Analyse

Die Welt geht nur im Kopf unter

Am 21. Dezember läuft der Maya-Kalender aus. Apokalyptiker und Esoteriker prophezeien den Weltuntergang. Unser Autor – er hat soeben ein Buch zum Thema verfasst – wettet dagegen.

Fasziniert die Menschheit seit je: Die Apokalypse. Sie liefert auch einen schier unerschöpflichen Stoff für spektakuläre Filme (im Bild: Ausschnitt aus «2012»).

Fasziniert die Menschheit seit je: Die Apokalypse. Sie liefert auch einen schier unerschöpflichen Stoff für spektakuläre Filme (im Bild: Ausschnitt aus «2012»). Bild: PD / Sony Pictures

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Das Wort Apokalypse hat einen besonderen Klang. Es löst Assoziationen aus, man erinnert sich an schaurige Szenen aus der Bibel, Untergangsbilder und Endzeitfilme. Sie alle haben sich tief in unser Unterbewusstes gebrannt.

Zu diesen Vorstellungen kommen die realen Nachrichten von Naturkatastrophen und Kriegen hinzu. Auch sie sind Sinnbilder für den Weltuntergang, wie er uns in der Johannes-Offenbarung drastisch prophezeit wird.

Bisherige Prophezeiungen sind ausgeblieben

Dass uns apokalyptische Szenarien gleichzeitig erschaudern und faszinieren, hat aber auch damit zu tun, dass die Endzeit täglich stattfindet – sie ist unser Begleiter. Krankheiten, Unfälle, psychische Einbrüche und der Tod eines nahen Menschen lösen Urängste aus. Der eigene Tod ist die totale Apokalypse.

Kein Wunder also wecken Endzeitszenarien breites Interesse. Ihren Propheten ist ein stattliches Publikum gewiss – so auch in diesem Jahr: Nachdem der Welt vor rund 12 Jahren trotz entsprechender Prophezeiungen (Sonnenfinsternis am 11. August 1999, Bedrohung durch die nukleare Saturnsonde Cassini, Jahrtausendwende) die Apokalypse erspart geblieben war, annonciert in diesem Jahr der Maya-Kalender das Ende. Der Kalender läuft am 21. Dezember aus.

Maya-Kalender elektrisiert Esoteriker und Akopalyptiker

«2012 geht unsere schöne Welt endgültig unter. Jedes Leben wird ausgelöscht.» Mit dramatischer Stimme verkündet der Sprecher im Video «Weltuntergang 21. 12. 2012. Der Maya-Kalender» das Ende der Zeit. Sogar die Nasa erforsche dieses Szenario, verheimliche aber die Ergebnisse, wird behauptet.

Hunderttausende haben sich das Video auf dem Internet angesehen. Auch Hollywood hat die Brisanz des Themas früh erkannt und 2009 einen monumentalen Untergangsfilm mit dem schlichten Titel «2012» in die Kinos gebracht. Mit Erfolg: Der Thriller von Starregisseur Roland Emmerich spielte in wenigen Wochen hunderte Millionen Dollar ein.

Was aber hat nun der Maya-Kalender mit der drohenden Endzeit zu tun? Das indigene Volk aus Zentralamerika kannte rund 20 verschiedene Kalender. Der für die Zeitmessung wichtigste läuft am 21. Dezember 2012 aus. Das Datum elektrisiert esoterische und apokalyptische Kreise. Sie verehren die Maya-Priester als Seher und spirituelle Meister. Das Maya-Volk lebte von ungefähr 3000 vor bis 900 nach Christus vorwiegend in Guatemala, Mexiko und Belize und war mit mathematischen und astronomischen Phänomenen vertraut.

Bolon Yokte steigt vom Himmel

Um die Maya ranken sich seit je Mythen und Legenden. Als die spanischen Eroberer im 16. Jahrhundert durch die Urwälder der Halbinsel Yucatán streiften, stiessen sie auf mächtige Pyramiden, verfallene Paläste, Tempel und überwucherte Ritualplätze. Dabei entdeckten sie Bücher und auf Steinplatten gravierte Inschriften, deren Bildsprache sie nicht verstanden.

Die Konquistadoren und später die Missionare zerstörten die meisten schriftlichen Zeugnisse der «Heiden». Übrig blieben lediglich 4 Bilderhandschriften, sogenannte Codizes, aus Feigenbaumrinde mit nicht einmal 200 Seiten. Die rudimentäre Quellenlage sowie der Status der Maya als sagenhafte und gleichzeitig sehr kundige Kultur lassen erstens viel Raum für Spekulationen – und machen die Maya zweitens zur Projektionsfläche für esoterische Sehnsüchte aller Art.

Für die Endzeittheoretiker ist es neben dem auslaufenden Kalender insbesondere eine stark verwitterte Inschrift aus Tortuguero in Mexiko, auf die sie sich stützen. Die Inschrift, Monument Six genannt, wurde vor rund 50 Jahren beim Bau einer Autobahn gefunden. Sie erwähnt das Jahr 2012. Und sie enthält den Satz: «Er wird vom Himmel heruntersteigen.» Da die Hieroglypheninschrift an anderer Stelle den Gott Bolon Yokte erwähnt, kombinieren die Apokalyptiker, dass Bolon Yokte am 21. Dezember auf die Erde herabsteigen wird.

Gleichzeitig zeigt ein Bild in einem der Maya-Bücher ein Monster, das Wasser auf die Erde speit. Das passt: Ein vom Himmel steigender Gott und eine Sintflut sind die Mutter aller apokalyptischen Metaphern. Obwohl die Daten- und Quellenlage dürftig ist, besteht für die Endzeittheoretiker kein Zweifel, dass die Maya das Ende der Zeit vorausgesagt haben. In Anbetracht ihrer seherischen Gaben hätten die Prophezeiungen der Maya eine andere Qualität als vergangene Weltuntergangszenarien.

Willkürliches Datum

Doch deutet der auslaufende Maya-Kalender tatsächlich auf das Weltende hin? Der mexikanische Archäologe Guillermo Bernal erteilt den Apokalyptikern eine Absage: «Die Apokalypse ist ein sehr westliches, christliches Konzept, das auf die Maya projiziert wird.» Auch Maya-Experte David Stuart von der Universität von Texas bestätigt: «Die Maya sprachen nie davon, dass die Welt zu Ende gehen würde, sie sagten nie, dass notwendigerweise irgendetwas Schlimmes geschehen würde. Sie halten auf Monument Six lediglich diesen künftigen Jahrestag fest.» Ethnologen und Archäologen sind einhellig der Meinung, dass die Maya keine Endzeitvorstellungen hatten.

Der 21. Dezember 2012 hatte für die Maya keine besondere spirituelle Bedeutung. Ursprünglich wollten sie den Anfang der Zeit festlegen und rechneten Milliarden von Jahre zurück. Erfolglos mussten sie das Unterfangen aufgeben. Deshalb legten sie den Beginn ihrer Zeitrechnung willkürlich fest und definierten Epochen von rund 400 Jahren. Der jüngste Zyklus läuft am 21. Dezember aus. Danach beginnt eine neue Epoche.

«Wir haben derzeit richtige Sorgen, zum Beispiel fehlender Regen.»

Den Vorgang kennen wir aus unserem eigenen, gregorianischen Kalender: 1999/2000 ging die Welt trotz apokalyptischen Prophezeiungen nicht unter; es begann lediglich ein neues Jahrtausend. Was die Endzeitprognostiker auch übersehen: Der Gott Bolon Yokte, der vom Himmel steigen soll, ist nicht nur der Zerstörer; er ist auch der Gott der Schöpfung.

Auffällig ist weiter, dass die Nachfahren der Maya, die heute nach dem gregorianischen Kalender leben, kaum Interesse am ominösen Datum vom 21. Dezember haben. Die meisten leben in ärmlichen Verhältnissen und wissen wenig von ihren Urahnen. José Huchim, Archäologe aus Yucatán, sagt, die Maya-Nachfahren würden den Kopf schütteln, wenn er ihnen von den Endzeit-Spekulationen in der westlichen Welt berichte: «Wir haben derzeit richtige Sorgen, zum Beispiel fehlender Regen.»

Zentrum der Milchstrasse

Bleibt die Frage, was es mit den kosmischen Endzeitzeichen auf sich hat, die sich im Dezember am Himmel abzeichnen sollen. Das Untergangsszenario der Apokalyptiker besagt, dass Planet Nibiru, auch Planet X genannt, Ende Jahr die Erde tangieren und eine apokalyptische Katastrophe anrichten soll. Nibiru lasse die Erdachse kippen und bewirke einen Polsprung, wird in vielen Büchern und Internetplattformen behauptet. Ausserdem würden Flutwellen weite Küstenstriche ausradieren und bis ins Schweizer Mittelland vordringen. Prophezeit werden auch Erdbeben der Stärke 15 auf der Richterskala, die viele Städte dem Erdboden gleichmachten, sowie eine Wolke aus vulkanischem Staub, die den Himmel für Jahrzehnte verdunkle.

Die Katastrophen raffen laut Nancy Lieder 95 Prozent der Menschheit dahin. Die amerikanische Esoterikerin ist die Wortführerin beim Thema Maya-Kalender. Die restlichen fünf Prozent würden sich durch kannibalische Attacken das nachapokalyptische Leben noch schwerer machen.

Heftige Sonnenstürme prophezeit

Behauptet wird überdies, die Achse Sonne-Erde zeige am 21. Dezember 2012 genau ins Zentrum der Milchstrasse, was sich nur alle 25'800 Jahre ereigne. Astronomen widersprechen dieser Aussage einhellig. Ausserdem stellt sich die Frage: Was soll eine solche Konstellation mit der Endzeit zu tun haben?

Weiter prophezeien Esoteriker zum Ende dieses Jahres Sonnenstürme mit katastrophalen Auswirkungen. Das Phänomen der Sonnenstürme ist zwar bekannt und ereignet sich regelmässig, doch kann es laut Experten das Leben auf der Erde nicht gefährden.

Bald ein neues Endzeitdatum?

Am 22. Dezember wird sich die Erde mit all ihren Bewohnern so drehen, wie sie sich bereits am 21. und am 20. und am 19. gedreht hat: so wie immer. Zurückbleiben werden viele Medienberichte und ein metaphysisches Gruseln ihrer Konsumenten. Sowie die Aussicht, dass Apokalyptiker und Seher bestimmt bald nach einem neuen Endzeitdatum Ausschau halten werden.

Eines besteht bereits, geschaffen von jenen Archäologen, die behaupten, bei der Abgleichung des Maya-Kalenders mit unserer Zeitrechnung habe sich ein Fehler eingeschlichen. In Wirklichkeit laufe der Maya-Kalender erst in 200 Jahren aus.

Erstellt: 30.05.2012, 08:18 Uhr

Der Autor

TA-Redaktor Hugo Stamm, 63, beschäftigt sich seit den 70er-Jahren mit neureligiösen Bewegungen, Sekten, Esoterik, Okkultismus und Scharlatanen. Er hat bereits mehrere Bücher zu diesem Thema verfasst. (Bild: PD)

Das Buch

In diesen Tagen erscheint «Im Bann des Maya-Kalenders – Endzeithysterie in Sekten und Esoterik». Der Artikel rechts stützt sich auf die Recherchen zu diesem Buch. Letzteres thematisiert aber nicht nur die Endzeitideen rund um den Maya-Kalender und die Spekulationen esoterischer und apokalyptischer Kreise. Überdies werden im Buch Endzeitgruppen porträtiert, die apokalyptische Ereignisse prophezeit oder gar inszeniert hatten. Dazu gehören die Volkstempler-Sekte des amerikanischen Pastors Jim Jones (über 900 Tote), die japanische Aum-Sekte von Shoko Asahara (12 Tote, über 1000 Verletzte) oder die Sonnentempler des Gurus Jo Di Mambro 74 Tote).

Hugo Stamm, «Im Bann des Maya-Kalenders», Gütersloher Verlagshaus, 269 Seiten, ISBN 978-3-579-06674-5.

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