Rückblick

Der Hölle am Finsteraarhorn entronnen

Vor 200 Jahren wurde das Finsteraarhorn angeblich erstmals bestiegen. 90 Jahre später setzte die Britin Gertrude Bell zu einem noch kühneren Sturm an: Die Erstbesteigung der Ostwand. Sie scheiterte heroisch.

«Furchtbar schmal»: In der extrem steilen und exponierten Ostwand des Finsteraarhorns blies Gertrude Belle zum Rückzug.

«Furchtbar schmal»: In der extrem steilen und exponierten Ostwand des Finsteraarhorns blies Gertrude Belle zum Rückzug. Bild: Andreas Staeger

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Wohl den schönsten Blick in die Berner Alpen geniesst man, mit dem Bundeshaus im Rücken, von der Bundesterrasse aus. Mit ihren wuchtigen, harmonisch geformten Felsmassen dominieren Eiger, Mönch und Jungfrau das Panorama unübersehbar. Wesentlich diskreter nimmt sich dagegen das Finsteraarhorn aus: Der mit 4273,9 Metern höchste Gipfel des Kantons Bern ragt am Ende einer Kette von unscheinbaren Felsköpfen und Graten empor, die sich links des Eigers erstrecken. Das mächtige Schreckhorn, das noch weiter östlich einsam in die Höhe ragt, stiehlt ihm gleichsam die Schau.

Tödliche Pfeilspitze

Die Form des Finsteraarhorns könnte an eine Haifischflosse erinnern, wäre da nicht dieses allzu schwungvoll Emporstrebende, das die Proportionen geradezu gewaltsam in die Höhe reisst. Das ist kein Berg mehr, sondern eine tödliche, in ihrer Bewegung erstarrte Pfeilspitze – ein Ding jedenfalls, das nicht für Menschen geschaffen ist. Und doch setzten am 16. August 1812 erstmals Alpinisten ihren Fuss auf den Gipfel. Arnold Abbühl, Joseph Bortis und Alois Volker waren vermutlich über den heute praktisch verschwundenen Hängegletscher am Südostgrat aufgestiegen. Ob sie tatsächlich den Hauptgipfel erreichten, ist allerdings bis heute umstritten.

Bestens verbürgt ist hingegen eine weitere alpinistische Pionierleistung, die fast auf den Tag genau 90 Jahre später am Finsteraarhorn vollbracht wurde. Am 31.Juli 1902 setzte die britische Alpinistin Gertrude Bell zum Versuch an, als erster Mensch die Ostwand des Finsteraarhorns zu bezwingen. Im Vergleich zur Erstbesteigung war dies ein noch viel extremeres Abenteuer, galt die von unzähligen Felstürmen, Kaminen und Couloirs durchsetzte, unheimlich steile Wand zur damaligen Zeit doch bei den meisten Alpinisten als undurchsteigbar.

Im langen Rock bergwärts

Die 1868 geborene Gertrude Bell galt zu ihrer Zeit als eine der besten und kühnsten Bergsteigerinnen der Welt. Der Alpinismus war damals noch völlig von Männern dominiert. Frauen, die sich dennoch in die Berge wagten, hatten sich mit einer Ausrüstung zu arrangieren, die eigentlich vollkommen untauglich war, nämlich mit langen und festen Röcken sowie Schnürstiefeln; Schutz gegen Kälte und Nässe gab es kaum.

Es brauchte einen starken Willen, ein erhebliches Selbstbewusstsein und nicht zuletzt auch finanzielle Unabhängigkeit, sich auf solchem Terrain zu behaupten. Gertrude Bell verfügte über alle diese drei Faktoren in reichlichem Masse. Sie stammte aus einer wohlhabenden und gleichzeitig aufgeschlossenen britischen Industriellendynastie. Die Aussicht auf eine «Karriere» als Gattin eines Langweilers verabscheute sie. Stattdessen studierte sie als eine der ersten Frauen ihrer Zeit in Oxford. Danach unternahm sie ausgedehnte Reisen in den Orient. Dort lernte sie den Mann ihres Lebens kennen. Als dieser bei einem Unfall starb, bewältigte sie ihren Schmerz, indem sie sich dem Klettern zuwandte.

Strauss von Erstbesteigungen

Im Spätsommer 1901 reiste sie erstmals ins Haslital. Das Ziel ihrer Träume waren die Engelhörner, eines der vielseitigsten Kalkstein-Klettergebiete in der Schweiz. Insgesamt 31 Gipfel zählt die Kette hoch über dem Rosenlauital. Ende des 19.Jahrhunderts waren bereits einige davon bezwungen. Gertrude Bell nahm sich zwei Bergführer aus Innertkirchen, die Gebrüder Ulrich und Heinrich Fuhrer. Innert weniger Tage führte sie mit den beiden acht Erstbesteigungen aus. Gemäss der Sitte fiel das Privileg der Namensverleihung jeweils dem Erstbesteiger zu. Auf diese Weise verewigte sich Gertrude Bell in der 2633 Meter hohen Gertrudspitze, während die benachbarte Ulrichspitze noch heute an ihren Hauptführer erinnert. Die Britin und die beiden «Hasliführer» waren ein alpinistisches Dreamteam, das in einer Reihe von Extremsituationen zusammengeschweisst wurde.

Ein Jahr später fuhr die wagemutige Engländerin erneut ins Berner Oberland. Mit ihrem bewährten Führergespann unternahm sie eine weitere Erstbesteigung im Engelhornmassiv. Kurz darauf glückte ihr die Erstbegehung des Verbindungsgrats zwischen Lauteraarhorn und Schreckhorn – in Fachkreisen wird dies als ihre wichtigste alpinistische Leistung beurteilt. Eine Woche später setzte sie zu ihrer ultimativen Expedition am Finsteraarhorn an. In einem Brief an ihren Vater schilderte sie dieses Abenteuer in packender Weise. Der Bericht gilt noch heute als herausragendes Dokument alpinistischer Literatur.

Wende unterhalb des Gipfels

Die Nordostwand des Finsteraarhorns besteht aus einer Reihe von Abschwüngen, die sich vom extrem spitzen Gipfel strahlenförmig bis zum Finsteraargletscher erstrecken. Einer dieser Abschwünge wurde für die Besteigung ins Auge gefasst. Er baut sich als Grat vom Gletscher her in einer Folge von Felstürmen auf, «die in einem solch unmöglichen Winkel zur steilen Bergwand stehen, dass man sich wundert, wie sie überhaupt stehen bleiben», hielt die Britin fest. Durch diese Steinschlag- und Schneelawinenhölle arbeitete sich die Dreierseilschaft langsam empor.

Nach 9-stündiger Kletterei, knapp 300 Meter unterhalb des Gipfels, wurde indessen ein toter Punkt erreicht – ein Sattel mit rasiermesserscharfem Grat. Rechts davon gab es nichts als «einen furchtbar schmalen Sims aus höchst brüchigem Gestein», auf dem kein Stand zu finden war. Links verlief eine Rinne sehr steil aufwärts, die vollkommen vereist und deshalb ebenfalls unmöglich zu begehen war. Die Gruppe war offensichtlich etwas zu früh unterwegs: «Ich glaube, einen Monat später hätte man den Couloir durchqueren können», mutmasste Gertrude Bell.

Mitten im Inferno

Schweren Herzens wurde der Rückzug angetreten – im Wissen darum, dass «der Abstieg über diesen entsetzlichen Grat furchtbar sein würde». Wenig später brach ein Schneesturm los, der die Felsen rasend schnell mit Neuschnee zudeckte, und kurz darauf verwandelte ein Gewitter den Berg endgültig in eine Hölle. Irgendwann gelang es der Gruppe, einen winzigen, halbwegs windgeschützten Felsvorsprung zu erreichen, wo sie die Nacht verbringen konnte – angeseilt am Fels für den Fall, dass jemand vom Blitz getroffen und stürzen würde.

Gertrude Bell sass auf einem spitzen Felsbrocken, Ulrich Fuhrer setzte sich auf ihre Füsse, um sie vor Erfrierungen zu schützen. Nach einer qualvollen Nacht kämpfte sich die Gruppe 16 Stunden lang den Grat hinunter. Mit vereisten Seilen mussten halsbrecherische Manöver unternommen werden, die mehr als einmal haarscharf an einer Katastrophe vorbeiführten.

Als endlich der Gletscher am Fusse der Wand erreicht war, brach erneut die Nacht herein. Längst war der Schneefall in strömenden Regen übergegangen. Die gesamte Ausrüstung war vollkommen durchnässt, mitsamt allen Streichhölzern. Weil sich keine Laterne anzünden liess, war es nicht möglich, Gletscherspalten und Schründe in der Dunkelheit auszumachen. Die Gruppe musste daher erneut ein nächtliches Notbiwak einrichten – schutzlos und in peitschendem Regen mitten auf dem Gletscher.

Drei Eispickel auf durchsulztem Eis: Dies war das exponierte Nachtlager. Zum Schutz vor Erfrierungen steckten die Alpinisten ihre Füsse in die Rucksäcke. Ein durchnässtes Taschentuch auf dem Gesicht hatte dafür zu sorgen, dass der Regen nicht darauf herumtrommeln konnte.

Mit Mut überlebt

Am nächsten Vormittag erreichte die Gruppe endlich das Grimsel-Hospiz. Nach ausgestandenen Strapazen fragte sich Gertrude Bell, «wie wir es fertigbrachten, heil vom Finsteraarhorn herunterzukommen und nicht an seinem Fusse erfroren zu sein». Für ihren Bergführer Ulrich Fuhrer war der Fall klar: «Wir verdanken es Miss Bell, dass wir überlebten. Wäre sie nicht voller Mut und Entschlossenheit gewesen, wir wären umgekommen», hielt er später fest.

Die britische Meisteralpinistin hatte nach diesem Abenteuer allerdings genug von den Bergen. Erneut reiste sie in den Nahen Osten. Nach dem Zerfall des Osmanischen Reiches machte sie sich dort als kompetente aussenpolitische Beraterin der britischen Regierung einen Namen. Die ehemalige Gipfelstürmerin, die sich fortan als eine «Tochter Arabiens» bezeichnete, leistete wesentliche Beiträge zur Integration der mesopotamischen Wüstenstämme ins Königreich Irak. Sie starb 1926 mit knapp 58 Jahren in Bagdad. (Berner Zeitung)

Erstellt: 16.08.2012, 08:37 Uhr

Schlechtes Wetter: Fest abgesagt

Das Wetter hat heute den Feierlichkeiten zum 200. Jahrestag der Erstbesteigung des Finsteraarhorns zumindest teilweise einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Festlichkeiten bei der Finsteraarhornhütte mussten abgesagt werden. Das Wetter sei zu schlecht gewesen, um die Gäste zur Hütte hochzufliegen, sagte Renato Julier vom Organisationskomitee am Donnerstag auf Anfrage. Zu den Gästen hätte unter anderem auch Bundesrat Ueli Maurer gehört. Einen Ersatztermin für das Fest gibt es nicht.

Besser erging es offenbar den Alpinisten, die im Rahmen einer Jubiläumstour zum Gipfel unterwegs waren. Die Gruppe hatte laut Julier am Donnerstagmorgen den Gipfel erreicht. (sda)

Bergführer Ulrich Fuhrer, der Dritte in Gertude Bells Bund. (Bild: zvg)

Mut und Entschlossenheit; Gertrude Bell. (Bild: zvg)

Haarscharf am Tod vorbei: Bergführer Heinrich Fuhrer. (Bild: zvg)

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