Small Talk

«Die Moral steht beim ‹Tatort› im Vordergrund»

Forscher Stefan Scherer hat den «Tatort» analysiert. Die TV-Serie vermittle Vertrauen in die bürgerliche Ordnung.

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Der «Tatort» läuft bereits seit 1970 am Fernsehen. Was ist das Erfolgsrezept der Krimiserie?
Die Sendung ist ein Ritual am Sonntagabend, appelliert an das Seriengedächtnis und bringt ein Stück Geborgenheit ins Wohnzimmer, weil die Ermittler und Handlungsorte jeweils vertraut sind. Als Zuschauer weiss man zudem, dass es am Schluss gut ausgeht. Alle Kapitalverbrechen werden in den 90 Minuten Sendezeit aufgeklärt. Das schafft Vertrauen. Die bürgerliche Ordnung wird durch staatliche Instanzen wiederhergestellt. Ein gutes Gefühl für den Abschluss des Wochenendes.

Ist ein Happy End zwingend?
Natürlich gibt es Ausnahmen. Zum Beispiel beim ersten Schweizer «Tatort» 1990, «Howalds Fall». Das war eine Formatverletzung, da der ermittelnde Kommissar des Inzests mit der Tochter überführt wurde und zum Schluss Suizid beging. Auf Dauer geht so etwas nicht, da es irritierend ist. Denn beim «Tatort» steht nicht nur der Mord, sondern vor allem die Moral des Guten und Richtigen im Vordergrund. Dennoch ist es ein offenes Format, das auch mal verkraftet, wenn es kein Happy End gibt und ein Täter nicht gefasst werden kann.

Von traumatisierten Afghanistan-Soldaten über Mütter mit Münchhausensyndrom bis zu Schlepperbanden aus Afrika kommt alles vor. Gibt es auch Tabuthemen?
Ja, etwa die Rote-Armee-Fraktion. Meiner Meinung nach trauen sich die Macher nicht vom linksextremistischen Terror zu erzählen, weil sie befürchten, dass zu viele Leute das zu wohlwollend betrachten. Anders ist dies bei Rechtsextremismus, der schon mehrmals als Thema vorkam. Hier sind die Positionen klarer, was gut und was böse ist.

Welcher ist Ihr Lieblings-«Tatort»?
Mir gefällt der «Tatort» mit Leitmayr und Batic in München am besten, weil er klar regional bezogen ist und mit vielen Genre-Bezügen arbeitet.

Und was ist mit den Quotenkönigen Thiel und Boerne aus Münster?
Ihr sarkastischer Humor und ihr ständiges Pointen-Feuerwerk kommen bei den Leuten an. Doch der «Tatort» vom vergangenen Sonntag, «Die chinesische Prinzessin», hat gezeigt, dass es auch etwas ernster geht. Das Münsteraner Duo hat nach wie vor die besten Einschaltquoten und liegt mit bis zu 12,8 Millionen sogar weit über der «Tagesschau».

Spricht der «Tatort» nur hartgesottene Fans an, die mit der Sendung langsam alt werden?
Nein, man denkt auch an die Jungen. Deshalb ist Til Schweiger nun auch Kommissar und eine neue Identitätsfigur. Interessant ist zudem die Mischung aus einem Einblick in die Privatsphäre der Ermittler, die mit der Rätselspannung rund um den Mordfall verknüpft wird. Der ist aber selten so brutal wie etwa in skandinavischen Krimis. Dennoch liefert der «Tatort» Gesprächsstoff für den Montag. Man kann ihn gut finden oder sich darüber aufregen, ähnlich wie beim Wetter. Deshalb sehe ich auch nach vierzig Jahren kein Ende des Erfolgs. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.10.2013, 12:26 Uhr

Stefan Scherer ist Germanist und Professor an der Uni Karlsruhe. Zusammen mit Kollegen hat er insgesamt 488 «Tatort»-Sendungen analysiert.

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