Die Revolution bin ich

Rücksichtsloser Machtmensch oder grosser Staatenlenker? Vor 250 Jahren wurde Napoleon Bonaparte geboren. Er hat viel mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron gemeinsam.

Napoleon auf dem Grossen St. Bernhard zwischen dem Wallis und Italien, gemalt von Jacques-Louis David. Foto: Keystone

Napoleon auf dem Grossen St. Bernhard zwischen dem Wallis und Italien, gemalt von Jacques-Louis David. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seine Kritiker sagen, er habe Hunderttausende Menschen aus Grössenwahn auf dem Gewissen. 250 Jahre nach seiner Geburt sind sich die Franzosen immer noch uneins über das Vermächtnis Napoleons. Denn viele sehen ihn nach wie vor positiv: Napoleon sei der Mann gewesen, der die Franzosen nach einer schiefgegangenen Revolution miteinander versöhnte, der Rechtssicherheit schuf und den Frieden mit der Kirche schloss.

Napoleon Bonaparte wurde 1769 in Ajaccio auf Korsika geboren. Wegen eines Streits zwischen korsischen Unabhängigkeitskämpfern und einem von Napoleons Brüdern musste die Familie Bonaparte von der Insel fliehen. Spätestens jetzt bewies Napoleon, wie anpassungsfähig er war.

Er konzentrierte sich auf seine Karriere bei der französischen Armee. Im Oktober 1795 liess Napoleon im Namen der Republik einen Aufmarsch der Royalisten in Paris niederschiessen. Zur Belohnung vertraute das Direktorium, die kurz danach eingesetzte französische Regierung, Bonaparte das Kommando über die französische Italienarmee an. Und so verfügte ein gerade einmal 26 Jahre junger General über eine Streitkraft von 40'000 Mann.

Er erwies sich als aussergewöhnlich talentiert, als Heerführer wie als Machtpolitiker. Seine Armee eilte in Italien von Sieg zu Sieg. Neben seinen Erfolgen auf dem Schlachtfeld handelte Bonaparte die Waffenstillstände aus, organisierte die Territorien neu und rief Republiken aus. Im aufgewühlten Frankreich wurde Napoleon Bonaparte schon damals bewundert: Man sah in ihm einen Retter, den vom Schicksal Auserwählten.

Retter der Nation

Der aktuelle französische Staatschef inszenierte sich anfangs auch gern als Retter der Nation. Doch Emmanuel Macron war kein Aussenseiter, wie Bonaparte es war. Während Bonaparte sich um seine jüngeren Geschwister kümmern musste, weil sein Vater früh starb, konnte Macron sich im selben Alter auf seine Schullaufbahn konzentrieren. Er spielte Klavier und Theater und lernte so seine spätere Frau, die 24 Jahre ältere Brigitte Trogneux, kennen. Bonaparte verliebte sich ebenfalls in eine (wenn auch nur sechs Jahre) ältere Frau, Joséphine de Beauharnais, die ihm zwar untreu war, ihm jedoch den Eintritt in die Pariser Gesellschaft ermöglichte.

Frankreich steckte seit Jahren in einem unaufhörlichen Bürgerkrieg. Allein in der Vendée, der kleinen Region am Atlantik, waren Hunderttausende Menschen getötet worden. Das Direktorium hatte abgewirtschaftet. Napoleon wollte dieses Land mit sich versöhnen.

Beide wussten das Momentum der Geschichte auf ihrer Seite.

Im November 1799 putschte sich Napoleon mithilfe seiner Verbündeten als Erster Konsul der Republik an die Staatsspitze. Sein Motto lautete: «Ni bonnet rouge ni talon rouge». Er war also weder auf der Seite der rote Mützen tragenden Sansculotten noch der Aristokraten. Napoleon war nicht links, nicht rechts. Er stand im «extremen Zentrum».

Es ist eine Formel, deren sich Macron quasi wortgleich bedient. Macron wird bisweilen ein bonapartistischer Führungsstil vorgeworfen: Er stehe über den Dingen und habe wenig Einfühlungsvermögen. Tatsächlich ist ein Vergleich zwischen den beiden Staatslenkern reizvoll. Sowohl Bonaparte als auch Macron wurden in jungen Jahren Staatsoberhäupter Frankreichs. Beide wollten ein marodes System beseitigen und beweisen, dass die Staatsspitze handlungsfähig war. Napoleon verkörperte eine Revolution, die bis dahin keinen Anführer hatte. Er selbst soll gesagt haben: «Die Revolution ist zu Ende. Ich bin die Revolution.» Emmanuel Macron wiederum erkannte besser als jeder andere, dass das französische Parteiensystem mit seinem betonierten Links-rechts-Schema am Ende war.

Macron als Revolutionär

Im Wahlkampf veröffentlichte Macron ein Buch, das einen passenden Titel trägt: «Révolution». Er profitierte davon, dass sich ein Konkurrent nach dem anderen aus dem Rennen nahm und er am Ende das einzige vernünftige Angebot gegen die rechtsextreme Marine Le Pen darstellte. Während Napoleon die Speerspitze einer Revolution war, klebte Macron aus dem Scherbenhaufen der Parteien ein schönes Muster zusammen und verkaufte dies als einen grossen Umbruch. Beide wussten das Momentum der Geschichte auf ihrer Seite.

Frankreich ist das Land der Symbole. Das Nationaltier, der Hahn, ist ein Symbol des Stolzes. Und wenn Frankreich das Land der Symbole ist, so ist Emmanuel Macron Professor der Symbolpolitik. Als er am Abend seiner Wahl musikalisch untermalt von Beethovens «Ode an die Freude» in den Innenhof des Louvre schritt. Oder als Donald Trump aus dem Pariser Klimavertrag ausschied und Macron auf Englisch die amerikanischen Wissenschaftler unter der Parole «Make our planet great again» nach Frankreich einlud. Frankreich will bis heute weltpolitisch eine wichtige Rolle spielen, weil es seine Grösse aus der Zeit des Kaisers Napoleon noch immer vor Augen hat.

Als Konsul hatte Napoleon noch versucht, Frieden mit Grossbritannien, Russland, Österreich und dem Osmanischen Reich zu schliessen. Doch diese hatten keinerlei Interesse an einer Revolutionsregierung in Frankreich. Sie wollten in dem Nachbarland wieder einen König einsetzen, weil sie sich davor fürchteten, dass auch ihre Völker aufbegehren würden. Frankreich musste sich gegen diese Koalition militärisch immer wieder zur Wehr setzen.

An der Spitze Europas

Napoleon hat selbst gesagt, dass seine Herrschaft ausschliesslich durch seine Erfolge auf dem Schlachtfeld legitimiert sei. Als Kaiser fing Napoleon erst so richtig mit seiner Eroberungspolitik an. Gegen Österreicher, Russen und Preussen erzielte er einen Erfolg nach dem anderen. Der glorreichste ist der Sieg in Austerlitz 1805.

Napoleon stand nach Austerlitz auf dem Gipfel seiner Macht und diktierte den Nachbarn Frieden zu seinen Konditionen. Das alte «Heilige Römische Reich deutscher Nation» samt Kaiserkrone war aufgelöst.

Ein Franzose an der Spitze Europas: Macron versucht gelegentlich, an diesen alten Traum anzuknüpfen. Erst kürzlich, als um die Spitzenposten in der Europäischen Union gerungen wurde, demonstrierte der Mann, was Durchsetzungsvermögen bedeutet. Die Idee, Ursula von der Leyen als Präsidentin der EU-Kommission zu installieren, kam aus Paris, nicht aus Berlin. Doch die Wahrheit traut man sich so offen nicht auszusprechen: Frankreich wird nie wieder die bedeutende Grösse auf der Weltbühne haben, die seinem Selbstverständnis entsprechen würde.

Napoleon selbst soll gesagt haben, dass die Geschichte darüber entscheiden werde, ob es für den Frieden nicht besser gewesen wäre, wenn er nie gelebt hätte.

Napoleon wurde auf dem Höhepunkt seiner Macht immer massloser, eroberte immer weitere Territorien in Norditalien, Spanien oder Portugal und schloss diese direkt an Frankreich an. Französische Soldaten besetzten Ländereien, pressten sie aus und mussten von den Einheimischen verpflegt werden, die ausserdem Steuern an Frankreich zahlten. So konnte Napoleon Steuererhöhungen vermeiden.

Da er es nicht über den Ärmelkanal nach Grossbritannien schaffte, versuchte Napoleon, mit einer Wirtschaftsblockade die Engländer auszuhungern. Frankreich konnte die Blockade aber nicht aufrechterhalten. Als herauskam, dass sich Russland nicht mehr an die Bedingungen hielt und den Handel wieder aufgenommen hatte, entschloss sich Napoleon zum Handeln. 1812 marschierte er nach Russland.

Da die Russen der militärischen Stärke der Grande Armée nicht gewachsen waren, zogen sie sich immer weiter zurück und setzten Teile von Moskau in Brand. Eine Verpflegung der Truppen war kaum mehr möglich. Für den Kaiser gab es nichts zu holen. Er sammelte seine Truppen und zog sich zurück, doch aus dem Rückzug wurde eine Flucht. Wegen des unglaublich kalten Winters sollen 300'000 Soldaten ihr Leben gelassen haben, darunter 8'000 zum Dienst gepresste Schweizer.

Die Unterworfenen erheben sich

Nun erhoben sich die Unterworfenen. Eine Koalition aus Russland, Preussen, Österreich und Schweden schlug die Armee des französischen Kaisers, die Alliierten setzten ihn ab und verbannten ihn 1814 auf die Insel Elba. Napoleons Ära schien vorbei zu sein. Doch wie es ein Sprichwort sagt, das auf Napoleon zurückgehen soll: «Unmöglich» ist kein französisches Wort.

Weil die wieder eingesetzte Monarchie unbeliebt war, kehrte Napoleon 1815 auf den Thron zurück, und er gab den Geläuterten. Er versprach den Franzosen mehr Freiheiten, liess die weisse Fahne der Monarchie abhängen und die revolutionäre Trikolore hissen. Aber die Mächte im Rest Europas akzeptierten keine französische Revolutionsregierung, schon gar nicht unter der Führung des Machtmenschen Napoleon. Also steuerten sie auf die entscheidende Schlacht beim belgischen Waterloo zu. Napoleon unterlag knapp, aber endgültig. Danach wurde er auf die Atlantikinsel St. Helena verbannt.

War er nun also ein blutrünstiges Monster, wie die Engländer sagten? Oder setzte man ihm, wie Napoleon selbst es ausdrückte, eine Dornenkrone auf? Fest steht, dass die Kriege mit französischer Beteiligung schon vor ihm anfingen und auch nach ihm weitergingen. War Napoleon also Getriebener oder Kriegstreiber? Er selbst soll einmal gesagt haben, dass die Geschichte darüber entscheiden werde, ob es für den Frieden nicht besser gewesen wäre, wenn er nie gelebt hätte.

Erstellt: 14.08.2019, 17:51 Uhr

Napoleon – der Schweiz-Macher?

Zum 250. Geburtstag des grossen Korsen wird Napoleon hierzulande auch als derjenige gefeiert, der «die moderne Schweiz» geschaffen habe. Nach der Eroberung der alten Eidgenossenschaft erliess Bonaparte eine Verfassung, die allen «Schweizerbürgern» die Rechtsgleichheit gewährte und die Niederlassungsfreiheit. Zudem wertete Napoleon bisher unterdrückte Untertanengebiete der Eidgenossen zu Kantonen auf.

Das allerdings waren eher Nebenaspekte der «Mediationsakte», die Napoleon persönlich im März 1803 in Paris den Abgesandten aus der Schweiz diktierte. Der Zürcher Rechtshistoriker Alfred Kölz (1944-2003) kommt in seiner Verfassungsgeschichte zu differenzierten Schlüssen: Hauptzweck des Dokuments war es, den Bürgerkrieg zwischen den alten Machtzirkeln und freiheitsliebenden Demokraten zu beenden. So schuf Napoleon einen verlässlichen Vasallenstaat. Religions- und Pressefreiheit, die vorher kurz bestanden hatten, wurden wieder abgeschafft. Folter und Todesstrafen konnten in mehreren Kantonen wieder eingeführt werden, das Grundeigentum war nicht geschützt. Es wäre verfehlt, schrieb Kölz, die Mediationsverfassung als Vorläuferin der Bundesverfassung von 1848 anzusehen. (ese)

Artikel zum Thema

Der General hat, was Macron will

Einst war Pierre de Villiers der höchste Offizier. Nun ist er so beliebt, dass er dem Präsidenten gefährlich wird. Mehr...

Beleidigungen, Rüpeleien, Irritationen

Der neue britische Premier Boris Johnson ist in seinen bisherigen Ämtern mit einigen verbalen Ausfällen aufgefallen. Mehr...

Wie die Toskana erfunden wurde

Wer die Toskana als Kulturdenkmal des Mittelalters feiert, ist Opfer einer Täuschung. Dieses Bild wurde von Nationalisten im 19. und Faschisten im 20. Jahrhundert geschaffen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Die grosse Vorbereitung: Eine Woche vor Beginn des eidgenössischen Schwing- und Älplerfests in Zug wird ein Schwingplatz mit Sägemehl ausgelegt. (16. August 2019)
(Bild: Alexandra Wey) Mehr...