmerksamkeit und Zuneigung solle sie oder er erhalten, so die Logik. Die Privilegiertesten könnten auch bestraft werden, indem sich Lehrer weigerten, ihre Beiträge anzuhören, ihren Beitrag verspotteten, ihnen absichtlich ins Wort fielen, und sie mit Ketten um den Hals auf dem Boden sitzen liessen – als Bildungschance, oder «Erfahrungsreparationen». Die Reviewer des Journals für feministische Philosophie «Hypatia» kommentierten, es sei eine «solide» und «interessante» Arbeit, die «einen starker Beitrag» zur Fachliteratur leisten werde. Die Arbeit wurde aber bis zur Aufdeckung des Projekts mit Hinweisen für eine Wiedervorlage zurückgewiesen–was auf eine reale Publikationschance hindeutet. Der Aufsatz sei «einfach noch nicht fertig», so einer der Experten.

«Es ist eine Art religiöse Architektur in ihrem Kopf»: James A. Lindsay erklärt, wie er seine Fälschungen schreibt. (2. Oktober 2018) Video: Mike Nayna via Youtube

Die Enthüllung der Fälschungen hat für einige Aufregung gesorgt. Yascha Mounk, ein Politikdozent der Hardvard-Universtität hat die Debatte griffig in einigen wenigen Punkten zusammengefasst.

Ein erster Kritikpunkt dreht sich darum, ob es vertretbar war, die Zeitschriften zu täuschen. Die Betrüger hätten damit einen zentralen Baustein der Wissenschaft verletzt: das Vertrauen in die Aufrichtigkeit des Gegenübers. «Ich bin unheimlich unbeeindruckt davon, dass ein Betrieb, der sich auf eine weit verbreitete Annahme des Nicht-Betrugs stützt, teilweise von Personen getäuscht werden kann, die 10 Monate lang bewusst versuchen zu betrügen», meinte in etwa der Politik-Theoretiker Jacob Levy der McGill-Universität. Das Trio selbst entgegnet der Kritik, der «Aufdeckungsschwindel» sei nötig gewesen, da die Erkenntnis auf keine andere Weise hätte gewonnen werden können. Mounk stimmt ihnen zu und fügt an: In vielen Sozialwissenschaften werden just solche Täuschungen ebenfalls gebraucht.

Andere Kritiker relativieren, die getäuschten Fachzeitschriften seien nicht sonderlich angesehen oder seriös. Für einige der Fachjournale trifft das zu. Allerdings zeigen die letzten Ausgaben von «Gender, Place & Culture» oder «Sexuality and Culture», dass dort mitunter Sozialwissenschaftler von namhaften Universitäten publizieren. Auch Akademiker der Universitäten Zürich und Freiburg haben Arbeiten in diesen Zeitschriften veröffentlicht.

Ein weiterer Kritikpunkt zielt auf die Methodologie des Trios ab. Da sie ihre Fälschungen nur an Zeitschriften mit postmodernen Affinitäten schickten, haben sie eigentlich keine Vergleichsmöglichkeit, um Aussagen darüber zu machen, ob diese Zeitschriften nun anfälliger auf Schwachsinn sind als andere. Zum Vergleich: Wenn man nur Reiche anschauen würde, käme man zum Schluss, dass Lottospielen reich macht. Trotz dieser schwachen Methodik hat das Trio jedoch unabsichtlich eine Mini-Kontrollgruppe in ihrer Auswahl: So wurde keine der Soziologie-Arbeiten akzeptiert.

Letztlich gibt es jene, die kritisieren, die Betrüger gäben mit ihrer Enthüllung rechten und konservativen Kritikern der Sozialwissenschaften weiter Munition. Hier treffen die Weltanschauungen wohl am klarsten aufeinander: Denn just jener Realitätsbegriff, der alles durch die politische Brille betrachtet, ist was das Trio kritisieren wollte.

Erinnerungen an die Sokal-Affäre

Viele Kommentatoren ziehen bereits Parallelen zur sogenannten Sokal-Affäre. Der US-Physiker Alan Sokal hatte nämlich 1996 eine ganz ähnliche Idee wie Lindsay, Pluckrose und Boghossian, als er im Journal «Social Text» einen Aufsatz veröffentlichte, in dem er – ebenfalls mittels postmodern formulierter Argumente – das Gesetz der Schwerkraft in Abrede stellte. Mounk spricht beim aktuellen Fall wegen des grösseren Umfangs des Skandals von «Sokal im Quadrat».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.10.2018, 18:16 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...