Der Wanderforscher

Was hat Armut mit Atomkraft zu tun? Und wieso waren Dampfschiffe die iPhones ihrer Zeit? Der Historiker und Japanexperte Martin Dusinberre hat erstaunliche Antworten.

Flucht vor dem Umbau: Für das Foto verliess Martin Dusinberre sein Büro. Foto: Esther Michel

Flucht vor dem Umbau: Für das Foto verliess Martin Dusinberre sein Büro. Foto: Esther Michel

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zügiger Gang, kräftiger Händedruck und Tee, so schwarz wie möglich. Ein gestresster Gesprächspartner ist Martin Dusinberre aber nicht. Freundlich gibt der 39-jährige Engländer Auskunft darüber, wie man seinen seltsamen Namen ausspricht (Düsenberri, ursprünglich holländisch), warum er seine Heimat Cambridge verliess («es war eine zu komfortable Welt») und wieso ihm die Universität Zürich vor einem Jahr ein Büro und einen eigenen Lehrstuhl gegeben hat. Noch wirkt das Büro etwas provisorisch. Einige Regale sind leer, Holz und Plastik blockieren die Sicht nach aussen. Ein Umbau, der so gar nicht zu einem Wissenschaftler passt, der stets den Blick auf die weite Welt haben sollte. «Global History heisst eigentlich nicht, dass man die ganze Welt untersucht», widerspricht Dusinberre. «Es geht ums Wie, nicht ums Wo.»

Was das heisst, zeigt ein Beispiel, das eine Art Erweckungserlebnis für Dusinberre war. Als 21-Jähriger reiste er nach Japan, um nach dem Studium in Oxford «eine neue Perspektive» zu finden und japanischen Teenagern Englisch beizubringen. Er wohnte in Kaminoseki, einem Dorf im Süden ­Japans, nicht weit von Hiroshima. Doch etwas an seinem neuen Wohnort war seltsam. Die gut 3000 Bewohner verteilten sich auf mehrere Inseln und zwei ideologische Lager: Die grosse Mehrheit wollte auf dem Gemeindegebiet ein neues Atomkraftwerk bauen lassen, nur wenige waren dagegen.

Gruppenreise zum Kraftwerk

«Wie es sein kann, dass es so viele Atomkraftwerke gibt – in einem Land, das mit Atomwaffen angegriffen wurde?» Jahre nach seiner Zeit als Englischlehrer kehrte Dusinberre als Forscher nach Kaminoseki zurück und ging der Frage nach. Über einen wichtigen Hinweis hätte er sprichwörtlich stolpern können: Steine. Sie zeugten von den Spenden, die den Bau einer Schule Anfang der 1930er-Jahre ermöglicht hatten. Das Geld kam unter anderem aus San Francisco und Hawaii. Dusinberre war irritiert. In dieses vermeintlich isolierte Dorf, dem er doch etwas von der grossen Welt hätte erzählen sollen – so zumindest hatte man es ihm vor der Abreise gesagt –, floss globales Geld. Von Japanern, die seit den 1880er-Jahren um die Welt reisten, um Arbeit zu finden. Dusinberre stand vor der Wahl: Versucht er herauszufinden, was Japan mit Hawaii zu tun hat? Oder lässt er den Aspekt aussen vor, weil er scheinbar wenig mit dem Atomkraftthema zu tun hat? Er wählte die aufwendigere Option, ging der Migrations- und Arbeitsgeschichte des Ortes nach und merkte: Atomkraft und Migration hängen zusammen. Die Einheimischen sind es seit langem gewohnt, dass Geld von aussen kommt. Und genau das verspricht ein Atomkraftwerk. «Zuverlässiges Geld vom Staat für eine Gemeinde, die arm und überaltert ist», sagt Dusinberre.

Hinzu kommt, dass ein Mensch eine Entscheidung selten allein fällt. Gruppenweise wurden die Dorfbewohner von den AKW-Betreibern eingeladen, sich andere Kraftwerke anzusehen – um sich von deren Sicherheit zu überzeugen. «Stellen Sie sich vor, Ihr Nachbar verkündet danach, Atomkraft sei sicher», sagt Dusinberre. «Teilen Sie seine Meinung nicht, haben Sie ein Problem.» Besonders, wenn beide in einem kleinen Dorf leben und ihre Familien seit Jahrzehnten miteinander verbandelt sind. Ein Konsens ist die angenehmere Lösung, «eine Meinung, die in Japan und der Schweiz übrigens gleichermassen verbreitet zu sein scheint».

Diese Geschichte scheint aber auch zu sagen: Als Globalhistoriker kommt man ziemlich schnell vom Hundertsten ins Tausendste. «Die Gefahr besteht», sagt Dusinberre und lacht jungenhaft. «Manche finden es etwas beängstigend, ich finde es aufregend.» Überhaupt gefalle es ihm ganz gut, die Dinge etwas anders zu machen, ein Aussenseiter zu sein. In Oxford habe er sich auch nie richtig zugehörig gefühlt. Er kam zwar nicht gerade aus der Working Class – seine Eltern waren beide Universitätsprofessoren. Doch die anderen Studenten schienen «immer etwas artikulierter und lauter» zu sein. In Japan fühlte er sich fremd, weil er als Prototyp eines Engländers gesehen wurde. «Und jetzt bin ich in der Schweiz und wieder ein Aussenseiter», sagt er lachend. Als Ausländer, aber auch als Vertreter einer relativ jungen Studienrichtung innerhalb der Geschichtswissenschaften. Aber: «Das ist schon gut so. Wer etwas am Rand steht, behält eine gesunde Skepsis.»

Skeptisch könnte auf den ersten Blick auch das Thema seines neuen Forschungsprojekts machen: ein japanisches Dampfschiff aus dem 19. Jahrhundert. Dusinberre ist davon so begeistert, dass er ein Modell nach Zürich hat holen lassen. Es steht jetzt im Johann-Jacobs-Museum. Aber warum sollte man sich für ein altes Schiff interessieren? «Weil es für die Leute das war, was das iPhone heute für uns ist», sagt Dusinberre und steigert sich zu einer Art Stakkato. Man müsse sich das so vorstellen: Bevor Japan Dampfschiffe hatte, war jede Reise lang und gefährlich. «Ein Dampfschiff führt nun aber dazu, dass Menschen auf einmal wissen, wann sie in Honolulu ankommen werden.» Die Welt wird ganz schnell ganz viel kleiner. Gar nicht so anders, wie sie für uns durch günstige Flug­tickets kleiner geworden ist. Der japanische Staat konnte sagen: «Schaut her, wir können uns die modernsten Schiffe der Welt leisten.» Die einfachen Leute sahen darin aber wenig Luxuriöses. Sie brauchten die Schiffe, um nach Hawaii oder in die USA zu fahren und Arbeit zu finden. Wie heute beim iPhone empfanden auch damals viele den Fortschritt als etwas Ambivalentes. Solche Kontraste interessieren Dusinberre. Die Geschichten von «people in between», Pendlern und Migranten.

Unbequeme Fragen

Und was denkt ein Historiker, der die Geschichten längst verstorbener Migranten rekonstruiert, über die aktuelle Flüchtlingskrise? «People move», ist die trockene Antwort. «Das hat es immer gegeben, das wird es immer geben.» Schwierig fände er es, wenn man Migranten als eine reine Masse sehe. «Man muss sich überlegen, warum Menschen gehen – und versuchen, auf die Gründe mit Empathie zu reagieren.» Ein Perspektivenwechsel, den er durch viele Umzüge trainiert habe und seinen ­Studenten mitzugeben versuche. «Denkt über eure Annahmen nach, stellt unbequeme Fragen.»

Anfang 2011 begann in Kaminoseki – Dusinberres alter Heimat – übrigens der Bau eines neuen Kraftwerks. Drei Wochen danach passierte Fuku­shima. Seither «pausiert» das Projekt.

Zürich soll für Dusinberre mehr als eine Pause werden. Seine Frau und er möchten ihre Kinder hier aufwachsen lassen. Neben seiner Bürotür hängen zwei kleine Weltkarten, die sein Sohn ausgemalt hat. Die Erde; einmal mit Europa und einmal mit Asien im Zentrum. Perspektivenwechsel.

Am 2. Mai hält Martin Dusinberre seine Antrittsvorlesung: «Japan, Global History and the Great Silence». 18.15 Uhr an der Uni Zürich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.04.2016, 18:32 Uhr

Artikel zum Thema

Warum die Energiewende Japan überfordert

Die Katastrophe von Fukushima war der Startschuss für Japans Ökostrom-Industrie – sie boomt inzwischen so stark, dass sie den Konzernen zu teuer wird. Investoren müssen jetzt viel Geduld beweisen. Mehr...

Zerrissene Leben

Die Atomkatastrophe von Fukushima hat Zehntausende zu Flüchtlingen gemacht. Hoffnung auf Heimkehr gibt es nicht. Mehr...

Dossiers

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Besuch aus der Heimat: Die Schweizergardisten im Vatikan stehen stramm, denn Bundesrat Alain Berset ist auf Visite. (12. November 2018)
(Bild: Peter Klaunzer) Mehr...