Die Schweiz und ihre C-Waffen

Am 22. April vor 100 Jahren wurde der Giftgaskrieg bei Ypern schreckliche Realität. Im Zweiten Weltkrieg hatte auch die Schweiz ein C-Waffen-Programm. Bei Tests mit Nebelpetarden wurden Tausende Kühe vergiftet.

Urner Kühe gehörten zu den Leidtragenden der Schweizer Chemiewaffenexperimente: Alpaufzug auf dem Klausenpass im Juni 1945. Foto: Leonard von Matt (Fotostiftung Schweiz)

Urner Kühe gehörten zu den Leidtragenden der Schweizer Chemiewaffenexperimente: Alpaufzug auf dem Klausenpass im Juni 1945. Foto: Leonard von Matt (Fotostiftung Schweiz)

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Mitten im Zweiten Weltkrieg im Jahr 1943 erschien in der «Schweizer Illustrierten» eine bedrückende Bildreportage. Eine Kuh ragt ins Bild, dahinter taucht ein unbekannter Soldat aus einem dichten Rauchnebel auf. Knorrige Urner Bauern stehen in niedrigen, dunklen Ställen neben ihrem Vieh. Einer davon ist Ambros Arnold-Arnold aus dem Weiler Bittleten ob Bürglen im Schächental. Zusammen mit seiner Frau betrachtet er sein Fotoalbum, zeigt auf drei kranke Muneli und klagt: «Den schönsten Viehbestand im Urnerland nannte ich mein Eigen.» Doch dann: «Es war eine bittere Zeit, als nach und nach da ein Stück, dort ein Haupt unerklärlich abmagerte, tränte und nicht mehr frass.»

Die Reportage greift einen Teil des geheimen Chemiewaffenprogramms der Schweizer Armee auf. Die sogenannten Nebelkompagnien führten im Sommer 1940 in mehreren Kantonen grossflächige Übungen mit Rauchpetarden durch. Dabei wurden allein in den Urner Tälern zwölf Tonnen Nebelmischung mit Perchlor-Naphthalin-Rauchpetarden ver­schossen. Kurze Zeit später stellten die Bauern fest, dass ihr Vieh abmagerte und keine Milch mehr gab. Ein halbes Jahr nach den Übungen akzeptierte die Armee ihre Entschädigungspflicht und nahm den Bauern fast 14 000 Stück Vieh ab. Die meisten wurden notgeschlachtet.

Als die Ära der Chemiewaffen im Ersten Weltkrieg schreckliche Realität wurde, hatte die Schweizer Armee vorerst mit Gleichgültigkeit reagiert. Erst 1923 wurde an der ETH Zürich eine Gasstelle eingerichtet, um in erster Linie den Gasschutz zu erforschen. Zwei Jahre später wurde die der Kriegstechnischen Abteilung (KTA) der Armee unterstellte Gasstelle auf das Areal der Waffenfabrik Wimmis im Berner Oberland gezügelt, woraus das heutige Labor Spiez entstand. Nachdem 1937 die Genfer Abrüstungskonferenz, an der die chemischen Kampfstoffe international hätten geächtet werden sollen, endgültig für gescheitert erklärt worden war, gab Bundesrat Rudolf Minger, der damalige Vorsteher des Eidgenössischen Militärdepartements, den Anträgen der Armee nach und ordnete die Vorbereitung des Gaskrieges an. Unter höchster Geheimhaltung wurde nun die Produktion von C-Kampfstoffen in der Schweiz an die Hand genommen.

Das Schweizer Projekt entpuppte sich allerdings als eine unablässige Kette von Pleiten und Pannen. Bereits sechs Jahre nach Mingers Startschuss, noch mitten im Zweiten Weltkrieg, wurde das C-Waffen-Programm stillschweigend wieder beendet. 1997 brachte unter anderem der Historiker Peter Hug mehr Licht in das dunkle Kapitel, als er das Programm in seiner Studie über biologische und chemische Waffen in der Schweiz untersuchte. «Es gab in jedem Land Strömungen, die den totalen Krieg anstrebten, auch in der Schweizer Armee», sagt ­Peter Hug heute über die Gründe, wieso das Chemiewaffenprogramm überhaupt gestartet wurde.

Bau einer Versuchsanlage

Vor dem Zweiten Weltkrieg waren die Generäle von der Möglichkeit eines Gaskrieges überzeugt. Für die Herstellung kam eigentlich nur die chemische Industrie infrage. Die Kampfstoffe waren oft Nebenprodukte etwa bei der Farbenherstellung, sodass die Ausgangsstoffe keinen kriegsbedingten Handelshemmnissen unterworfen waren. Die Zusammenarbeit mit der Chemie hatte noch einen Vorteil: Wie der damalige KTA-Chef, Oberst Robert Fierz, 1939 aufzeigte, könne die chemische Industrie etwas schaffen, ohne dass man wisse, für welchen Zweck dies bestimmt ist.

Nach etlichen Diskussionen wurde eine Zusammenarbeit mit der Ciba vereinbart und der Standort Monthey im Unterwallis ausgewählt. Das Unternehmen schlug zuerst den Bau einer Versuchsanlage vor, in der täglich 200 Kilogramm Senfgas produziert werden konnten. Dieser Kampfstoff verursacht als Flüssigkeit Hautverätzungen und schädigt als Gas Augen und Atemwege. Die Ciba verpflichtete sich «zur strengsten Geheimhaltung». In Lattigen bei Wimmis und in Erstfeld baute die Armee Lagerstätten und Abfüllanlagen. Wenn die Kampfstoffe bereit waren, sollten sie mit Minenwerfern, Artilleriegeschossen und anderer Munition verwendet werden.

Schon 1937 beschloss die Armeeführung die Einführung von Spezialtruppen für den passiven und aktiven Gasdienst. Da auch das Tarnen mit Nebel zu ihren Aufgaben gehörte, wurden sie Nebeltruppen genannt. Jedes Korps erhielt eine Nebelkompagnie mit 200 Mann beigestellt, die mit Rauchnebelgranaten ausgerüstet wurden. Die Übungen mit den Granaten, die im Sommer 1940 im Kanton Uri zu den Viehvergiftungen führten, hatten auch den Zweck, die wahre Bestimmung der Nebeltruppen zu verschleiern, nämlich den Einsatz der C-Kampfstoffe.

Trotz Rückschlägen bei den Nebelübungen liess sich General Guisan vom Ziel einer schlagkräftigen Gastruppe nicht abbringen. Die Übungen sollten sogar auf das weitaus gefährlichere Senfgas ausgeweitet werden. Im Oktober 1940 wurden die ersten 35 Tonnen von Monthey nach Lattigen transportiert. Doch das in drei eigens produzierten Bahnzisternenwagen und bleiverkleideten Eisenfässern gelieferte Senfgas enthielt grosse Mengen an Salzsäure und Schwefel, was zu Korrosionen an den ­Behältern führte. Die Probleme beim Transport und der Lagerung bekamen die Armeeingenieure nie wirklich in den Griff. Am schlimmsten traf es die Arbeiter des Ciba-Werks in Monthey. 1940 und 1941 hatten über 50 Arbeiter schwere Senfgas-Verbrennungen an Augen, Händen und Armen, sodass sie im Durchschnitt mehr als einen Monat der Arbeit fernbleiben mussten. Sechs Arbeiter konnten nicht mehr zurückkehren. Auch in der SBB-Werkstätte in Biel, wo die eigens gebauten Gasgift-Zisternenwagen revidiert wurden, gab es Zwischenfälle.

Bis März 1942 hatte die Ciba 92 Tonnen Senfgas ausgeliefert. Es waren nun genügend Mengen vorhanden, um Übungen im Feld durchzuführen. Das Kommando befahl den Truppen, «während dreier Tage intensiv mit den Kampfstoffen zu arbeiten». Die Soldaten übten das Anziehen der Schutzanzüge, das Fassen des Giftgases, das gleichmässige Versprühen bis zum Ausziehen der Anzüge und deren Entgiftung. Doch auch bei diesen Übungen kam es aufgrund schlechten Materials bei der Ausrüstung der Soldaten zu Unfällen: Blasen, Chlorverbrennungen und Verätzungen an Händen, ­Armen und Beinen waren die Folge. Die zunehmenden Probleme sorgten auch auf Kommandoebene für Unmut.

300 Tonnen Senfgas vernichtet

Anfang 1943 verfasste der Chemiker Fritz Küenzy, der die Leitung der Sektion Gasdienst übernommen hatte, einen zehnseitigen Bericht und kam zu einem vernichtenden Urteil über das C-Waffen-Programm. Insgesamt hatte das Gasprogramm schon 6 Millionen Franken gekostet, weitere 9 Millionen waren für die Produktion, den Bau weiterer Abfüllanlagen und Lagerstätten und den Einsatz schon bewilligt. Der militärische Nutzen stehe in keinem Verhältnis zum riesigen Aufwand. Küenzy erachtete die Herstellung der Kampfstoffe als problematisch, da deren «Bereitstellung ungeheure Gefahren, ja eventuell nicht übersehbare Katastrophen in sich berge».

Im März 1943 brach General Guisan das Programm ab. Die tatsächlich produzierten und abgelieferten 300 Tonnen Senfgas wurden bis 1949 in einem eigens gebauten Verbrennungsofen auf dem Gelände der Munitionsfabrik Altdorf verbrannt. Circa zwei bis drei Tonnen Röhrenmaterial der abgebrochenen Produktionsanlage wurden zudem an der tiefsten Stelle des Urnersees zwischen Bauen und Sisikon versenkt.

Laut Peter Hug war das Projekt schlicht zu gross für die Schweiz. «Die wissenschaftlichen, wirtschaftlichen und militärischen Kräfte sind in der Schweiz viel zu föderalistisch und kleingeteilt organisiert», sagt Hug. «Die für ein solches Projekt notwendige Bündelung der Kräfte wurde nie erreicht.» Nur ein kleiner Kreis interessierter Personen vor allem aus der Armee sei involviert gewesen. Das habe zu teils amateurhaften Fehlern und schliesslich zum Scheitern geführt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2015, 23:23 Uhr

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