Aus dem Dunkel des Archivs ans Licht

Eine mittelalterliche Prachthandschrift erlebt nach acht Jahrhunderten eine Neuauflage als Faksimile. Digitaltechnik ist dafür hilfreich, handwerkliches Geschick unerlässlich.

Das Original wird Seite für Seite mit einer digitalen Spezialkamera aufgenommen. Fotos: Quaternio-Verlag Luzern /<a href=www.quaternio.ch" class="jqzoomINNER"/>

Das Original wird Seite für Seite mit einer digitalen Spezialkamera aufgenommen. Fotos: Quaternio-Verlag Luzern /www.quaternio.ch

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Das Buch, das im Sitzungszimmer des Luzerner Quaternio-Verlags auf dem Tisch liegt, fällt schon auf, bevor man es aufschlägt. Der dreidimensionale Einband ist ein Kunstwerk für sich: In der Mitte thront eine vergoldete Christusfigur, den Rand zieren Halbedelsteine und Schmuckelemente aus Silber und Glas in kunstvoller Verarbeitung. Im Innern sind auf 77 Blättern Handschriftentexte zu sehen mit prachtvollen Initialen und Illustrationen, die reichlich mit Gold dekoriert sind.

Der Prachtband ist das sogenannte Speyerer Evangelistar, das um 1220 für den Dom von Speyer entstanden ist. Ein Evangelistar umfasst aus der Bibel nur diejenigen Texte, die im Laufe des Kirchenjahres während der Gottesdienste vorgelesen wurden – als Evangeliar dagegen bezeichnen die Fachleute eine vollständige Sammlung der Evangelientexte. Ein Evangelistar spielte in der Liturgie eine wichtige Rolle, es wurde den Gläubigen präsentiert, feierlich durch die Kirche getragen, und es wurde nicht in der Bibliothek, sondern im Kirchenschatz aufbewahrt. Die Verehrung, die das Buch in Speyer genoss, zeigt sich daran, dass die Knie der Christusfigur abgenutzt erscheinen – zu oft wurden sie von Priestern oder Gläubigen im Laufe der Jahrhunderte geküsst.

Kunstgerechte Beleuchtung

Heute liegt die Handschrift aus Speyer in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe. Dahin ist sie auf Umwegen gelangt, nachdem sie 1792 vor den bilderstürmenden französischen Revolutionstruppen gerettet werden musste. Gezeigt oder gar geküsst wird das Buch nicht mehr. Nicht einmal aufgeschlagen werden darf es, denn die Bindung ist beschädigt. Wenn es selten einmal ausgestellt wird, dann nur in geschlossenem Zustand. Gewöhnlich liegt es gut verwahrt in seinem lichtgeschützten und klimatisierten Depot. Für die Fachleute, die über mittelalterliche Handschriften arbeiten, sind Quellen dieser Art nicht zugänglich, die Originale sind zu fragil und zu wertvoll.

Nachdem Wissenschaftler, aber auch private Sammler immer wieder danach gefragt hatten, wurde von dem Speyerer Evangelistar nun ein Faksimile angefertigt. Ein solches Unternehmen ist sehr komplex und aufwendig, was sich auch im Verkaufspreis von 27'800 Franken pro Exemplar niederschlägt. Der erste Schritt waren die Aufnahmen der Seiten. «Die Originale kommen nicht zu uns, wir müssen zu ihnen gehen, manchmal bis Amerika, in diesem Fall bloss bis Karlsruhe», sagt Gunter Tampe, Herstellungsleiter beim Quaternio-Verlag Luzern. Mit einer Spezialkamera werden hochaufgelöste digitale Bilder jeder Seite gemacht. Damit die Farben richtig erfasst werden, muss die Beleuchtung exakt definierte Werte einhalten, weil das Buch nicht bewegt werden soll, liegt es auf einem verstellbaren Tisch, jede Seite bekommt so die gleiche Aufnahmedistanz. Damit die Seiten völlig flach liegen, werden sie mit einem ganz geringen Unterdruck fixiert, eine Art Staubsauger ergänzt zu diesem Zweck die Hightech-Aufnahmeausrüstung.

Fein ziselierte Goldpartien

Auf die Details achtet dann auch der Lithograf, der mit viel Augenmass und manuellen Eingriffen die Druckvorlagen erstellt. In der Druckerei werden die Blätter nach jedem Durchgang luftdicht verschweisst, damit die Feuchtigkeit das Papier nicht deformiert. Das Papier selber wird speziell ausgewählt, es kommen nur die makellosen Abschnitte infrage, die auf der Papiermaschine in der Mitte der Papierbahn entstanden sind. Gold und Silber lassen sich auch mit den modernsten Offsetmaschinen nicht darstellen, in speziellen Druckwerken werden diese Teile unter Verwendung von Gold- und Silberfolien aufgetragen. Viele Goldpartien sind durch Ziselierungen noch verschönert, diese winzigen vertieften Ornamente werden durch Prägestempel nachgebildet. Die Verschmutzungen und Abnützungen des Originals werden mit aufgenommen und getreulich reproduziert. Löcher im Pergament, und seien sie noch so klein, werden im Faksimile durch Ausstanzen nachgebildet. Schliesslich heftet der Buchbinder mit seinem handwerklichen Können das Buch und montiert das Replikat des Prunkdeckels. Das Werk wirkt originalgetreu, ist aber auch gebrauchstüchtig.

Im Falle des Speyerer Evangelistars war der Einband die besondere Herausforderung für die Fachleute. Die Christusfigur wurde mit einem 3-D-Scanner der Hochschule Windisch digitalisiert. Die entstandene Kopie wurde dann von einem Goldschmied bearbeitet und zu einer Gussform gemacht. Aus Bronze entstand die exakte Kopie der Figur, sie wurde galvanisch vernickelt, dann versilbert und vergoldet und schliesslich von Hand mit der Patina versehen, die ihr das definitive Aussehen gibt.

Halbedelsteine aus Brasilien

Schwierig war die Beschaffung der Halbedelsteine, die den Einband schmücken. Gemmologen, Experten für Edelsteine, wurden beigezogen, welche die Originalsteine identifizieren und moderne Ersatzsteine suchen sollten. «Mit den ersten Vorschlägen waren wir nicht zufrieden, die Steine sahen einfach zu neu aus», berichtet Gunter Tampe. Ein zweiter Gemmologe suchte die passenden Steine dann in Brasilien aus und bearbeitete sie so, dass sie wirken, als wären sie vor 800 Jahren geschliffen worden. Mit der gleichen Sorgfalt wurden auch die übrigen der 150 Einzelteile des Einbandes hergestellt: Silberplättchen mit Verzierungen in der sogenannten Niellotechnik, Glasfluss-Schmuckelemente, Fassungen, Schliessen und der abgegriffene Samtstoff.

Alles in allem waren an dem Werk etwa zwei Dutzend Fachleute beteiligt, vom Scanneroperator über den Lithografen bis zum Buchbinder. Besonders der Restaurator André Glauser aus Avenches, ein Spezialist für Faksimiles mittelalterlicher Objekte, hat mit seinem Know-how dafür gesorgt, dass die Neuauflage der alten Handschrift auch alt aussieht. Die Spuren der Jahrhunderte sollen nicht verwischt, sondern konserviert werden. Für Kunsthistoriker wichtig und interessant ist der Kommentarband, der das Faksimile begleitet. Harald Wolter-von dem Knesebeck, Professor für Kunstgeschichte in Bonn, gilt als bester Kenner des Themas. Er beschreibt den Stand der Forschung über die Entstehung der Handschrift und erklärt die Details der einzelnen Initialen und Miniaturen.

Papier statt Pergament

Das Faksimile ist wunderschön, fast scheut man sich, die Seiten anzufassen. Dann allerdings merkt man, dass es sich um Papier und nicht um Pergament handelt – die wichtigste Konzession an die moderne Herstellungstechnik. Der Quaternio-Verlag Luzern besteht seit drei Jahren und wird geführt von einer kleinen Equipe aus dem in Fachkreisen bekannten früheren Faksimile-Verlag, der verkauft* wurde. Zum internationalen Kundenkreis gehören neben wissenschaftlichen Bibliotheken, die aber mit immer kleineren Budgets auskommen müssen, vorwiegend Privatsammler, die sich für mittelalterliche Handschriften begeistern.

*Berichtigung: In einer früheren Version wurde an dieser Stelle festgestellt, dass der Faksimile-Verlag verkauft und eingestellt wurde. Diese Behauptung stimmte nicht. Der Faksimile-Verlag ist im Jahre 2009 von Luzern nach München umgezogen, wo er seine Arbeit fortsetzt. (TA) (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.08.2012, 11:06 Uhr

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