Am Rande des Weltbebens

Freimütig haben Schweizer Soldaten im Ersten Weltkrieg Fotos geschossen und Postkarten verschickt. Die Ausstellung «Bilder von der Grenze» der Fotostiftung Schweiz zeigt ein Stück Alltagsgeschichte.

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Mitten auf einer Wiese sitzen Männer, die Ärmel hochgekrempelt. Sie reihen sich entlang eines Bachlaufs – wieso? Der Grund ist auf der Rückseite des Bildes zu lesen: «Hier eine Karte wo ich in Tätigkeit bin. In Ettingen beim Fussbaden. (...) Bin immer gesund. Grüsse an Alle. Ernst.» Am «4.VIII.15» hat Ernst Fankhauser, ein Emmentaler Briefträger, dieses Bild gemacht, eine Aufnahme seiner Kameraden. Einige Kilometer weiter, in Frankreich, tobt der Krieg. Was weiss der Fotograf, was wissen die Soldaten davon? Das Sujet der Postkarte ist ein Idyll. Ein spassiges sogar, denn wie sich die Männer launig gruppieren und sich gegenseitig die Füsse beäugen, vermittelt den Eindruck einer gut aufgelegten Wandergruppe.

Transport im Wäschesack

Ohne Wissen über den Ersten Weltkrieg bleibe auch das 20. Jahrhundert ein Rätsel, besagt eine Theorie. Aber: Was wissen wir in der Schweiz über den Grossen Krieg? Welche Bilder haben in diesem Land welche Spuren hinterlassen? Auf solche und ähnliche Fragen gibt eine Ausstellung in Winterthur überraschende Antworten: Peter Pfrunder von der Fotostiftung Schweiz zeigt eine Auswahl inoffizieller «Bilder von der Grenze», von Fotopostkarten als neuem Massenmedium, wie sie Schweizer Soldaten 100'000-fach geschrieben und verschickt haben.

Und zumindest über den besagten Ernst Fankhauser wissen wir deshalb: Er hat die Aufnahmen im Auftrag seines Vaters gemacht, er schickte die Negative in seinem Wäschesäcklein zur Entwicklung und Vergrösserung nach Grosshöchstetten, denn dort betrieb Fankhauser senior ein Fotogeschäft. Dieser wiederum lieferte die fertigen Postkarten im Wäschesäcklein zurück an die Grenze, wo sie der Sohn an die Kameraden verkaufen konnte. Auch dieses Objekt erhält in der Ausstellung von Pfrunder einen ­gebührenden Platz: der Wäschesack als Zeitzeuge und intimer Mitwisser militärischer und persönlicher Frontverläufe.

Stimmungsbilder im Wortsinn

Das Unbestechliche an diesem alltagshistorischen Unternehmen, und dies betrifft nicht nur die Fotos des Emmentaler Briefträgersoldaten: Die Bilder sind Stimmungsbilder im Wortsinn, sie wurden aus persönlichem Geschmack und in aufrichtiger Naivität gemacht; die Texte dazu sind genauso ausseramtlich, sind freimütige Äusserungen, die die Zensur passiert haben. Man fragt sich heute, wie das geschehen konnte, Ähnliches wäre im Zweiten Weltkrieg unmöglich gewesen. Die Postkarten aus der Grenzbesetzung 1914/18 geben einen bewegenden Einblick in die Soldatenseele jener Jahre und in die Verfassung einer Generation, die mit Fortdauer des Krieges zu ahnen begann, dass das alte Europa zu Ende ging. Die Schweiz blieb vom Krieg verschont, doch die Auswirkungen auf die Gesellschaft waren gross, die Spannungen enorm – sie entluden sich im November 1918 im Landesstreik.

Soldaten beim Marschieren, beim Campieren, im Kantonnement, in einem «Manöfer», von einer «Strafstallwach»; Männer beim Kartenspiel oder an der Grenze. Diese Postkarten, die von den Soldaten selbst oder von Profis gemacht wurden, die die Truppen besuchten: Sie legen einen Teil der Konfliktgeschichte offen, die bis heute nachwirkt. Was passiert mit Menschen in einer Situation, in der sie Stumpfsinn, Monotonie, gar Ohnmacht erleben? Auf vielen Bildern sind die Spannungen unübersehbar, in den Texten auf der Rückseite werden sie in Worte gefasst: der Missmut über das lange Warten, das Verlangen, die Familie zu beruhigen, die Einsamkeit und die emotionalen Defizite, die mit «Soldatenliebchen» oder einem Kaninchen oder Ferkel im Arm gestillt werden wollen. Die Lust, sich mit Witzeleien über die Absurdität des Krieges hinwegzulachen. Der Wille, den engen Handlungsspielraum zumindest partiell selber zu gestalten – und sei es mit höherem Blödsinn.

«Zuweilen auch lustig»

Man inszeniert Ritterspiele im Wald oder Schlachten im Obstgarten, steckt Kameraden in Körbe, verkleidet sich als Frauenzimmer und lässt sich an den Busen fassen. Man spielt den Saharakämpfer oder den Wilhelm Tell und zielt mit Pfeil und Bogen auf den Fotografen. Man hört zwar das «Knattern aus dem Französischen», doch bastelt man sich in ­Wädenswil aus Langeweile eine «Dicke Berta» und in Bottmingen aus einem Ofenrohr eine Kanone und lichtet sie spitzbübisch ab. Kurz und schlecht, das «ewige Militärlen» verleidet bald, obwohl es «zuweilen auch lustig her» geht.

Diese Männer an der Grenze sind keine Helden. Es sind Menschen, die nach dem Sinn des Ganzen fragen und ihre kleine Wirkungsmacht ernüchtert einschätzen. Der Historiker Georg Kreis hat unlängst Schweizer Postkarten aus dem Ersten Weltkrieg in einer Publikation kommentiert; sie wurden vor allem zu politischen Zwecken verbreitet. Diese Postkarten aber zeigen ein ganz anderes Bild aus dieser Zeit: Das Weltbeben, miterlebt «sur le balcon», hat selbst die Verschonten aus der Bahn geworfen.

Ob sie angesichts des Schreckens bessere Patrioten wurden? Und was war eigentlich mit den Frauen? Allein zu Hause, verantwortlich für das Familienwohl? Es gibt noch immer Gründe, die Kriegsjahre besser zu erforschen.

Bis 12. Oktober. Schöner wär’s daheim. Fotopostkarten 1914/18. Limmat-Verlag, Zürich 2014. 140 S., ca. 38 Fr.

Erstellt: 30.07.2014, 08:15 Uhr

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