Die Kinder der gestohlenen Generation 

In Australien sind nicht nur die von 1910 bis 1970 aus ihren Familien gerissenen Aborigines traumatisiert.

Die Politik hat ihre Vorfahren traumatisiert: Junge Tänzerinnen warten auf ihren Einsatz am Aboriginal Dance Festival in der australischen Stadt Laura. Foto: Dave Hunt (Keystone)

Die Politik hat ihre Vorfahren traumatisiert: Junge Tänzerinnen warten auf ihren Einsatz am Aboriginal Dance Festival in der australischen Stadt Laura. Foto: Dave Hunt (Keystone)

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Manche Wunden verheilen ein Leben lang nicht. Oft bleiben sie sogar über gleich mehrere Generationen bestehen. Zu diesem ernüchternden Schluss muss man wohl kommen angesichts der jüngsten Auswertung des aus­tralischen Institute of Health and Welfare. Diese von der Regierung unterstützte Forschungseinrichtung hat den gesundheitlichen, aber auch den ­sozioökonomischen Zustand der «Stolen Generation» analysiert. Damit sind jene ­Kinder der indigenen Bevölkerung Australiens gemeint, die ­zwischen 1910 und 1970 von ihren Eltern ge­trennt und in Heime gesteckt oder von weissen australischen Familien zwangsadoptiert ­wurden.

Obwohl diese rassistische Poli­tiknun schon seit fast 50 Jahren vorbei ist, wirken die Folgen der gewaltsamen Trennungen bis heute fort. Schliesslich sind nicht nur die Opfer, die damals aus ihren Familien gerissen worden sind, häufig ihr Leben lang traumatisiert, gesundheitlich angeschlagen und sozial ­benachteiligt gewesen. Auch ihre Kinder ­tragen die Spuren des an ihren Eltern verübten Unrechts in vielfältiger Form in sich. Sie haben beispielsweise eine schlechtere Gesundheit und sind schulisch und wirtschaftlich weniger erfolgreich als die Kinder aus indigenen Familien, in denen niemand diese Gewalterfahrung machen musste.

«Das Trauma bleibt sehr ­lange bei den Menschen», sagt Richard Weston, der selbst zu einem indigenen Volk in Australien ­gehört und für die Healing Foundation arbeitet, die das historische Verbrechen aufarbeitet und den aktuellen Bericht mitherausgegeben hat.

Erheblich benachteiligt

In der 144-seitigen Analyse wurden die Gesundheit und der sozio­öko­nomische Status von 17000 damals von der Zwangstrennung Betroffenen sowie von mehr als 100000 indigenen Nachkommen ermittelt, in deren Familien mindestens ein Mitglied der «Stolen Generation» lebte. Dazu gehören nicht nur die Aborigines, ­sondern auch die Torres-Strait-Insulaner, die auf zahlreichen verstreut ­liegenden Inseln zwischen der Nord­spitze Australiens und Neuguinea leben und zumeist melanesischer Abstammung sind.

Die Nachteile in dieser ­Gruppe waren erheblich, wie der ­Vergleichmit rund 40000 indigenen Nach­­kommen zeigte, in deren Familien niemand von seinen Eltern getrennt worden war. Die Nachfahren der «Stolen Generation» waren demnach nicht nur öfter krank, sie fehlten auch häufiger in der Schule, fühlten sich häufiger ungerecht behandelt und schätzten ihre Gesundheit insgesamt als deutlich ­schlechter ein. Sie wurden öfter Opfer von Gewalt und Diskriminierung und landeten häufiger im Gefängnis. Zudem war ihre Ausbildung nicht so gut wie die der Probanden aus der Vergleichsgruppe, und sie beherrschten seltener eine Fremdsprache.

Früher Stress beeinträchtigt das Empfinden von Schmerzen und das ­Immunsystem.Karl Heinz Brisch, Bindungsforscher an der Paracelsus-Universität Salzburg

Fast doppelt so oft wie die Mitglieder der Vergleichsgruppe fühlten sich die Nachfahren der «Stolen Generation» im Alltag ge­stresst und überfordert. Zudem lebten deutlich weniger von ­ihnen in einem Haus, das einem ihrer Familienmitglieder gehörte. Auchnach anderen ­sozioökonomischen Kriterien schnitten sie weitaus schlechter ab.

«Die Ergebnisse der Erhebung zeigen, dass noch immer viele Menschen unter dieser Politik leiden», sagt die Soziologin Maggie Walter von der University of ­Tasmania in Hobart. Die Wissenschaftlerin befürchtet allerdings, dass die Analyse – trotz etlicher Stärken und genauer Befunde – den Blick zu sehr auf die gegenwärtigen Familien der Aborigines lenken könnte, in denen die Daten erhoben wurden. «Dabei ist es nicht deren Fehler, sondern Schuld hat die furchtbare Politik von damals», sagt Walter.

Zehn Jahre kürzere Leben­

«Heute geht es vielmehr darum, zu verstehen, unter welchen Um­­ständen diese Familien gelebt haben und teilweise noch leben», so Walter. Nicht nur die Traumatisierung, auch die Benachteiligung besteht mancherorts bis heute fort und lässt sich auch gegenwärtig in Australien noch beobachten.

Einige an der Studie ­beteiligte Wissenschaftler sind der Ansicht, dass die unterschiedliche Lebens­erwartung in Australien – sie liegt bei den Aborigines ungefähr zehn Jahre unter jener der weissen Bevölkerung – vor allem auf die rassistische Politik der Familientrennung und die daraus folgenden Traumatisierungen zurückgeht.

Beendet ist dieses unrühmliche Kapitel aber offenbar immer noch nicht. Zwar hat sich die Regierung Australiens 2008 bei den Mitgliedern der «Stolen Generation» offiziell entschuldigt, die heute etwa 13 Prozent der indigenen Bevölkerung ausmachen. Doch noch immer werden überproportional viele indigene Kinder aus ihren Familien geholt und in Heimen untergebracht.

Das Leiden setzt sich fort

Der Anteil der Kinder aus Aborigine-Familien und von den Torres-Strait-Insulanern beträgt in Australien insgesamt 5,5 Prozent. Ihr Anteil unter jenen ­Kindern, die in Heimen und anderen Institutionen ausserhalb ihrer Familie untergebracht sind, liegt jedoch bei erstaunlich ­hohen 36,9 Prozent.

Wie negativ sich die Zwangstrennung von Kindern und ihren Familien auf die körperliche wie seelische Gesundheit auswirken kann, zeigt sich immer wieder und scheint ein ­Reaktionsmuster unabhängig von Farbe und Geschlecht zu sein. «Mit dem Verlust der frühen Bindungsperson geht die emotionale Sicherheit verloren, und das führt zu enormem Stress», sagt Bindungsforscher Karl Heinz Brisch von der Paracelsus-Universität Salzburg. «Zudem ging den Zwangsadoptionen in Australien ja kein vorbereiteter Abschied voraus, sondern die Trennung erfolgte meist sehr abrupt.» Mit der Entfernung aus dem indigenen Volk ging auchder Verlust von Gesängen, ­Tänzen und anderen Ritualen einher, die Geborgenheit vermittelt hatten.

Die Weitergabe des Traumas über Generationen verwundert Brisch nicht. «Die Trennung unter Das solchen Schockbedingungen kann auch zu epigenetischen Veränderungen führen», sagt der Bindungsexperte, der lange am Haunerschen Kinderspital in ­München die Abteilung für Psychosomatik leitete. «Dann wird beispielsweise über Modulationen im Erbgut die Stressreaktion dauerhaft aktiviert, und das setzt sich in die nächsten Generationen fort.»

Langzeitfolgen in Rumänien

Im grossen Massstab wurden die Langzeitfolgen früher Traumatisierungen nach dem Sturz des rumänischen Diktators Nicolae Ceausescu 1989 deutlich. Der kommunistische Despot hatte bis zu 150000 rumänische Kinder in Heimen un­terbringen lassen. Sie passten nicht in das Konzept seiner Familienpolitik, weil sie ungewollt waren, geistig behindert oder in ihrer körperlichen Entwicklung eingeschränkt. In den überbelegten Heimen wurden dieKinder unter häufig erbärmlichen Umständen verwahrt, bekamen oftmals nicht ausreichend Nah­rungs­mittel und Flüssigkeit und vegetierten in ihren Exkrementen vor sich hin. Emotional wurden sie vollkommen vernachlässigt und erlebten kaum Zuwendung und menschliche Nähe. Vie­le von ihnen erstarrten oder führten die immer gleichen mo­notonen Bewegungen aus und blieben körperlich wie seelisch in ihrer Entwicklung ­zurück.

Auch noch Jahrzehnte später, nachdem etliche dieser Kinder längst von fürsorglichen ­Familien rund um den Globus adoptiert worden waren – falls ihre Eltern nicht mehr ausfindig gemacht werden konnten –, blieben sie ­anfälliger für Infektionen sowie ­andere Krankheiten und waren psychisch instabil. Die frühen Schädigungen waren dann zwar oft nicht mehr auf den ersten Blick zu erkennen. Die ­körperliche wie psychische Verletzbarkeit blieb aber offenbar und dauert manchmal ein Leben lang an.

«Frühe Stressoren beeinträchtigen das Immunsystem und das Schmerzempfinden, das ist mittlerweile klar bewiesen», sagt der Bindungsexperte Brisch. «Die An­fälligkeit für Infektionen und andere Leiden bleibt dann womöglich sehr lange bestehen.»

Während es zu den Langzeitfolgen für die ehemaligen Insassen von Ceausescus ­Kinderheimen eine Fülle an Fachliteratur gibt, findet gerade ein ähnlich grausames Experiment statt, dessen Langzeitschäden noch nicht dokumentiert, aber zu erahnen sind:Die Trennung von Familien an der Grenze zwischen Mexiko und den USA bringt Kinder in Notsituationen, die vermutlich etliche von ihnen traumatisiert ­zurücklassen werden. Die Bilder und Berichte, die von Angst, existenzieller Verlorenheit und Schrecken geprägt sind, sprechen für sich.

Was Kinder brauchen

Dabei ist eigentlich schon lange bekannt, dass Kinder das Gegenteil von solchen Horrorerfahrungen brauchen. Frühe Nähe, Zunei­gung und Verlässlichkeit sind das Beste, was man Kindern mitgeben kann, betonen Bindungsforscher wie Karl Heinz Brisch immer wieder: «Das ist die ­optimale Voraussetzung, um zuverlässige Bindungen aufbauen zu können und sich sowohl seelisch als auch körperlich gut zu entwickeln.»

Brisch erinnert sich an den rührenden Abschluss einer Konferenz in Neuseeland, die er vor Jahren besuchte und an der auch indigene Mitglieder des Landes teilnahmen. Im Gegensatz zu westlichen Experten waren sich die Indigenen schnell darüber einig, was Kinder für eine ­gesunde Entwicklung im Einklang mit der Natur brauchen: Caring, Sharing, Respect.

Erstellt: 12.08.2019, 13:13 Uhr

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