Der patriotische Unschweizer

Bundesrat Philipp Etter, der Vater der Geistigen Landesverteidigung, war ein Mann mit gefährlichen Ideen. Ende dieses Jahres wird sein Nachlass öffentlich. Was wird er über den Minister und seine Zeit verraten?

Idyllisch: Bundesrat Philipp Etter im Jahre 1940 bei einem Spaziergang entlang der Aare.

Idyllisch: Bundesrat Philipp Etter im Jahre 1940 bei einem Spaziergang entlang der Aare. Bild: Keystone

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«... fordere ich das Schweizervolk auf, auch in dieser ernsten Stunde ruhiges Blut zu bewahren und den Massnahmen der Regierung unbedingtes Vertrauen entgegen zu bringen ...»

So vernahm es die Nation am 1. September 1939 vom Bundespräsidenten aus dem Radio, nachdem Hitler-Deutschland Polen überfallen hatte. Es wird ernst, aber vertraut uns – die Stimme am Radio hätte zur Botschaft nicht perfekter passen können: mit bebendem Pathos, zugleich knorrig wie eine sturmerprobte alte Eiche. Philipp Etter (1891–1977) klang bereits in jüngeren Jahren so, als wäre er schon immer da gewesen.

Einer ganzen Generation von Schweizerinnen und Schweizern war der Zuger mit dem kahlen Schädel und dem knochigen Kinn tatsächlich so präsent wie kaum ein anderer Politiker. Einerseits führte Etter als Vertreter der Katholisch-Konservativen (Vorgänger der CVP) das Eidgenössische Departement des Innern ein volles Vierteljahrhundert lang, von 1934 bis 1959. Kein Bundesrat, der ihm folgte, brachte es auf vergleichbar viele Amtsjahre.

Andererseits war «Etternel», der «Ewige» (so ein französischer Spottname in den 50er-Jahren), nicht nur «ein» Bundesrat: Als Kulturminister wurde er zum spirituellen Architekten jener Vorkriegsatmosphäre, die wir Geistige Landesverteidigung nennen. Als solcher wurde er lange Jahre und wird er teilweise auch heute noch verehrt. Zu den Ergebnissen seines Wirkens, welche die Zeit überdauert haben, gehören die Gründung der Kulturstiftung Pro Helvetia und die Erhebung des Rätoromanischen zur vierten Landessprache – Massnahmen im Dienste des nationalen Schulterschlusses.

Autoritäre Umbaupläne

Es gibt ein anderes, dunkleres Bild von Etter. Die jüngere historische Forschung zeigt uns einen Mann, der sich gedanklich gefährlich nahe an totalitären Abgründen bewegt.

Der strenggläubige Vater von zehn Kindern vereinigte scheinbare Gegensätze in sich: den Willen, die nationale Unabhängigkeit gegen benachbarte Diktaturen zu verteidigen – und eine Sehnsucht nach autoritären Strukturen, wie sie im Österreich der 30er-Jahre herrschten, gepaart mit einer tiefen Abscheu vor politischem und gesellschaftlichem Liberalismus.

Das eidgenössische Ideal sah Etter nicht im «dekadenten» Schweizer Bundesstaat von 1848, sondern in der vermeintlich gottgefälligen, hierarchischen Ständegesellschaft des ausgehenden Mittelalters verwirklicht. Im Weltbild des Ministers, der innerhalb der Schweizer Politik stets die «weichere Linie» (Edgar Bonjour) gegenüber der Nazi-Kriegspartei vertrat, fehlten auch antisemitische Elemente nicht. «Das Judentum hat zu viele zersetzende Kräfte ins deutsche Volkstum hineingetragen», schrieb er 1933, ein Jahr vor seiner Wahl zum Bundesrat, in den «Zuger Nachrichten».

Die Führung jener Zeitung hatte Etter 1912 mit nur 21 Jahren übernommen und in der Folge seine politische Laufbahn vorangetrieben. Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, gelang dem Rednertalent ein glänzender Aufstieg: 1918 Kantonsrat, 1922 Regierungsrat, 1930 Ständerat, vier Jahre später schliesslich das höchste Exekutivamt.

Dieses brachte ihn in eine vorteilhafte Position für die Verwirklichung seines politischen Lebenstraums: den radikalen Umbau der Schweiz. Und nie waren seine Bemühungen konkreter und intensiver als im Sommer 1940, nachdem Hitlers Kohorten über Frankreich triumphiert hatten. Damals arbeitete Etter auf eine Verfassungsrevision hin, welche die Kompetenz des Parlaments empfindlich beschnitten und der exekutiven Führung mehr Macht gebracht hätte. Die Journalisten wollte er, wie der Historiker Georg Kreis dargelegt hat, in ein sogenanntes Berufsregister zwingen und über ein Eidgenössisches Presseamt fernsteuern. Ohnehin sollte die Wirtschaft seinen Vorstellungen zufolge grundlegend neu strukturiert werden – zunftähnliche Berufskammern wären tragende institutionelle Säulen geworden.

Möglicherweise war Etter, der Vater der Geistigen Landesverteidigung, zeitweilig einer der gefährlichsten Männer des Landes.

Die Rolle des politischen Unschweizers ist im kollektiven Bewusstsein freilich seit langem vergeben, und zwar an Etters freisinnigen Bundesratskollegen Marcel Pilet-Golaz. Im Mittelpunkt steht dabei Pilets Radioansprache im Juni 1940, die «zweideutige Äusserungen über eine autoritäre Erneuerung der Demokratie» enthielt, wie das «Historische Lexikon der Schweiz» schreibt. Dass Etter die deutschsprachige Version der Rede verantwortete, ist weniger haften geblieben. Dabei gleicht schon Pilets Rede einer «etterschen Zitatensammlung», wie es der linke Zuger Historiker Josef Lang einst formulierte.

Tatsache ist, dass Pilet-Golaz im Lauf der Jahre immer stärker unter Druck geriet und 1944 schliesslich zurücktreten musste. Der dandyhaft-snobistisch auftretende Romand genoss in der Deutschschweiz ohnehin wenig Sympathie. Etter konnte sein Amt dagegen unbehelligt weiter ausüben. «Die Nachkriegszeit und überhaupt die Ära des Kalten Krieges waren geprägt vom Bestreben, das christliche Abendland gegen den Bolschewismus zu verteidigen. Da passte Etter gut hinein», sagt Historiker Kreis. «Es hat ihm aber vielleicht auch genützt, dass sich die biedere Schweiz in ihm besser erkannte als in Pilet.»

Der «heisse Sommer 1940»

Ein Termin, von dem die Forschung bislang noch kaum Kenntnis genommen hat, könnte die Debatte um Etter bald neu befeuern. Noch bis Ende dieses Jahres ist Etters Nachlass, der im Staatsarchiv Zug liegt, mit einer Sperre belegt. Ab 1. Januar 2014 jedoch sind die Dokumente öffentlich zugänglich. Um sie ranken sich einige Legenden: Der Journalist Niklaus Meienberg behauptete 1979 in der «Schweizer Illustrierten», Etter habe bei seiner Pensionierung «einen Lieferwagen voller Staatspapiere in seinen Wohnsitz abgeführt». Auch wenn die Wahrheit möglicherweise weniger spektakulär ist, geht der Zuger Staatsarchivar Ignaz Civelli doch von einem «spannenden Nachlass» aus. Es handle sich um mehrere Meter Unterlagen.

«Spannend ist schon die Frage, mit wem Etter in den Jahren um 1940 in brieflichem Kontakt stand», sagt Georg Kreis. «Das könnte zeigen, wer in ihm einen Hoffnungsträger sah – und weshalb.» Bereits bekannt ist dank dem Forscher Aram Mattioli zum Beispiel der lebhafte, freundschaftliche Austausch Etters mit dem Freiburger Rechtsintellektuellen Gonzague de Reynold (1880–1970), der national-autoritäre Erneuerungsideen propagierte. Der «heisse Sommer 1940» und Etters Rolle darin gehören auch für Mattioli zu brisanten Themen, nach denen der Bestand zu durchforsten wäre.

Mattioli selbst beantragte für seine Dissertation Anfang der 90er-Jahre Einblick in den Nachlass, was ihm Etters Erben aber verweigerten. (Ein Freiburger Lizenziand hatte kurz zuvor Teile durchsehen können.) Man traue der neueren Geschichtsschreibung nicht so ganz, wurde ihm damals beschieden. Aus einzelnen Briefen und Veröffentlichungen lasse sich leicht ein negatives Gesamtbild Philipp Etters erstellen, das diesem nicht gerecht werde.

Etters Freunde und Bewunderer ziehen das Bild des warmherzigen Patrioten vor, das in den späteren Amts- und Lebensjahren des Magistraten die öffentliche Wahrnehmung prägte. Die Fotografien, die ihn als gemütlichen Stumpenraucher oder beim Jass am Stammtisch zeigen, trugen das Ihre zu dieser Entwicklung bei. Der glühende Politreformator von ehedem war am Ende Profiteur seines eigenen Scheiterns.

Versagen des IKRK

Doch auch wenn die liberalen Elemente in der Schweiz die Oberhand behielten: Die problematischen Aspekte von Etters Denken blieben keineswegs folgenlos in der Realität.

So ist etwa die Rolle Etters im Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) eines jener Themen, zu denen laut dem Historiker Jakob Tanner neue Erkenntnisse besonders zu erhoffen wären. Im IKRK nahm Etter ab 1940 als Vertreter des Bundesrats Einsitz. Dass das Komitee kaum zugunsten der (jüdischen) Häftlinge in deutschen Konzentrationslagern intervenierte, wird wesentlich der durch Etter personifizierten Schweizer Regierung angelastet.

Was auch immer der Nachlass darüber Neues zutage fördern wird: Bundesrat Etters Geschichte ist in jedem Fall auch Schweizer Geschichte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2013, 07:25 Uhr

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