Der Vater des Nescafés

Der Burgdorfer Chemiker Max Morgenthaler erfand vor 75 Jahren den löslichen Nescafé. Damit legte er den Grundstein für eines der wichtigsten Produkte von Nestlé. Trotzdem trennten sich Morgenthaler und der Lebensmittelkonzern im Streit.

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Gestern vor 75 Jahren kam der erste Nescafé auf den Markt. Heute werden weltweit pro Sekunde mehr als 5500 Tassen getrunken. Der lösliche Kaffee ist eine der grössten Erfolgsgeschichten der Schweizer Lebensmittelindustrie. Erfunden hat ihn der Burgdorfer Max Morgenthaler.

Aus der Not geboren

1929 wandten sich Kaderleute einer in Brasilien tätigen europäischen Bank an einen Ex-Mitarbeiter, den damaligen Nestlé-Chef Louis Dapples. Wegen Rekordernten waren die Kaffeepreise in Brasilien tief, und die Bank sass auf Tonnen unverkäuflichen Kaffees. Ob man daraus nicht lösliche Kaffeewürfel machen könne?, lautete die Anfrage an Nestlé. Betraut mit dieser Aufgabe wurde ein Doktor der Chemie, Max Morgenthaler. Instantkaffee gab es bereits seit der zweiten Hälfte des 19.Jahrhunderts in den USA, doch der Geschmack liess zu wünschen übrig. Morgenthaler suchte nach Methoden, um den Kaffeegeschmack zu konservieren, doch das Aroma litt durch die Lagerung. Nach 4 Jahren stoppte Nestlé das Experiment. Morgenthaler forschte jedoch weiter, daheim am Küchentisch und im Garten seines Hauses oberhalb von Vevey. Schliesslich gelang es ihm, das Aroma mithilfe von zugesetzten Kohlenhydraten zu erhalten.

1936 präsentierte er sein Verfahren der Firma Nestlé. Am 1.April 1938 kamen die ersten Büchsen in der Schweiz in den Handel. Max Morgenthaler wurde selbst bekannt. Als er am 8.September 1980 im Alter von 79 Jahren starb, widmete ihm das Nachrichtenmagazin «Der Spiegel» sogar einen Nachruf.

Fähiger Einzelgänger

Heute ist Morgenthaler jedoch so gut wie vergessen. «Würde man in Burgdorf Leute fragen, wer er war, wüssten das nur sehr wenige», sagt Thomas Fenner. Der ebenfalls aus Burgdorf stammende Historiker schreibt seine Doktorarbeit über Nescafé und befasste sich mit dessen Erfinder. Einer der wenigen, die Morgenthaler noch persönlich kannten, ist Walter Balimann. Der Bieler lernte 1953 als junger Laborant im Kaffeelabor von Nestlé den Chemiker kennen. «Er hatte ein prächtiges Büro und das am besten ausgestattete Labor, in dem nur er und eine Mitarbeiterin forschten», so Balimann. Ihm schien, dass Morgenthaler von den anderen Forschern isoliert war, was diesen jedoch nicht störte. In seiner Erinnerung war der Nescafé-Erfinder ein Einzelgänger, der sehr respektiert, ja sogar gefürchtet wurde. Selbst sein Chef musste ihn um Erlaubnis bitten, bevor er in sein Büro kommen durfte. Der junge Laborant hatte jedoch keine Angst vor dem sehr selbstbewusst auftretenden Morgenthaler und besuchte ihn öfter. «Zu mir war er stets freundlich. Ich brachte ihm Proben von löslichem Kaffee mit, wir tranken eine Tasse und unterhielten uns», erzählt Balimann. Manchmal habe der Chemiker gesagt, dass die Probe nicht schlecht sei, aber dass sie nie an seinen Kaffee heranreichen würde.

Erfolgsstory endet im Streit

Die Beharrlichkeit auf seinen Nescafé hatte ihm Erfolg gebracht. Sie enthält nach Historiker Fenner aber auch eine gewisse Tragik. Die anfangs erfolgreiche Verbindung Morgenthaler-Nestlé endete im Streit. Die Kohlenhydrate, die der Chemiker der Urversion des Nescafés zur Aromastabilisation zugefügt hatte, führten zu Problemen. Das könne doch nicht als reiner Kaffee verkauft werden, hiess es im In- und im Ausland. Zudem stellten US-Produzenten bereits löslichen Kaffee ohne Kohlenhydrate her, der für Nescafé zur Konkurrenz geworden war. Nestlé änderte das Verfahren und produzierte Instantkaffee ohne zusätzliche Kohlenhydrate. 1953 wurde Morgenthalers Methode eingestellt. «Das Verfahren hatte im Vergleich zu anderen Herstellungsmethoden den Nachteil, dass es nicht weiterentwickelt werden konnte», sagt Fenner. Diesen Wechsel konnte Morgenthaler nicht akzeptieren.

Darüber hinaus gab es weitere Gründe, die zum Zerwürfnis führten: Von Unstimmigkeiten in Qualitätsfragen und zwischenmenschlichen Problemen mit anderen Forschern war die Rede. «Es ist schwer, heute ein objektives Bild der Ursachen zu bekommen», stellt Fenner fest. 1955 verliess Morgenthaler Nestlé und erhielt zeit seines Lebens eine Art Abfindung.

«Die Rolle von Max Morgenthaler bei der Erfindung von Nescafé ist unumstritten», heisst es bei Nestlé. Der Instantkaffee, der heute in 180 Ländern und in zig Variationen erhältlich ist, gehört zu den grössten Marken des Konzerns und bringt jährlich Milliarden ein. Doch die Beziehung zwischen Forscher und Firma wurde nie wieder gut. Zumindest Geld war für Morgenthaler kein Thema mehr. Nach «Spiegel»-Angaben war ihm angeblich von Nestlé ein Zehntel Promille vom Nescafé-Umsatz zugesichert worden. (Berner Zeitung)

Erstellt: 02.04.2013, 11:10 Uhr

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