Der Offizier, der Chiasso rettete – und zum tragischen Helden wurde

Ende April 1945 wäre es fast zu einem deutschen Überfall auf die Schweizer Südgrenze gekommen. Ein Tessiner Oberst hat dies verhindert. Jetzt wird seine Geschichte neu geschrieben.

April 1945: Oberst Mario Martinoni (3. v. l.) mit US-Major Joseph McDivitt.

PD

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Es waren dramatische Tage an der schweizerisch-italienischen Grenze, damals im April 1945. In Norditalien war die Republik von Salò des faschistischen Diktators Benito Mussolini zusammengebrochen, und die Besatzungstruppen der Wehrmacht waren in Auflösung begriffen.

In dieser Situation tauchte am Abend des 27. April eine gut 300 Mann starke deutsche Einheit am Grenzposten Chiasso auf und verlangte ultimativ Einlass in die Schweiz, den man nötigenfalls mit Waffengewalt zu erzwingen bereit sei. Die Schweizer Truppen an der Grenze hatten Order, den Grenzübertritt der Deutschen mit allen Mitteln zu verhindern. Dies gelang ihnen schliesslich auch, ohne dass es zu einer militärischen Auseinandersetzung kam.

Zur Kapitulation überredet

Nach einer Nacht ohne Schlaf fuhr Oberst Mario Martinoni, der Kommandant des mit dem Grenzschutz beauftragten Regiments, am Morgen des 28. April ins benachbarte Como, wo er US-Major Joseph McDivitt traf, den Kommandanten der alliierten Truppen in der Gegend.

Zusammen handelten sie die Bedingungen aus, mit denen sie die deutschen Truppen zu einer Kapitulation überreden konnten: Die Soldaten der Wehrmacht begaben sich in alliierte Gefangenschaft, nachdem sie ihre Fahrzeuge hatten in die Schweiz bringen dürfen. So weit die Fakten zu den «Ereignissen von Chiasso», an welche die Gemeinde in diesen Tagen mit einer Ausstellung und einer Gedenktafel für Martinoni erinnert.

Der Tessiner Offizier ist 1981 im Alter von 85 Jahren gestorben. Für ihn hatte das Geschehen jener Tage kein gutes Ende genommen. Er musste das Truppenkommando abgeben und verbrachte die Dienstzeit bis zur Pension im Aushebungsbüro von Bellinzona.

Anweisung des Bundesrats

Martinonis abruptes Karrierenende sei eine Strafe für die Mission nach Como gewesen, die er eigenmächtig und in Verletzung der schweizerischen Neutralität unternommen habe, sagten die Historiker bisher. Die Armeeführung habe Martinoni für eine ebenso mutige wie erfolgreiche Aktion bestraft, lautete die Kritik vor allem im Tessin.

Doch nun hat Jürg Stüssi-Lauterburg, Historiker und Leiter der Berner Bibliothek am Guisanplatz, diese Interpretation korrigiert. Mit Zeitdokumenten weist er nach, dass Martinoni auf direkte Anweisung des Bundesrats gehandelt hat. Allerdings liess die Landesregierung den Befehl so übermitteln, dass sie sich aus Gründen der Neutralität jederzeit von der Mission hätte distanzieren können.

Die Order an Martinoni war Teil der diplomatischen Bemühungen, Grenzverletzungen in den letzten Kriegstagen zu verhindern. Mit grösster Diskretion hatte der Bundesrat zuvor schon die Operation Sunrise zur Vorbereitung der deutschen Separatkapitulation in Italien gefördert.

Die Mission teuer bezahlt

Die Absetzung Martinonis als Truppenkommandant war keine Strafe, sondern die Folge von gesundheitlichen Problemen. Übermüdet nach den Ereignissen von Ende April, erlitt er einen Nervenzusammenbruch, als er erfuhr, dass sein Regiment an der Grenze abgelöst würde. Im Schockzustand äusserte er gegenüber einem Arzt gar den Wunsch, seinen Vorgesetzten zu töten.

Laut Stüssi-Lauterburg hat Martinoni keinen Rückhalt von Bundesrat und Armeespitze erhalten, weil diese keinesfalls mit der Mission in Como in Verbindung gebracht werden wollten. So wurde er zum tragischen Helden, der «den Preis für treue Pflichterfüllung unter schwierigsten Umständen mit seiner Gesundheit und seiner militärischen Karriere bezahlt hat».

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2010, 22:12 Uhr

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