Blitzbesuch in Paris

Vor 75 Jahren besuchte Adolf Hitler während drei Stunden das besetzte Paris. Der verkannte Maler zeigte sich während der kuriosen Stippvisite nicht etwa als Eroberer, sondern als Kunstliebhaber.

Adolf Hitler (M.) posiert mit dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition Albert Speer (l.) und dem Kunstprofessor und Bildhauer Arno Breker (r.) vor dem Eiffelturm in Paris. (23. Juni 1940)

Adolf Hitler (M.) posiert mit dem Reichsminister für Bewaffnung und Munition Albert Speer (l.) und dem Kunstprofessor und Bildhauer Arno Breker (r.) vor dem Eiffelturm in Paris. (23. Juni 1940) Bild: German War Department/Keystone

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Im Nachhinein wird er sagen, es sei der schönste und grösste Moment seines Lebens gewesen. Er wird seinem Schicksal danken, dass er das erleben durfte. Adolf Hitler war glücklich. Was war geschehen? Was konnte ihm, dem grössten Monster der Geschichte, einen solchen Moment von Vollkommenheit verschaffen?

«Fügen sie zwei Buchstaben hinzu und es ist das paradis», schreibt der Dichter Jules Renard. Parisius Paradisius sangen schon die Mönche im Mittelalter. Paris also, la ville lumière. Die Stadt, die Hitler immer schon fasziniert, von der er geträumt, deren Architektur er studiert hat und deren Schönheit er überbieten will.

Im Juni 1940 ist es soweit. Er wird sich diesen Traum erfüllen. Einmal nach Paris. Nur Grössenwahnsinnige führen Krieg, um ihn zu verwirklichen. Die deutschen Truppen hatten Frankreich quasi überrannt, der Waffenstillstand war gerade in Compiègne unterzeichnet worden. Um 5.30 Uhr landet er in seiner Focke-Wulf Condor auf dem Militärflughafen von Le Bourget. Es gibt Filmaufnahmen, die zeigen, wie Hitler von seinen Männern begrüsst wird, bevor er in seinen Mercedes Cabrio steigt. Er trägt einen schweren, langen Ledermantel, der seiner steifen Körperhaltung noch mehr Starre verleiht. Die Kappe ist tief ins Gesicht gezogen, seine Augen sieht man kaum. Drei Stunden später, um 8 Uhr 30, wird seine Maschine schon wieder abheben. Kein Blitzkrieg, ein Blitzbesuch.

Warum hatte er sich für diesen kuriosen Kurztrip entschieden? Er hätte eine grosse Militärparade inszenieren können. Die Champs-Elysées hinunter, die Pariser Pracht-Avenue, gesäumt von Hakenkreuzfahnen, den Triumphbogen im Rücken. Er, der Führer, an der Spitze seiner Truppen. Ein Diktator in Führerpose. Aber das will er nicht. Zu viel Sinn hat er für die perfekte Inszenierung, das spektakuläre Bild, das um die Welt geht, das sich einprägt und die Zeit überlebt. Er zeigt sich nicht als Eroberer, sondern als Kunstliebhaber, als Freund der Architektur, fast möchte man sagen: als Mensch. Er wird Paris quasi als Tourist besuchen. Nicht inkognito, aber doch ein Überraschungsgast. Um diese Uhrzeit ist die Stadt wie ausgestorben. Eine Fischhändlerin in Les Halles, die auf die Lieferung ihrer Ware wartet, wird den anderen Frauen zurufen: «Das ist er, oh, das ist er! »

Hitler vor dem Eiffelturm

Der Führer in Paris. Das Bild, das um die Welt gehen wird, zeigt Hitler vor dem Eiffelturm. Er steht auf der Esplanade du Trocadéro, genau dort, wo Napoleon sein Palais de Rome geplant hatte. Hitler positioniert sich seitlich leicht gedreht zur Kamera, nicht genau mittig vor dem Eiffelturm. Seine Führerkappe schliesst auf der ersten Etage ab. Der Schnitt wirkt perfekt. Nicht zu symmetrisch, aber doch optisch im Lot. Von ihm aus gesehen zu seiner Rechten steht Albert Speer, der Architekt. Zu seiner Linken Arno Breker, sein Lieblingsbildhauer, der von 1927 bis 1933 in Paris studiert und gelebt hatte. Aber die Stadt wirkt dieses Mal unecht, wie eine Filmkulisse. Diese Leere muss selbst Hitler seltsam berührt haben. In seinen Memoiren notiert Breker, wie tot alles wirkt, wie «gespenstisch und unwirklich». Kein Wunder. Zwei Drittel der Einwohner waren vor den deutschen Truppen geflohen.

Über die Porte de la Villette ist Hitler in die Stadt eingefahren, dann ging es die Avenue de Flandre hinunter. Sein erster Halt ist die Oper. Der Melomane Hitler hatte die Pläne des Architekten Charles Garnier so genau studiert, dass er einen französischen Führer, der ihm zur Seite gestellt werden soll, ablehnt. Ihm fällt sogar auf, dass ein Alkoven, den er von den Zeichnungen kennt, fehlt. Ein Opernhaus sei der Massstab, an dem sich eine Zivilisation messen lassen müsse, fand Hitler. An keinem Ort in Paris wird er länger bleiben.

Nächster Stopp ist La Madeleine, die Kirche mit der Kolonnade, an der Napoleon Hand angelegt hatte, um sie in einem Tempel seiner Grande Armée zu verwandeln. Hitler bleibt unbeeindruckt. Genauso lässt ihn auch Sacré Coeur am Ende kalt. Aber die Stadt liegt ihm dort zu Füssen. Das gefällt ihm. Genau wie die Place de la Concorde mit ihrem Obelisken in der Mitte. Oder der Arc du Triomphe, den Napoleon in Auftrag gegeben, aber nie fertig gesehen hatte. Hitler beschliesst, dass in Berlin ein Torbogen gebaut werden soll, der vier Mal so hoch ist. Speer entwirft schon die Pläne.

Unklares Datum

Man weiss, wo Hitler in Paris hingefahren ist, man kennt die genaue Route. Was man nicht so genau weiss, ist das Datum. Das Foto vom Eiffelturm liegt heute unter der Nummer 504179 in den amerikanischen Nationalarchiven. Als Datum wird vermerkt: 23. Juni 1940. Das ist der Tag, den Breker in seinen Memoiren nennt. Auch Hitlers Diener Heinz Linge und seine Sekretärin Christa Schroeder erwähnen es. Speer hingegen, sowie Hitlers Adjutanten Nicolaus von Below und Karl Wolff sprechen vom 28. Juni, das wäre dann genau 21 Jahre nach der Unterzeichnung des Versailler Vertrages gewesen. Obwohl Joachim Fest und auch Ian Kershaw dieses inzwischen für das richtige Datum halten, wird der 23. Juni immer noch am häufigsten zitiert.

Fast wirkt es, als sei er sein heimlicher Stadtführer Napoleon gewesen. 1806 war der französische Kaiser an das Grab von Friedrich dem Grossen getreten. Hitler macht dasselbe am Grab Napoleons. Er besucht den Invalidendom. Napoleons enormer Sarkophag aus Quarzit ist komplett auf der Höhe seiner Megalomanie. Hitler hat seine Lederkluft inzwischen gegen einen weissen Mantel aus Gabardine eingetauscht. Er soll seine Kappe abgenommen, sich dann leicht verbeugt und minutenlang so ausgeharrt haben.

Während seines zweistündigen Besuches steigt Hitler nur neun Mal aus seiner Limousine aus. An Notre-Dame fährt er nur vorbei. Durch das Marais, dem Viertel der Pariser Juden, lässt er sich zur Place des Vosges bringen. Über die Rue de Rivoli, wieder ein Werk Napoleons, nimmt er einen Umweg, um noch einen letzten Blick auf die Oper zu werfen. Über Montmartre verlässt er Paris Richtung Le Bourget.

Der grösste Moment seines Lebens

Eine grandiose Stadt, fand Hitler, der grösste Moment seines Lebens. Später, als die Alliierten kurz vor dem Einmarsch waren, soll er den Stadtkommandanten gefragt haben: «Brennt Paris?». Seine Anweisungen waren klar. Dietrich von Choltitz sollte ein Ruinenfeld hinterlassen, Paris komplett zerstören. An zentralen Punkten war bereits Dynamit deponiert.

Wer oder was hat Paris gerettet? Die Frage hat bislang kein Historiker hundertprozentig beantwortet. Es bleibt rätselhaft, genau wie Hitlers kurioser Besuch, und Paris das Paradies. Eine Stadt, die sich durch ihre Schönheit vielleicht selbst gerettet hat. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 20.06.2015, 17:20 Uhr

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