Der einzige Einsatz der Schweizer Luftwaffe

Während die Politik über die Beschaffung neuer Kampfflugzeuge streitet, feiert die Luftwaffe ihre raren Helden. 70 Jahre ist es nun her seit dem ersten und einzigen Kampfeinsatz der Schweizer Armee in der Luft.

Eine Messerschmitt 109: Im Luftkampf gegen die Nazis flog Rickenbacher diesen Flugzeugtyp.

Eine Messerschmitt 109: Im Luftkampf gegen die Nazis flog Rickenbacher diesen Flugzeugtyp. Bild: Keystone

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Grund genug, wieder einmal an die Leistungen der Aktivdienstpiloten zu erinnern. Geehrt wurden gestern auf dem Chasseral insbesondere Rudolf Rickenbacher, Rodolfo Meuli und Emilio Gürtler, die Anfang Juni 1940 im Luftkampf gegen die Nazis den Tod fanden. Obschon dort, wo ihre Flugzeuge abstürzten, schon längst Gedenksteine stehen, wurde auf dem Chasseral erneut ein solcher enthüllt. Der höchste Berner Juragipfel spielte zwar bei den Fliegerduellen keine besondere Rolle, steht aber laut Luftwaffe «symbolisch für den Luftraum über dem Jura».

Es geht «nur ums Gedenken»

Es gehe nur um das Gedenken an die Opfer, betont Laurent Savary, stellvertretender Kommunikationschef. Dass solche Anlässe auch einen politischen Hintergrund haben und gut Wetter für die Luftwaffe machen sollen, sei «journalistische Interpretation». Die Gedenkfeiern richteten sich nach den historischen Gegebenheiten und nicht nach der politischen Agenda. Gänzlich unpolitisch war der Anlass dann aber doch nicht. «Militärflieger sind eine Voraussetzung unserer unabhängigen politischen Existenz», sagte der Chef der Militärbibliothek am Berner Guisanplatz, Jürg Stüssi, gestern auf dem Chasseral. Und das müsse und werde auch in Zukunft so bleiben, so der Aargauer SVP-Grossrat weiter.

Wie auch immer. Unbestritten ist, dass die Phase zwischen dem 1. und 10. Juni 1940 aus Schweizer Sicht zu den heikelsten des Zweiten Weltkriegs gehörte. Nachdem die Wehrmacht ihren Frankreich-Feldzug gestartet hatte, kam es innerhalb kurzer Zeit zu mehr als 200 Grenzverletzungen durch deutsche Bomber und Jagdflugzeuge – vor allem über dem Jura. Die Schweizer Luftwaffe war zwar mangelhaft ausgerüstet, versuchte aber dennoch, den Schweizer Luftraum zu schützen. Dabei gelang es ihr, elf deutsche Flugzeuge abzuschiessen, was in Berlin für Aufruhr sorgte. Das anschliessende «Duell der Diplomaten» endete in General Guisans Verbot von Luftkämpfen über der Schweiz.

Absturz ohne Zeugen

In den ersten Junitagen wurde die Grenze aber noch erbittert verteidigt – und auch die Schweizer Armee hatte Opfer zu beklagen. Das erste war Leutnant Rudolf Rickenbacher. Der 25-jährige Oberaargauer startete am 4. Juni 1940 um 15.35 Uhr mit seiner Messerschmitt 109 von Olten aus, um Kollegen im Luftkampf gegen deutsche Bomber bei Le Locle zu unterstützen. 3500 Meter über Saignelégier verlor ihn sein Patrouillenführer aus den Augen. Für das, was daraufhin geschah, gibt es keine Zeugen. Fest steht nur, dass Rickenbacher wenig später bei Boécourt abstürzte. Peter Brotschi, der sämtliche Flugunfälle der Schweizer Luftwaffe untersucht hat, schreibt in seinem Buch «Gebrochene Flügel», Rickenbachers Messerschmitt habe Feuer gefangen und der Pilot sei aus dem Cockpit geschleudert worden. Dabei habe sich der Fallschirm mit dem Flugzeug verhängt. Der Fliegerleutnant stürzte 2000 Meter im freien Fall zu Boden. Sein Flugzeug bohrte sich unmittelbar neben dem Friedhof tief in den weichen Grund.

Görings Blumenkranz

Herbert Rentsch, der das Schicksal Rudolf Rickenbachers im Jahrbuch des Oberaargaus nachgezeichnet hat, ist überzeugt, dass sich der Schweizer Pilot am Luftkampf beteiligt hatte. Rickenbachers Munitionsverbrauch sei der Beweis dafür. Ausserdem sei seine Messerschmitt beschossen worden. Davon bekamen die Zeitgenossen 1940 aber nichts mit. Bereits unter Zensur veröffentlichten die Zeitungen am Tag nach dem Vorfall nur eine kurze Meldung. Im «Bund» stand damals: «Im Luftkampf stürzte ein schweizerisches Flugzeug bei Boécourt in der Nähe von Glovelier ab. Der Pilot, Leutnant Rudolf Rickenbacher, geboren 1915, ist dabei im Dienst des Vaterlands ums Leben gekommen.»

Am 7. Juni 1940 wurden die Überreste von Rudolf Rickenbacher in Lotzwil bei Langenthal mit militärischen Ehren beerdigt. Auch der deutsche Reichsmarschall Hermann Göring soll einen Kranz gestiftet haben, wie dies in Fliegerkreisen damals offenbar üblich war. Wie erzählt wird, rissen empörte Lotzwiler diesen nach der Abdankung jedoch in Stücke. Fünf Jahre später stürzte auch Rudolf Rickenbachers Bruder Hans bei einem militärischen Übungsflug ab. Seine Beerdigung fand am Tag statt, als in Europa der Frieden verkündet wurde.

Trümmer erst 50 Jahre später ausgegraben

Die Trümmer von Rudolf Rickenbachers Messerschmitt 109 wurden übrigens erst etwa 50 Jahre später von einem unterdessen verstorbenen Sammler ausgegraben. «Wenn ein Flugzeug aus dieser Höhe abstürzt, findet man die schwersten Teile erst vier bis fünf Meter unter der Erde», sagt Werner Schmitter, der im sankt-gallischen Widnau ein Privatmuseum und die Spezialistenhomepage www.warbird.ch betreibt. Bei ihm sind heute auch die beiden Maschinengewehre zu sehen, aus denen Rudolf Rickenbacher auf die Deutschen gefeuert haben soll.

Aber eben, so ganz sicher ist das nicht, was die Feierlichkeiten gestern jedoch nicht trübte. Rickenbacher und seine Kollegen symbolisieren seit 70 Jahren den Widerstandswillen der Schweiz. «Aktivdienstveteranen erzählen mir immer wieder voller Stolz von ihren Leistungen», sagte Jürg Stüssi auf dem Chasseral. Und wenn die Politik heute Ueli Maurers sicherheitspolitischen Bericht diskutiert, dann halten insgeheim immer noch die Piloten von damals ein bisschen das Steuerhorn in der Hand. (Der Bund)

Erstellt: 03.06.2010, 10:03 Uhr

Rudolf Rickenbacher stürzte vor 70 Jahren über dem Jura ab. (Flieger Flab Museum)

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