Der Knossos-Code

Unbekannte Sprache, unbekannte Zeichen. 50 Jahre scheiterte die Fachwelt an der jahrtausendealten Schrift Linear B aus Kreta. Wie ein junger Architekt das Rätsel schliesslich löste, erzählt jetzt ein Buch.

Blieb lange ein Rätsel: Europas älteste Bürokratie hat Tausende von Tontäfelchen mit Inschriften in Linear B hinterlassen.

Blieb lange ein Rätsel: Europas älteste Bürokratie hat Tausende von Tontäfelchen mit Inschriften in Linear B hinterlassen. Bild: United Archives (DDP)

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1936 findet im Burlington House in London eine grosse historische Ausstellung statt. In einer Vitrine sind über dreitausend Jahre alte Tontäfelchen aus Knossos zu sehen. Sir Arthur Evans, Englands berühmtester Archäologe, ist gerade da, als eine Schar Schulbuben vor der Vitrine innehält. Der 85-Jährige lässt es sich nicht nehmen, den Buben zu erklären, was es mit den Täfelchen auf sich hat, in die seltsame Zeichen geritzt sind. Er hat sie selbst vor Jahrzehnten ausgegraben. Es handle sich um uralte Aufzeichnungen aus dem Palast von Knossos auf Kreta, sagt er. Keiner könne sie lesen.

Ein Bub fragt ungläubig: «Haben Sie gesagt, die Täfelchen seien noch nicht entziffert, Sir?» Fortan wird er Evans ab und zu schreiben und Theorien skizzieren. Als junger Mann macht er weltweit Schlagzeilen, weil er die Schrift mit dem Namen Linear B entziffert.

Dabei ist Michael Ventris Architekt. Ein begabter oder vielmehr besessener Laie löst 1952 also jenes Rätsel, an dem die Fachwelt über ein halbes Jahrhundert lang gescheitert ist: eine unbekannte Schrift in einer unbekannten Sprache. Wie Ventris das schaffte, erzählt ein soeben veröffentlichtes Sachbuch. Es ist mindestens so packend wie die Code-Thriller des Amerikaners Dan Brown.

Der Ausgräber

Die Geschichte beginnt im Jahr 1900, als Sir Arthur Evans in Kreta eintrifft. Vieles deutet darauf hin, dass der Boden von Knossos Altertümer birgt. Der reiche Gelehrte hat das Gelände deshalb kurzerhand gekauft und 30 kretische Arbeiter angeheuert. Nach wenigen Tagen legen sie gigantische Gipsblöcke frei. Reste eines Palastes mit Hunderten Räumen und Hallen, mit Treppenhäusern und einem Thronsaal; der Palast von Knossos war grösser als der Buckingham Palace. Und schon damals, ab 1850 vor Christus, hatte er dank eines hydraulischen Pumpsystems Toiletten mit Wasserspülung.

Acht Tage nach Grabungsbeginn werden die ersten Tontäfelchen zutage gefördert. Sie sind über 3000 Jahre alt, es handelt sich um das Palastarchiv von Europas allererster Bürokratie. Viele Täfelchen enthalten Tabellen. Die Schreiber damals führten offensichtlich Buch über die Besitztümer des Königs.

Aber was für eine Frühzivilisation ist das? Bis zum Griechenland von Platon und Sophokles verstreicht noch ein gutes Jahrtausend. In Knossos hat man auch nicht das griechische Alphabet benutzt. Ein fremdes Volk muss hier gesiedelt haben lange vor der Ankunft der Griechen, folgert Evans. Das Volk nennt er Minoer nach dem mythischen König Minos von Kreta.

Die Schrift von Knossos ist auf jeden Fall ein Faszinosum. Eigentlich sind es sogar zwei Schriften; beide aus Strichen oder eben Linien gebaut. Die ältere, etwas chaotisch anmutende Schrift tauft Evans Linear A. Die jüngere mit den schön geordneten, waagrecht arrangierten Zeichen, die um 1450 vor Christus aufkommt, nennt er Linear B.

2000 Linear-B-Täfelchen findet Evans auf Knossos. Weitere kommen später von anderen Fundorten hinzu. Ein paar Grundfragen kann der Archäologe im Verlauf der Jahre klären. Etwa diese: Handelt es sich bei den Zeichen um Ideogramme, steht also jedes Zeichen wie im Chinesischen für ein Wort? Oder ist es eine Silbenschrift, bei der jedes Zeichen eine Silbe wiedergibt? Oder ein Alphabet wie das unsere, bei dem jedem Zeichen ein Laut entspricht?

Evans findet auf den Täfelchen Zeichengruppen, die voneinander durch so etwas wie ein Komma abgetrennt sind. Jede Gruppe enthält zwei, drei, vier, fünf Zeichen. Das ist typisch für eine Silbenschrift, jede Zeichengruppe ist ein Wort. Freilich sind in den Texten, gerade in den Tabellen, auch Zeichen eingestreut, die einzeln stehen und wohl Ideogramme sind. Piktogramme: ein Pfeil, ein Wagenrad, ein Schemel. Vermutlich listeten die Schreiber in den Tabellen auf, wie viele Pfeile der Königshof an Lager hatte, wie viele Wagenräder, wie viele Schemel.

Also eine Silbenschrift mit eingestreuten Ideogrammen. Auch das Zahlensystem kann Evans entschlüsseln. Es handelt sich um ein Dezimalystem wie das unsere. Ein Strich steht zum Beispiel für die Zahl eins, fünf Striche hintereinander ergeben eine fünf. Viel weiter kommt der Gelehrte nicht. Bei seinem Tod 1941 ist er überzeugt, dass Knossos eine vorgriechische Kapitale war. Die Zentrale eines mediterannen Herrschervolkes.

Die Akademikerin

Eine Amerikanerin wird von 1930 bis zu ihrem frühen Tod 1950 die Entzifferung der Linear B vorantreiben; den Durchbruch schafft sie nicht. Vielleicht ist sie zu sehr Wissenschaftlerin. Alice Kober ist Assistenzprofessorin für Latein und antike Klassik am Brooklyn College in New York.

Sie lebt bei der Mutter, hat keine Freunde, ihre Freizeit widmet sie der Linear B. Um den Knossos-Code zu knacken, lernt sie alte Sprachen: Akkadisch, Altpersisch, Altirisch, Hethitisch, Sumerisch, Sanskrit, Tocharisch. Ihr Problem ist, dass nur wenige Schriftproben der Linear B publiziert sind. Bloss 100 Tontäfelchen aus Knossos sind ihr vorerst zugänglich.Kobers Methode ist die Statistik. Während des Weltkriegs wird das Papier dazu knapp: Sie fertigt Karteikarten aus Kirchenzirkularen, alten Bibliothekszetteln, Werbebroschüren und anderem, was auf der Hinterseite unbedruckt ist. 63'000 grosse, 116'600 kleine Karten. Die kleinen passen genau in leere Zigarettenschachteln. Sie ist Kettenraucherin.

Kober katalogisiert jedes Zeichen. Seine Häufigkeit. Seine Stellung in jedem Wort. Ihre Methode ist Pedanterie am Rande des Wahnsinns. Doch sie erschliesst entscheidende Dinge. So weist sie nach, dass die Linear B eine gebeugte Sprache wiedergibt: Wie im Deutschen werden die Wörter zu verschiedenen Formen gebeugt: «Ich geh-e», «du geh-st», «er geh-t». Kober zeigt anhand der Silbenstruktur auch, dass im Gegensatz dazu die ältere Linear A nicht gebeugt wurde. Seltsam. 1947 reist Kober nach Oxford in England. Sie wird vom Assistenten des verstorbenen Knossos-Ausgräbers Evans empfangen. Er hat dessen Tontäfelchen sozusagen geerbt. Kober kopiert sie von Hand. Das Land ist vom Krieg gezeichnet, es fehlt an Heizmaterial. Die Temperatur in ihrem Büro beträgt fünf Grad Celsius. Am Schluss hat sie 1800 Tontäfelchen abgezeichnet.

Alice Kober macht weitere Entdeckungen, während sie an Krebs erkrankt. Sie identifiziert zum Beispiel das Zeichen für «und». Es ist ein Kreis, der vier waagrechte Striche enthält, zwei nebeneinander, darunter noch einmal zwei nebeneinander. Das knossische «und» wird nachgestellt wie das lateinische «-que» etwa in «Senatus populusque», «Senat und Volk». 1950 stirbt Alice Kober. Sie wurde 43, die Linear B bleibt ungeknackt.

Der Spekulative

Auch Michael Ventris ist ein Einzelgänger. Er spricht Englisch, die Sprache des Vaters, und Polnisch, die Sprache der Mutter, dazu Französisch und Deutsch. Und Schweizerdeutsch – einen Teil seiner Jugend hat er in Gstaad verbracht. Die Linear B zu enträtseln, ist sein Lebensziel seit der Begegnung als Bub mit Sir Arthur Evans in London. Zum Brotberuf wählt er die Architektur. Im Krieg wird er Soldat, Bombernavigator. Ist auf dem Rückflug der Kurs bestimmt, schiebt er Karte, Kompass, Zirkel, Bleistifte vom Tisch und studiert Tontäfelchen, während der Bomber durch das deutsche Flakfeuer steuert.

Nach dem Krieg befragt Ventris per Post führende Gelehrte, was die Sprache der Linear B sein könnte. Alice Kober antwortet nicht, sie hasst Spekulationen. Ein Forscher meint, es handle sich um eine Form des Polynesischen. Ventris selbst geht vom Etruskischen aus. Demnach hätten die Etrusker, die vor den Römern in Italien waren und eine nicht-indoeuropäische Sprache hatten, aus der griechischen Mittelmeerecke gestammt. Inzwischen hat Ventris auch Linear-B-Proben von anderen Fundorten. Er stellt fest, dass einige Wörter nur an bestimmten Fundorten auftauchen – und hat dazu eine zündende Idee. Wenn man davon ausgeht, dass eine Kommune – beispielsweise Aarau – ihre amtlichen Dokumente archiviert, dann muss irgendwo auf all den Dokumenten der Name «Aarau» vorkommen: «Abfallkalender von Aarau», «Steuerformular von Aarau» und so weiter.

Eine zweite Idee schliesst an die erste an. Kretische Ortsnamen wie Knossos und Amnisos sind vorgriechisch, wie die Philologie längst erkannt hat. Die Chance ist daher gross, dass «Knossos» auf den Täfelchen aus Knossos gehäuft auftritt. Eine dritte Idee führt noch näher zum Ziel: Ventris entdeckt, dass auffallend viele Wörter auf den Täfelchen mit einem von fünf Zeichen beginnen. Sind es die fünf Vokale A, E, I, O, U?

Der Schlüssel

Ventris ist ein Tüftler. Alice Kober hat bewiesen, wie Linear B längere Wörter in zweibuchstabige Silben zerlegt: jeweils ein Konsonant und ein Vokal. Der Ortsname «Amnisos» würde demnach zerlegt zu A-mi-ni-so. Ventris durchforstet die Täfelchen aus Amnisos. Er sucht nach einem Wort, das mit einem der fünf Vokalzeichen beginnt und auf den Täfelchen von Amnisos oft vorkommt. So identifiziert er das Wort A-mi-ni-so. Er hat den Schlüssel gefunden, nun geht alles schnell, seine Silbentabelle füllt sich. Die Sprache, die Ventris in den nächsten Tagen und Wochen entdeckt, ist Griechisch. Ein sehr früher Dialekt. Ko-no-so: Knossos. Ke-ra-meu: Kerameus, der Töpfer. Te-ko-to-ne: Tektones, die Zimmerleute. Die Linear A allerdings lässt sich so nicht entziffern; es muss sich um eine ganz andere Sprache handeln. Welche, ist bis heute unklar; es gibt zu wenig Proben für die Forscher.

Daraus kann man folgern: Einst lebte auf Kreta ein Volk, das den Palast von Knossos baute und in der Linear A schrieb. Seine Sprache ist unbekannt, es war sicher nicht Griechisch. Dann kamen von aussen griechischstämmige Eroberer ohne Schrift. Ausgehend von der Linear A entwickelten sie die Linear B.

Licht fällt auf das Leben der griechischen Bronzezeit. Wenn wir wissen, was die Menschen damals assen und tranken, was sie säten und ernteten, wie sie sich die Zeit vertrieben und arbeiteten und Krieg führten, dann dank Michael Ventris. Er tat den kreativen Sprung, ohne den man eine unbekannte Sprache in einer unbekannten Schrift nicht bewältigt. Ein Amateur hat eine der grossen intellektuellen Herausforderungen der Moderne bewältigt.

1953 hält Ventris, nun eine Berühmtheit, die von der Queen geadelt wird, einen Vortrag im Burlington House, in dem er als Bub einst Sir Arthur Evans getroffen hatte. Drei Jahre später stirbt er, erst 34, bei einem mysteriösen Autounfall. Selbsttötung, wird gemunkelt. Schon länger hat Ventris sich von seiner Familie entfremdet. Was bleibt ihm noch, da er das Rätsel seines Lebens gelöst hat?

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.01.2014, 17:27 Uhr

Der englische Architekt entzifferte Linear B in den Jahren 1951 bis 1953 und wurde dafür geadelt. Drei Jahre später starb er bei einem Autounfall. (Bild: PD)

Margalit Fox: The Riddle of the Labyrinth. Ecco, New York 2013. 384 S., ca. 13 Dollar. Eine deutsche Übersetzung gibt es noch nicht. (Bild: PD)

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