Der Mythos vom Kollaps

Die Kargheit der Osterinsel im Pazifik gilt als Beispiel für eine Gesellschaft, die durch die Ausbeutung der Natur ihren eigenen Untergang hervorrief. Neue Forschungen widerlegen diese Hypothese.

Ursprünglich müssen die rätselhaften Moai-Statuen auf der Osterinsel auf einen Urwald von Palmen und anderen Arten geblickt haben. Foto: Carlos Barria (Reuters)

Ursprünglich müssen die rätselhaften Moai-Statuen auf der Osterinsel auf einen Urwald von Palmen und anderen Arten geblickt haben. Foto: Carlos Barria (Reuters)

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Mit dieser Insel konnte etwas nicht stimmen, wunderte sich bereits Jakob Roggeveen. Der Niederländer landete an Ostern 1722 als erster Europäer auf dem abgeschiedenen Eiland im Südpazifik, das er auch gleich nach diesem Fest benannte. Ein halbes Jahrhundert später notierte der britische Entdecker James Cook in sein Logbuch, dass kaum eine Insel weniger Erfrischungen als die Osterinsel biete: Statt dichter, subtropischer Wälder betraten die Europäer eine karge Steppenlandschaft, in der kaum Bäume wuchsen und kein Bach plätscherte.

Dabei regnet es dort reichlich, und im warmen Klima der Subtropen sollten eigentlich dichte Wälder wachsen. Weshalb diese Bäume lange vor der Ankunft der Europäer verschwanden und wie die auf der Osterinsel lebenden Polynesier diesen fatalen Verlust verkrafteten, darüber schossen in den vergangenen Jahren die Spekulationen heftig ins Kraut.

Ein wenig Licht in das Dunkel bringen Hans-Rudolf Bork und Andreas Mieth von der Universität in Kiel, die mit ihren Ausgrabungen auf dem Eiland die Landwirtschaft der Polynesier rekonstruieren. Die Kieler arbeiten dabei mit Chris Stevenson von der Virginia Commonwealth University und dessen Kollegen in den USA und auf der Osterinsel sowie Thegn Ladefoged von der University of Auckland in Neuseeland zusammen, die gerade in der Zeitschrift PNAS über die Geschichte dieses Feldbaus berichtet haben.

Ein Wald aus Honigpalmen

«Lange vor Ankunft der Europäer veränderte sich die Umwelt der Osterinsel bereits dramatisch», fasst Hans-Rudolf Bork die Ergebnisse dieser Forschung zusammen. Was aber war geschehen? Als die Polynesier mit ihren riesigen Kanus von anderen Inseln der Südsee aus auf die mehr als 2000 Kilometer entfernte Osterinsel kamen, fanden sie dort tatsächlich einen dichten Wald vor. Neben einer Reihe weiterer Arten wuchs dort vor allem eine Palme, die verblüffend der Honigpalme Jubaea chilensis ähnelt, die von Natur aus in Chile wächst. «Die Strömungen des Pazifiks können die drei bis vier Zentimeter grossen Nüsse dieser Pflanze auf die Osterinsel geschwemmt haben», vermutet Hans-Rudolf Bork. Dort wuchsen die Palmen gemeinsam mit anderen Pflanzen zu dichten Urwäldern.

Jared Diamond von der University of California in Los Angeles spekulierte 2005 in seinem Buch «Kollaps», die Polynesier hätten diesen Wald vernichtet, als ihre stark wachsende Bevölkerung immer mehr Ackerland brauchte. Die Menschen hätten sich so ihrer eigenen Lebensgrundlage beraubt, die Bevölkerung kollabierte. Terry Hunt von der Universität von Hawaii vermutet eine ganz andere Ursache für die Entwaldung der Osterinsel. Neben einigen Nutzpflanzen hätten die Polynesier auch Hühner und die Pazifische Ratte als Nutztiere mitgebracht, um deren Fleisch zu verspeisen. Die Nagetiere aber hätten sich explosionsartig vermehrt und die drei oder vier Zentimeter grossen Nüsse der Palmen gefressen, die kleinen Kokosnüssen ähneln. Vögel und andere Tiere der Insel hätten deren Schale dagegen nicht knacken können.

Ratten zu Unrecht verdächtigt

Die Kieler Forscher Hans-Rudolf Bork und Andreas Mieth kommen dagegen zu einem ganz anderen Ergebnis. «In Chile vernichten die dort zahlreichen Nagetiere den Nachwuchs der sehr ähnlichen jungen Honigpalmen ja auch nicht», erklärt Hans-Rudolf Bork. Noch wichtiger als dieses Argument sind aber die Ausgrabungen der beiden Forscher auf der Osterinsel: An gerade einmal zehn Prozent aller dabei gefundenen Palmnüsse finden sie Nagespuren der pazifischen Ratte. Damit aber können die Tiere kaum die Hauptschuld am Verschwinden der Wälder haben. «Das haben die Menschen schon selbst besorgt», ist sich Hans-Rudolf Bork sicher. Die Kieler Forscher haben in akribischer Kleinarbeit die Reste der einstigen Wälder auf der Osterinsel ausgegraben. Immer wieder finden sie im Untergrund Röhren, in denen einst die Wurzeln der Palmen wuchsen. Von den Stämmen entdeckten sie dagegen praktisch keine Überreste.

Ein Blick auf die Kochgewohnheiten der Polynesier erklärt diesen Sachverhalt. In Chile werden von den geschlagenen Palmstämmen Scheiben abgeschnitten, aus denen dann ein süsser, schmackhafter Saft fliesst. Die Baumscheiben sind schon nach wenigen Jahren verrottet. Kein Wunder, wenn die Kieler Forscher von den Palmstämmen nichts mehr finden. Neben den Stümpfen der Palmen gruben die Polynesier Erdlöcher, in die sie Ratten und Hühner, Gemüse und andere Nahrungsmittel steckten. Danach brannten sie den Palmstumpf ab. Die Hitze des Feuers garte nicht nur die Lebensmittel im Erdofen der Polynesier, sondern brannte auch wenige Zentimeter Erdreich um die Palmwurzeln herum zu einem festen Material, das die Jahrhunderte überdauerte, bis Hans-Rudolf Bork und Andreas Mieth diese Wurzelröhren wieder ausgruben. In der Zeit zwischen 1200 und 1600 hatten die Menschen nach und nach alle 16 Millionen Palmen der Osterinsel gefällt, ihren Saft getrunken und ihre Stümpfe verbrannt. Anschliessend schwemmte die Erosion den fruchtbaren Boden ins Meer, die Äcker der Bauern verarmten.

Die Menschen aber meisterten diese Gefahr: «Sie legten einfach 1,1 Milliarden faustgrosse Lavasteine auf ihre Felder», erklärt Hans-Rudolf Bork. Jetzt prasselte der Regen nicht mehr auf die nackte Erde, sondern meist auf die Steine, und die Erosion hörte auf. Gleichzeitig verringerten die Steine Temperaturschwankungen und speicherten in ihren Poren Wasser, das sonst abfliessen würde. Zwischen den Steinen aber konnten die Nutzpflanzen weiterwachsen und dieses Wasser auch in Trockenzeiten nutzen. Der grosse, von Jared Diamond vermutete Bevölkerungskollaps blieb anscheinend erst einmal aus.

Zu einem ähnlichen Schluss kommen auch die Forscher um Chris Stevenson. Sie haben das Alter der einfachen Werkzeuge bestimmt, die damals aus dem Vulkanglas Obsidian hergestellt wurden. Dabei fanden sie Hinweise, dass diese Landwirtschaft zwar ebenfalls an ihre Grenze stiess. Dies aber geschah in verschiedenen Teilen der Insel zu völlig unterschiedlichen Zeiten: Im Regenschatten des mit 507 Metern höchsten Berges der Osterinsel fanden sie etwa für die Zeit ab 1660 erheblich weniger Werkzeuge – danach wurde dort vermutlich nur noch halb so viel wie vorher angebaut.

Gestaffelter Niedergang

Auf der anderen Seite des Berges fällt mit etwa 1700 Litern auf jedem Quadratmeter jährlich doppelt so viel Niederschlag. Dementsprechend halbieren sich dort Obsidian-Werkzeuge und Landwirtschaft erst ein halbes Jahrhundert später und damit kurz bevor die ersten Europäer die Insel betraten. An der Küste wiederum fällt mit 1400 Litern wieder weniger Niederschlag, dafür sind die Böden recht fruchtbar. Dort fanden die Forscher erst für die Zeit lange nach Ankunft der Europäer um das Jahr 1850 einen deutlichen Rückgang der Anzeichen für eine Landwirtschaft.

Offensichtlich mussten die Polynesier in einzelnen Bereichen der Insel herbe Rückschläge in Kauf nehmen, konnten mit den Steinen auf den Feldern aber Schlimmeres verhindern. «Mit ‹Kollaps› lassen sich diese über zwei Jahrhunderte dauernden Veränderungen kaum beschreiben», meint Thegn Ladefoged. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2015, 22:40 Uhr

Osterinsel

Karges Eiland im weiten Ozean

Mehrere Vulkane haben sich vor 800'000 Jahren vom Grund des Pazifiks aufgebaut und verschmolzen über dem Wasserspiegel zum Dreieck der Osterinsel. Das Eiland ist 24 Kilometer lang und 13 Kilometer breit, seine Fläche ist mit 162 Quadratkilometern kleiner als das Stadtgebiet von Stuttgart. Heute leben rund 5800 Menschen auf der extrem abgelegenen Insel, deren Vulkane längst erloschen sind. Die chilenische Küste im Osten ist mehr als 3500 Kilometer oder rund fünf Flugstunden entfernt. Die nächste bewohnte Insel Pitcairn liegt mehr als 2000 Kilometer westlich, dort leben allerdings gerade einmal 60 Menschen. Der Hauptort heisst Hanga Roa und zählt knapp 4000 Einwohner.

Die Osterinsel gehört zu den artenärmsten Pazifikinseln, kaum 30 indigene Samenpflanzen sind bekannt. Das liegt vor allem an der isolierten Lage der Insel. Von den Säugetieren kommen nur von den Menschen auf die Insel gebrachte Tiere wie Pferde, Schweine, Rinder und Schafe vor.

Die Polynesier erreichten die von ihnen «Rapa Nui» genannte Osterinsel vermutlich auf grossen Ausleger-Kanus von den einige Tausend Kilometer im Westen liegenden Inseln des Südpazifiks aus, wie Untersuchungen des Erbguts der Nachfahren dieser Menschen nahelegen. Überlegungen des Norwegers Thor Heyerdahl, die ersten Menschen wären aus Südamerika auf die Osterinseln gekommen, wurden damit widerlegt. Wann die ersten Siedler ankamen, ist bisher nicht genau geklärt. Hans-Rudolf Bork und Andreas Mieth haben jedenfalls für einige Funde ein Alter von rund tausend Jahren nachgewiesen. Einige Indizien deuten sogar auf das fünfte Jahrhundert nach der Zeitenwende hin, einzelne Hinweise lassen sogar eine noch frühere Besiedlung vermuten.

Der erste Europäer betrat an Ostern 1722 die Osterinsel, die Neuankömmlinge blieben aber nur wenige Stunden auf der Insel. Etwa die Hälfte der Bevölkerung wurde 1862/63 als Zwangsarbeiter nach Peru verschleppt, die Pocken und andere Krankheiten forderten viele weitere Menschenleben. 1877 sollen nur noch 110 Menschen auf der Osterinsel gelebt haben. 1888 annektierte Chile das Eiland.

Heute bildet die Osterinsel eine von acht Provinzen in der chilenischen Region Valparaiso, zu der neben einem Gebiet auf dem Festland auch mehrere Inseln im Pazifik gehören.

Von Roland Knauer

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