Geschichte

Der Patron des Bösen

Pablo Escobar war der mächtigste Drogenboss aller Zeiten. Vor 20 Jahren starb der Kolumbianer, der durch Kokainhandel reich geworden war. Eine Eliteeinheit hatte ihn in einem Reihenhäuschen aufgespürt.

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Auf dem letzten Bild erinnert der Grossverbrecher an ein erlegtes Tier. Es ist der 2. Dezember 1993, als eine Eliteeinheit der kolumbianischen Armee Pablo Escobar aufspürt. Er hat sich in einem zweistöckigen Reihenhäuschen im Viertel Los Olivos in Medellín versteckt, gemeinsam mit einem Leibwächter, einem Kurier und einer Köchin. In den Monaten zuvor ist seine Macht zerbröselt. Gefährten haben sich von ihm abgewandt, sind erschossen oder verhaftet worden. Polizei, Armee und eine eigens geschaffene Sondereinheit haben ihn mithilfe amerikanischer Ermittler in die Enge getrieben, Mitglieder des verfeindeten Kartells von Cali haben seine Villen und Haciendas angezündet und versucht, seine Familie zu töten.

Die Stunden im Versteck sind endlos. Der Staatsfeind Nummer eins verwahrlost, verschläft ganze Nachmittage, leidet an chronischen Magenschmerzen und stopft dennoch Essen in sich hinein. Escobars einziger Trost besteht darin, mit seinen Kindern zu telefonieren, dem 16-jährigen Juan Pablo und der 9-jährigen Manuela. Die Gespräche beendet er jeweils nach spätestens zwei Minuten, weil sonst Abhörspezialisten seinen Standort ermitteln könnten.

Doch an jenem Donnerstag vor 20 Jahren redet er zwei Minuten und fünfundzwanzig Sekunden lang mit Juan Pablo. Tags zuvor hat er einsam seinen 44. Geburtstag gefeiert. Eine Eliteeinheit ortet sein Signal und umstellt seinen Schlupfwinkel. Ihr Anführer sieht von der Strasse aus, wie Escobar mit dem Telefonhörer in der Hand am Fenster steht. Als die Soldaten das Versteck stürmen, versucht er, über ein Vordach zu entkommen und wird erschossen. Bis heute ist umstritten, ob er zuvor auf seine Verfolger gefeuert hat.

Die Männer versammeln sich zu einem Erinnerungsfoto, das seither zur Escobar-Ikonografie gehört: die Leiche des bärtigen, barfüssigen Drogenbosses, wie sie blutverschmiert und mit mächtigem, unter einem blauen T-Shirt hervorquellendem Bauch auf dem Ziegeldach liegt. Und die grinsenden, feixenden, jubelnden Sieger. Als Jagdtrophäe schneiden sie dem Toten die Enden seines Schnurrbarts ab. Einer schreit ins Funkgerät: «Es lebe Kolumbien! Wir haben gerade Pablo Escobar getötet!»

Blutrünstig und charmant

Für den ehemaligen kolumbianischen Vizepräsidenten Francisco Santos, einen Cousin des heutigen Staatschefs Juan Manuel Santos, ist Escobar der «Leonardo da Vinci des Verbrechens». Santos, den der Drogenboss entführte und acht Monate lang gefangen hielt, sagt den Satz in einer Mischung aus Abscheu und Bewunderung. Weil sich Escobar den Armen seiner Heimatstadt gegenüber grosszügig zeigt, sehen ihn viele aus dem sogenannt einfachen Volk eher als kolumbianischen Robin Hood.

Der Sohn einer Primarlehrerin und eines Bauern aus Medellín ist blutrünstig, rachsüchtig, charmant, fürsorglich, familiär. Selbst langjährige Weggefährten fragen sich, welches Gesicht sich hinter all den Masken verbirgt, selbst enge Freunde wissen nie, wie er reagieren wird. Auf seiner Rätselhaftigkeit beruht die Faszination, die Escobar bis heute ausübt. Unzählige Biografien, Zeugenberichte und Dokumentarfilme versuchen, seine Figur zu ergründen. Die letztes Jahr ausgestrahlte kolumbianische Telenovela «Der Patron des Bösen», die seine Lebensgeschichte erzählt, war eine der erfolgreichsten ihres Genres.

Ihr Titel ist bezeichnend: Die Radikalität, mit der Escobar alle Regeln und selbst den Ehrenkodex der kolumbianischen Mafia bricht, um seine Interessen durchzusetzen, die Skrupellosigkeit, mit der er einem ganzen Land seinen Willen aufzwingt, lassen ihn im historischen Rückblick als Verkörperung des Bösen erscheinen. Umso irritierender, dass ein Teil der Bevölkerung unbeirrt an seine Güte glaubt. Er wagt, was vor und nach ihm kein anderer Drogenboss je versuchte: den frontalen militärischen Angriff auf den Staat in der Absicht, die Macht zu erobern. Es fehlte nicht viel, und Escobar hätte sein Ziel erreicht.

Schon als Jugendlicher verkauft er gestohlene Zigaretten und Grabsteine, aber er merkt schnell, dass das grosse Geld anders zu verdienen ist: durch den Schmuggel von Koka-Paste aus Ecuador und Peru und deren Verarbeitung zu Kokain. Ein angeborenes Talent, andere zu beeindrucken und zu führen, Intelligenz und Brutalität machen Escobar in der zweiten Hälfte der Siebzigerjahre zu «El Patrón» – zum verehrten, gefürchteten Anführer des Kartells von Medellín.

1989 ist er mit geschätzten 3 Milliarden Dollar Vermögen der siebtreichste Mann der Welt. Seine Hacienda Nápoles umfasst 3000 Hektaren Hügel und Wälder, es gibt künstlich angelegte Seen, einen Zoo voller exotischer Tiere, eine Stierkampfarena, ein Theater, Schwimmbäder, Diskotheken, Fussball- und Tennisplätze. Über ihrem Eingang hängt die Cessna, in der Escobar seine ersten Kokainlieferungen in die USA transportieren liess.

Hier feiert er legendäre Feste, hier empfängt er Geliebte und Prostituierte. Manchmal zwingt er sie unter dem Gejohle der Drogenbosse und Auftragskiller, nackt auf Bäume zu klettern. Der Kartellchef hat eine Vorliebe für 16- bis 20-jährige Mädchen, sein sexueller Hunger ist ebenso gross wie seine Gier nach Reichtum. An der lebenslangen Verehrung für seine Ehefrau Victoria und an der Vergötterung seiner Mutter Hermilda Gaviria ändert dies nichts. Kokain, dem er alles verdankt, hat er mehreren Zeugen zufolge nie probiert. Dafür raucht er oft Marihuana.

Wallfahrt zu seinem Grab

Vor einigen Jahren hat der Autor dieses Artikels in Medellín Escobars Schwester Luz María kennen gelernt. «Mein Bruder war ein herzensguter Mensch», beteuerte sie unter Tränen. In ihrer Wohnung ragt aus einer Wand der ausgestopfte Kopf eines Nilpferds, das einst in Escobars Zoo auf der Hacienda Nápoles lebte. Viele der Verbrechen, deren man ihn bezichtige, habe er gar nicht begangen, und wenn, habe er nur seine Familie beschützen wollen. Escobars Grab auf dem Friedhof Jardines Montesacro ist für seine Verehrer ein Wallfahrtsort. Im «Barrio Pablo Escobar», dem Escobar-Viertel, dessen 430 Zementhäuser der Drogenboss einst den Armen schenkte, nennen ihn die Bewohner bei seinem Vornamen. Sie sagen Sätze wie: «Lebte Pablo heute noch, ginge es uns besser.» «Er hat Böses getan, um Gutes zu bewirken.» – «Wer schenkt einem schon ein Haus? Höchstens der eigene Vater.»

Escobar ist ein Getriebener, der immer mehr will. Dank seiner nahezu grenzenlosen Korruptionsmacht könnte er sein Vermögen unbehelligt geniessen, doch das ist zu wenig für jemanden, der von sich selber gern in der dritten Person spricht und glaubt, er sei der «zweitwichtigste Mensch auf Erden nach dem Papst». Escobar ist so vieles geglückt, was unmöglich schien, dass er dem Wahn verfällt, es müsse ihm alles glücken. Er setzt sich zum Ziel, Kolumbiens Präsident zu werden.

An dieser Hybris wird er scheitern. 1982 erobert er einen Sitz im Abgeordnetenhaus, nachdem er im Wahlkampf mit Geld um sich geworfen hat. Er gehört zur Delegation, die zur Amtseinweihung des spanischen Ministerpräsidenten Felipe González nach Madrid reist. Für das Establishment in Bogotá ist der Neoparlamentarier mit dem provinziellen Akzent ein Emporkömmling. Journalisten fragen, woher sein Reichtum stamme.

Seine Antwort, er sei Viehzüchter, glaubt ihm niemand. Escobar, dem jedes Unrechtsbewusstsein abgeht, fühlt sich in seiner Ehre gekränkt. Justizminister Rodrigo Lara brandmarkt ihn öffentlich als Drogendealer und verlangt die Aufhebung seiner parlamentarischen Immunität. Bald legt Escobar sein Mandat nieder, um fortan einen Strohmann vorzuschieben: Senator Alberto Santofimio. Beinahe schafft er es, von der traditionsreichen liberalen Partei als Präsidentschaftskandidat nominiert zu werden.

Der Mord am Justizminister

Der Krieg zwischen Escobar und dem Staat entzündet sich an einer Massnahme, die lateinamerikanische Drogenbosse mehr fürchten als alles andere: die Auslieferung an die Vereinigten Staaten. Escobar gründet die Gruppe Los Extraditables, die Auslieferbaren. «Lieber ein Grab in Kolumbien als eine Zelle in den USA», ist ihr Motto. Er fordert einen Verfassungsartikel, der die Überstellung kolumbianischer Staatsbürger verbietet.

Um seinen Willen durchzusetzen, überzieht er das Land mit Mord und Terror. Killer erschiessen Justizminister Lara und Luis Carlos Galán, den Präsidentschaftskandidaten, der die Hoffnung auf ein besseres Kolumbien verkörpert. Es sterben Journalisten, Richter, Polizisten, und um die Regierung endgültig in die Knie zu zwingen, begeht Escobar mehrere Attentate gegen die Zivilbevölkerung. Diese Linie überschreiten nicht einmal die heutigen mexikanischen Kartelle. 1989 sprengt Escobar ein mit 107 Passagieren besetztes Zivilflugzeug. Ein Einzelner ist drauf und dran, Kolumbien zum gescheiterten Staat zu machen. Mit dem Satz: «Dynamit ist die Atombombe der Armen» verklärt er das Gemetzel zum sozialrevolutionären Akt. Um den Druck auf die Regierung zu verstärken, lässt er zudem Dutzende Angehörige der Oberschicht entführen.

Der Kokainbaron setzt sich durch: Im Juni 1991 wird das Auslieferungsverbot in der Verfassung verankert. Im Gegenzug willigt Escobar ein, eine Haftstrafe abzusitzen, in einem von ihm selbst errichteten Luxusgefängnis. Als er nach gut einem Jahr zu fliehen beschliesst, hindert ihn niemand daran.

Doch die Kräfte, die Escobar gegen sich heraufbeschwört, werden selbst für ihn zu stark. Um Kolumbien vor der Implosion zu bewahren, schickt die US-Regierung Geheimdienstler, Abhörspezialisten, Drogenfahnder, Elitesoldaten. Zur Finanzierung seines Kampfs presst Escobar Gefolgsleute so hemmungslos aus, dass sie sich zu Dutzenden von ihm abwenden. Einige lässt er dafür ermorden. Nach der Flucht aus dem Gefängnis erinnert er immer mehr an ein verwundetes, um sich beissendes Raubtier.

Kolumbien steigt ab, Mexiko auf

Sein Tod verändert die Machtverhältnisse im globalen Rauschgiftgeschäft: Das vom Medellín-Kartell jahrelang ausgeübte Monopol auf Kokainhandel ist gebrochen. Es beginnt die Ära der mexikanischen Syndikate, die heute 90 Prozent des in den USA abgesetzten Kokains schmuggeln. Kolumbianische Verbrecherorganisationen sind zu blossen Zulieferern geworden, während es den Ordnungskräften des südamerikanischen Landes geglückt ist, den Aufstieg einer mit Escobar vergleichbaren Figur zu verhindern. Einige sagen, weil Kolumbien heute strengere Gesetze und eine unabhängige Justiz besitze. Andere, weil es nie mehr eine mit Escobar vergleichbare Figur geben werde.

Knapp zehn Jahre nach Escobars Tod erfüllt sich sein Lebenstraum doch noch: Ein Mitglied des Kartells von Medellín wird kolumbianischer Staatspräsident. Zumindest behauptet dies ein Bericht der amerikanischen Defence Intelligence Agency von 1991, demzufolge Álvaro Uribe «eng mit Pablo Escobar befreundet und ein Mitarbeiter des Drogenkartells von Medellín» war. Als das Dokument 2004 publik wird, ist der seit zwei Jahren regierende Uribe George W. Bushs treuster lateinamerikanischer Verbündeter. Escobars Existenz war voll bizarrer Episoden, nun sorgt er postum für eine letzte: Das Pentagon sieht sich gezwungen, öffentlich dem eigenen Geheimdienst zu widersprechen.

Erstellt: 29.11.2013, 07:32 Uhr

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