ETH in Gefahr

Wenn die Hochschule für die Spitzenwissenschaft und die Schweiz relevant bleiben soll, braucht sie einen radikalen Kulturwandel.

Ein Wissenschaftsbetrieb funktioniert anders als ein profitorientiertes Unternehmen. Das Hauptgebäude der ETH in Zürich. Foto: Urs Jaudas

Ein Wissenschaftsbetrieb funktioniert anders als ein profitorientiertes Unternehmen. Das Hauptgebäude der ETH in Zürich. Foto: Urs Jaudas

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Der amerikanische Spitzenphysiker Richard Feynman soll einmal gesagt haben: «Wissenschaft ist wie Sex. Manchmal kommt etwas Sinnvolles dabei raus, aber das ist nicht der Grund, warum wir es tun.» Das Zitat umschreibt ziemlich treffend das Wesen der Spitzenforschung, welche auch die Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich anstrebt: ein offener, fliessend-kreativer Prozess, aus dem sich plötzlich auch bislang Neues, ja Undenkbares ergibt.

Und eigentlich hat die ETH jetzt schon beste Voraussetzungen dazu: gute Leute und genügend Geld. In den Rankings konnte die Hochschule trotz harter internationaler Konkurrenz ihre Spitzenposition halten – sicher auch ein Verdienst des Präsidenten Lino Guzzella. Doch sein unerwarteter Abgang auf Ende Jahr wirft ein Licht auf die strukturellen Defizite dieser «Perle der Schweizer Hochschulen».

Über 20'000 Studierende und mehr als 500 Professoren verfolgen hier den wissenschaftlichen Fortschritt – dotiert mit einem Budget von fast zwei Milliarden Franken pro Jahr, davon 1,4 Milliarden vom Bund, also vom Steuerzahler. Die Professoren und ihre Doktoranden erforschen das Innerste von Mensch und Natur, erfinden Maschinen und Roboter und entwickeln Zukunftsszenarien. Mit jährlich Dutzenden Start-ups, 90 Patent- und 80 Lizenzanmeldungen ist sie auch ein wichtiger Motor für die Volkswirtschaft. Das streicht die ETH im aktuellen Jahresbericht gerne heraus.

Wo das Problem steckt

Doch die Ansprüche an diese Hochschule sind höher. Wer, wenn nicht die klügsten Köpfe der Wissenschaft, sollte Lösungen für die drängenden Probleme unserer Zeit anbieten? Die Klimaerwärmung bedroht die Welt, die Digitalisierung rüttelt an den Grundfesten des sozialen Zusammenlebens, und die ungelöste Frage der Welternährung geht uns direkt an den Magen. Um mit kreativer Grundlagenforschung die Basis für eine Lösung dieser Fragen zu schaffen, braucht es nicht nur die besten Köpfe, sondern auch ein Umfeld, in dem sie ihr Potenzial entfalten können.

Und genau hier liegt das eigentliche Problem der ETH. Seit ihrer Gründung vor über 160 Jahren sind die Lehrstühle das Herz der Hochschule. Und sie gleichen immer noch quasi-feudalen Strukturen, in denen der oft auf Lebenszeit gewählte Professor hohes Ansehen, aber auch alle Macht über seine Untergebenen hat. Der viel diskutierte Mobbingfall am Institut für Astronomie hat die Schwächen des Systems ETH brutal offengelegt. Eine Professorin hat ihre Doktoranden jahrelang gedrillt und zum Teil herausgeekelt. Nur zögerlich ergriff die ETH-Führung Massnahmen.

«Geniale Ideen lassen sich nicht erzwingen.»

Selbst wenn Mobbingfälle die Ausnahme sind, zeigen sie die krasse Abhängigkeit der Doktoranden. Sie werden von ihrem Chef, der Professorin oder dem Professor, ausgewählt, betreut und am Schluss auch noch geprüft. Die Karriere des Doktoranden liegt vollkommen in der Hand der Professoren. Oft sind diese auf die anspruchsvolle Führungsaufgabe nicht vorbereitet. Ein Lehrstuhl kann schnell die Grösse eines Kleinunternehmens erreichen. Berufen werden die Professoren aber wegen ihrer Forschungsleistungen. Managerqualitäten spielen keine Rolle.Es gab schon früher Fälle von Mobbing. Aber was bis vor wenigen Jahren noch unhinterfragt blieb, kommt heute nicht mehr gut an. Auch ethisches Denken wird immer wichtiger. Heutige Jungforscher lassen sich nicht mehr alles gefallen – oder sie suchen Alternativen.

Die Wissenschaft hat bereits Probleme, geeignete Doktoranden zu finden, viele suchen sich bessere Stellen in der Wirtschaft. Das ist fatal, denn ihre kreativste Phase mit dem höchsten wissenschaftlichen Output haben die Forscher in jungen Jahren.

Sauer stösst der modernen Forschergeneration auch der Trend von Hochschulen und Instituten auf, die Kommunikation nach aussen zu monopolisieren. Nach dem Motto «Eine ETH – eine Stimme» sollen die Professoren angehalten worden sein, alle Äusserungen in der Öffentlichkeit der Medienstelle vorzulegen. Die Verbreitung von potenziell heiklen Forschungsergebnissen sei dadurch behindert worden, heisst es. Insider sprechen von einer medialen Gleichschaltung. Doch Wissenschaft braucht eine offene Diskussionskultur, Forschung muss zu Widersprüchen stehen können und sie erklären. Die Gängelung durch eine rigide Kommunikationsstrategie stellt zudem die Kompetenz der Forscher infrage.

Was die Hochschule jetzt braucht

Auch wenn die ETH zwischen dem forcierten Abgang des Präsidenten und dem Mobbingfall keinen Zusammenhang sehen will, hat sein Umgang mit dem Problem nicht geholfen. Das Festhalten an der Professorin gipfelte in der Nichtwiederwahl des Ombudsmanns, der eine radikale Lösung verlangte. «Dieser Schritt hat das Fass zum Überlaufen gebracht», sagt ein Forscher. Denn der Ombudsmann ist nicht nur eine Versicherung gegen das Gebaren von Professoren, sondern auch eine wichtige Kontrollinstanz des sehr mächtigen ETH-Präsidenten.

Was die ETH jetzt braucht, ist ein Kulturwandel. Nur so kann sie weiterhin das Potenzial der besten Jungforscher abschöpfen. Diese werden angezogen von einem Umfeld, in dem statt Wettbewerb und Eigennutz kooperatives Arbeiten wieder mehr belohnt wird – und ja, auch Spass macht. Die Herausforderung an die Schulleitung ist es, solche Strukturen zu schaffen, nicht dauernd auf Rankings und Impact-Faktoren zu schielen. In Deutschland fordern Jungforscher, die sich in der Jungen Akademie zusammengeschlossen haben, sogar schon ein Ende der Lehrstühle.

Dabei muss der ETH-Leitung, aber auch der Öffentlichkeit und der Politik bewusst sein, dass ein Wissenschaftsbetrieb anders funktioniert als ein profitorientiertes Unternehmen. Die Ergebnisse, die wirklichen Durchbrüche, die genialen Ideen, lassen sich nicht erzwingen und nicht vorhersagen.

Erstellt: 25.05.2018, 23:43 Uhr

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