Auf Schatzsuche mit Schweizer Hobbyarchäologen

Raubgrabungen am Fundort der 3500-jährigen Bronzehand von Prêles werfen einen Schatten auf die Sondlerszene. Dabei leistet sie unerlässliche Arbeit.

Der Acker ist abgeerntet, doch im Untergrund verbirgt sich Geschichte: Metallsondengänger in Wilen bei Wil. Foto: Dominique Meienberg

Der Acker ist abgeerntet, doch im Untergrund verbirgt sich Geschichte: Metallsondengänger in Wilen bei Wil. Foto: Dominique Meienberg

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Die braunen Stoppeln sagen eigentlich: Hier ist nichts mehr zu holen. Das Maisfeld in Wilen bei Wil, einer ländlichen Gemeinde im Hinterthurgau, ist abgeerntet. Aber fünf Männer in Leuchtwesten sehen das anders. Sie schreiten den Acker ab und schwenken dünne Stäbe im Halbkreis vor sich. Ein wenig wie Blinde mit Taststöcken – nur haben ihre Stöcke am unteren Ende eine tellerförmige Magnetspule. Sie ortet Metall.

So unspektakulär das Feld aussieht – für die Gruppe von Sondengängern ist es eine potenzielle Schatzgrube. Sie suchen im Auftrag der Lokalhistorikerin Daniela Wiesli. Die 42-jährige gelernte Übersetzerin will mit den Funden die Geschichte der kleinen Gemeinde rekonstruieren, in der sie lebt und aufgewachsen ist. Sie stellt sie im kleinen Ortsmuseum aus. «Das ist Geschichte zum Anfassen», sagt sie. Später soll auch ein Buch entstehen.

Lokal-Historikerin Daniela Wiesli sucht mit Sondlern bei Wilen bei Wil einen Acker ab. Foto: Dominique Meienberg

Stefan Di Staso ist einer der «Sondler». Zusammen mit Sohn Benjamin ist der Aussendienstmitarbeiter jede Woche mehrmals auf der Suche nach Metall im Boden – wenn nicht in Wilen, dann in seinem Heimatkanton Schaffhausen. Jetzt horcht er auf, die Sonde piepst. Was hat sie aufgespürt? Ist es nur die achtlos entsorgte Lasche einer Aluminiumbüchse oder ein belangloses Stück Eisen, wie so oft? Oder verbirgt sich hier vielleicht ein Schatz?

Di Staso nimmt seine Schaufel und hebt vorsichtig ein kleines Loch aus. Er kniet sich hin und klaubt die Erde von einem noch kaum erkennbaren, scheibenförmigen Gegenstand. Eine Münze vielleicht? «Der Uniformknopf eines Soldaten», sagt Di Staso. Das verraten die Inschrift «République Française» und das kleine Loch auf der Rückseite. Um das Jahr 1799 haben die Truppen Napoleons hier gelagert, vermuten Historiker. Es wird der interessanteste Fund des Nachmittags bleiben.

Die getrübte Sensation von Prêles

Es gibt Hunderte Leute wie Di Staso, die in ihrer Freizeit mit der Sonde auf Schweizer Wiesen unterwegs sind. Massimo Beck aus Courtelary ist einer von ihnen. Mit einem Kollegen sucht er ein Jahr zuvor auf einem Feld 150 Kilometer Luftlinie westlich von Wilen in der Gemeinde Prêles oberhalb des Bielersees. Der Detektor schlägt immer wieder an, die Funde sind meist unspektakulär. Doch dann graben sie das Stück Metall aus, über das mittlerweile Archäologen in ganz Europa reden: die Bronzehand von Prêles.

Zuerst hätten sie auch hier an Abfall gedacht, an ein grosses Stück Eisen. «Doch das goldene Schimmern und die Form haben uns stutzig gemacht», sagt Beck. Am gleichen Ort finden sie einen Dolch, einen Knochen und kleinere Bronzestücke.

Die beiden melden sich zwei Tage später beim Archäologischen Dienst des Kantons Bern. Das müssen Sie – gemäss Zivilgesetzbuch gehören hierzulande aufgefundene Gegenstände dem Kanton. Beim Archäologischen Dienst wird schnell klar: Diese Hand ist einzigartig. Doch genau diese Einzigartigkeit habe ihn etwas ratlos gemacht, sagt Kantonsarchäologe Adriano Boschetti heute.

Die 3500-jährige Bronzehand von Prêles. Foto: Keystone

Es folgen zahlreiche und zeitaufwendige Abklärungen: Ist die Hand echt? Wurde sie tatsächlich auf dem angegebenen Feld gefunden? Liegt dort noch mehr verborgen? Verschiedene Experten aus dem In- und Ausland begutachten Bilder der Hand, sie wird im Labor untersucht. Das Alter kann glücklicherweise anhand von Kohlenstoff in einem Harzklümpchen bestimmt werden. Die Archäologen begehen den Fundort in den folgenden Monaten mehrfach, auch zusammen mit den Findern.

Als auch weitere Untersuchungen des Geländes abgeschlossen sind, beginnen im Frühjahr die Nachgrabungen. Die Archäologen finden weitere Gegenstände und Knochen. Heute ist klar: Es handelt sich beim Fundort um das Grab eines 25- bis 45-jährigen Mann aus der mittleren Bronzezeit, 3500 Jahre vor unserer Zeit.

Eine Sensation. Doch die Freude wird bald getrübt. Die Archäologen stellen bei den Nachgrabungen im Frühjahr neue Löcher fest. «An manchen Stellen fanden wir Rückstande von Bronze und Grünspan – hier waren Raubgräber am Werk», sagt Boschetti. Wegen «gewisser Verdachtsmomente» wurde die Kantonsarchäologie aktiv und schaltete die Staatsanwaltschaft in Moutier ein. Und diese rief bei Massimo Beck an, klingelte im Juni an seiner Tür und durchsuchte sein Haus.

«Ich wäre ja dumm, die Funde abzugeben, nur um mich dann strafbar zu machen.»Massimo Beck, Sondergänger

Beck ist entrüstet, nimmt sich einen Anwalt, spricht später mit der Presse über den Vorfall. Er habe sich korrekt verhalten und den Fund abgegeben. Einen Fehler hat Beck allerdings gemacht: In den meisten Schweizer Kantonen brauchen Sondengänger eine Bewilligung zum Suchen, so auch in Bern. Beck hatte keine.

Er stellt sich auf den Standpunkt, dass eine solche nur nötig ist, wenn man nach archäologischen Gegenständen sucht. «Das will ich aber gar nicht – ich entferne in erster Linie gefährliches Metall aus den Feldern, um grasende Tiere zu schützen.» Alles Wertvolle gebe er ab. Der Vorwurf, er habe weitere Fundstücke entwendet, sei absurd. «Ich wäre ja dumm, die Funde abzugeben, nur um mich dann strafbar zu machen.» Seine Erklärung: Der Fund sei in Prêles und Umgebung zum Ortsgespräch geworden. «In der Beiz verbreitet sich so etwas schnell.» Und irgendwann sei die Information bei den Falschen gelandet.

Im Dienst der Allgemeinheit

Es sei schade, dass dieser Fund die Sondlerszene ins Zwielicht rücke, sagt Daniela Wiesli. Sie kennt Massimo Beck persönlich, er war im Herbst bei einem Treffen in Wilen dabei. «Ich glaube nicht, dass Massimo zum Grabräuber geworden ist», sagt Wiesli. «Klar, er hat Fehler gemacht – er hatte keine Suchbewilligung für den Kanton Bern. Und er hat impulsiv reagiert, ist an die Öffentlichkeit getreten.» Aber auch die Berner Kantonsarchäologie hätte sich zurückhaltender verhalten können, sagt sie.

Wiesli versucht immer, sich so korrekt wie möglich zu verhalten. Wer mit ihr sucht, hat eine Bewilligung. Die Gegenstände gibt sie ab, der genaue Fundort wird verzeichnet. Wiesli lobt die Zusammenarbeit mit dem Amt für Archäologie Thurgau. «Der Thurgau ist vorbildlich und schätzt unsere Mitarbeit», sagt auch Sondler Stefan Di Staso. «Hier hat man verstanden, dass eine Zusammenarbeit für beide Seiten ein Gewinn ist.»


Hobbytaucher finden Goldschatz


Der Thurgauer Kantonsarchäologe Hansjörg Brem gibt das Kompliment zurück. Das Projekt von Wiesli sei ein Paradebeispiel für gute Zusammenarbeit zwischen Archäologen und Freiwilligen. Die Geschichte gehöre allen – und hier könnten die Leute sie hautnah erleben. Brem hat nicht immer so gedacht. Als die Metalldetektoren in den 1990er-Jahren erschwinglich wurden, wollten manche ein Anwendungsverbot durchsetzen. «Ich wäre damals dafür gewesen», sagt Brem. Und heute? Heute suchen im Thurgau rund 100 Sondengänger mit einer offiziellen Bewilligung. Im Kanton Bern sind es 30 bis 40.

«Die Sondler engagieren sich in bester Schweizer Tradition ehrenamtlich», sagt Brem. Und sie verfügten über eine Ressource, die den Archäologen fehle: Zeit. Man müsse sie darum einbinden, ihre Begeisterung abholen. Im Thurgau haben die Sondler einen festen Ansprechpartner. Er erstellt Listen der gefundenen Gegenstände und inventarisiert sie, damit die Finder wissen, was sie genau entdeckt haben. Brem selber ist bei Treffen anwesend, hält Vorträge. Und das Amt für Archäologie organisiert jährlich ein Essen für die Freiwilligen. Das bedeutet alles Mehraufwand – aber dieser lohne sich, sagt Brem.

Neues Programm im Aargau

Vor Raubgrabungen durch diese Sondler hat Brem keine Angst. «Das ist in der Szene, mit der ich zu tun habe, verpönt», sagt er. Sie könnten sogar präventiv wirken, weil sie dort unterwegs seien, wo die Kantonsarchäologie kaum hinkomme. «Illegal Grabende fallen ihnen auf.»

Zum Fall Prêles äussert sich Brem nur widerwillig – zu unklar seien die Details. Eines aber ist für ihn klar: Es habe viel zu lange gedauert, bis Nachgrabungen durchgeführt wurden. «Man hätte den Fundort zumindest schützen müssen. Da ist etwas schiefgegangen.»

Trotz der Aufregung setzt sich die Ansicht durch, dass sich der Aufwand für die Einbindung der Sondler lohnt. Bereits vor fünf Jahren hat die Konferenz der Schweizer Kantonsarchäologen in einer Richtlinie festgehalten, dass geschulte Freiwillige «grundsätzlich sehr willkommen» seien. Und der Aargau hat kürzlich gar ein Programm lanciert, das eine 40-Prozent-Stelle nur für ihre Betreuung beinhaltet. Gute Zeiten für legale Schatzsucher.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2018, 18:13 Uhr

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