Doppelt so viele Tierversuche mit Hunden

2018 wurden in der Schweiz rund 28'000 weniger Tiere in Tierversuchen eingesetzt. Dafür gab es über 2000 Experimente mit Hunden. Das klingt schlimmer, als es ist.

Die Eingriffe an den Hunden sind grösstenteils harmlos und belasten die Tiere kaum. Foto: iStock

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Im letzten Jahr kam es in der Schweiz zu 586'000 Tierversuchen. Das entspricht einem Rückgang von knapp fünf Prozent. Im Vergleich zum Vorjahr wurden 28'000 Tiere weniger eingesetzt – das ist die tiefste Zahl an Versuchstieren seit dem Jahr 2001.

Mit dieser erneuten Abnahme setzt sich ein in den letzten zehn Jahren beobachteter Trend fort, auch wenn es in einzelnen Jahren zu Ausreissern nach oben kam. Der Rückgang ist laut Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) vor allem darauf zurückzuführen, dass weniger Fische und Geflügel eingesetzt wurden. Dafür mussten letztes Jahr mehr Affen, Schweine und Schafe für Experimente herhalten.

Die grösste Zunahme gab es aber bei Tests mit Hunden: 2200 waren es im letzten Jahr. Das entspricht einem Plus von über 100 Prozent.

Wofür werden so viele Experimente mit Hunden durchgeführt? Was sind das für Tests? Laut BLV werden die Tiere «für den Aufbau eines DNA-Archivs zur Erforschung von Erbkrankheiten» bei Hunden eingesetzt. Man habe den Vierbeinern mit Einverständnis der Halter Blut- und Haarproben entnommen. Das sei schweizweit unter Schweregrad 0 beim Tierarzt und in Tierspitälern passiert.

Schweregrad 0 – das bedeutet, dass die Tiere keine Schmerzen ertragen müssen. Grundsätzlich ist das Leiden der Versuchstiere in vier Schweregrade (SG) 0 bis 3 eingeteilt. Bei Versuchen mit Schweregrad 0 würden die Tiere nicht belastet, sprich, sie spüren vom Experiment nichts, stehen etwa im Stall unter Beobachtung, damit die Forscher in Sachen Haltung oder Fütterung Erkenntnisse gewinnen können.

Umgekehrt sind Tierversuche mit Schweregrad 3 sehr belastend. Die Tiere können Schäden davontragen oder erfahren «eine schwere Beeinträchtigung des Allgemeinbefindens», wie es auf der Website des BLV heisst, etwa «wenn aggressive Tumore in die Tiere eingesetzt werden».

Die Hunde waren laut Statistik ausschliesslich an Versuchen mit dem Schweregrad 0 und 1 beteiligt, keiner an einem Test mit den Graden 2 oder 3. Die grössten Studien laufen in den Kantonen Zürich und Bern mit je etwa 700 Tieren. Wenige sind auch im Aargau, in St. Gallen, Basel-Stadt oder in der Waadt gemeldet. Zudem zeigt die Statistik, dass in Hochschulen mit über 2000 Hunden gearbeitet wird, in den Kantonen mit 14 und in der Industrie mit 2.

Eine Recherche bei den kantonalen Veterinärämtern ergibt, dass es sich meist um kantonsübergreifende Studien handelt. Sie werden von einem anderen Kanton bewilligt und in mehreren Kantonen durchgeführt. Das erklärt auch die vereinzelt gemeldeten Tiere, etwa im Aargau: «Wenn die Besitzer der Hunde im Kanton Aargau wohnen, werden diese beim Wohnkanton gezählt, obwohl dieser eigentlich nicht in den Versuch involviert ist», sagt Kantonstierärztin Barbara Thür. Der Aargau nimmt demnach an Versuchen der Vetsuisse-Fakultäten der Uni Bern oder Uni Zürich teil, wo die grössten Versuche laufen.

Röntgen und Blut entnehmen

An der Uni Zürich wurde im letzten Jahr an 484 Hunden geforscht: «360 Hunde mussten sich Eingriffen ohne Belastung unterziehen, bei den übrigen waren die Eingriffe mit leichten Belastungen verbunden», sagt der Mediensprecher. Bei den meisten Tieren habe es sich um Röntgenuntersuchungen zur Früherkennung von Abnormalitäten der Skelettentwicklung des Hundes und um eine Blutentnahme zur Einrichtung der schon vom BLV erwähnten Blutbank für Hunde gehandelt.

Hanno Würbel von der Vetsuisse-Fakultät an der Uni Bern bestätigt ebenfalls, dass an seinem Institut zwei Tierversuche mit Hunden stattfinden. Nebst der besagten Biobank für Erbkrankheiten forsche die «Hunde-Uni» Bern zu Verhalten, Denken und Emotionen bei Haushunden.

Alle diese Studienteilnehmer seien ganz normale Haushunde von Privatbesitzern, sagt Tierschutzprofessor Würbel: «Obwohl diesen Hunden keine Schmerzen, Leiden, Schäden oder Angst zugefügt wird, gelten solche Studien als Tierversuche und müssen formell vom Veterinäramt bewilligt werden. Deshalb erscheinen auch unsere Hunde in der Tierversuchsstatistik.»

Tierstatistik ist kein gutes Mass für Tierschutz

Deshalb sei die Tierversuchsstatistik eben auch kein besonders gutes Mass für die Anstrengungen im Tierschutz, sagt Würbel. Wenn die Schweiz in der biomedizinischen Forschung investiere, wo zunehmend mit gentechnisch veränderten Mäusen und Fischen gearbeitet werde, steige der Tierverbrauch trotz Tierschutzbemühungen. So wurde 2018 etwa ein Kompetenzzentrum eingerichtet, um die Forschung zur Vermeidung von Tierversuchen schweizweit zu fördern.

Gleichwohl wollen Tierschützer mit der Volksinitiative «Ja zum Tier- und Menschenversuchsverbot» Tierversuche gänzlich verbieten. Diese ist derzeit beim Bundesrat hängig. Doch sie hat kaum Chancen. Die Regierung lehnt das Volksbegehren als zu radikal ab. Und «nebst einigen Schnittmengen» ist sie selbst dem Schweizerischen Tierschutz (STS) zu extrem. Julika Fitzi, Leiterin der Fachstelle Tierversuche beim STS, findet gewisse Tierversuche sogar sinnvoll, «beispielsweise wenn es um die Gesundheit von Tieren und mögliche Verbesserungen beim Tierwohl und in der Tierhaltung geht».

Erstellt: 17.07.2019, 15:43 Uhr

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