Die abgetauchte Ur-Amerikanerin

Im Untergrund Yucatáns fanden Forscher ein Skelett eines Mädchens aus der Steinzeit vor mehr als 12'000 Jahren. Der Fossilfund weist darauf hin, dass die ersten Siedler Amerikas über die Beringstrasse einwanderten.

Alberto Nava und seine mexikanische Kollegin untersuchen vorsichtig den Schädel von Naia, der auf dem Grund der Höhle in 40 Meter Tiefe lag. Foto: National Geographic

Alberto Nava und seine mexikanische Kollegin untersuchen vorsichtig den Schädel von Naia, der auf dem Grund der Höhle in 40 Meter Tiefe lag. Foto: National Geographic

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Mitten im Dschungel der Halbinsel Yucatán entdeckte der kalifornische Taucher Alberto Nava vor ein paar Jahren eine unterirdische, vollständig mit Wasser gefüllte Höhle. Gemeinsam mit zwei mexikanischen Kollegen stieg er damals in das schwarze Loch im Karstgestein und schwamm einen Kilometer durch einen Tunnel, bis er auf eine rund 60 Meter grosse Kammer stiess, in der am Boden zwischen den Gesteinen jede Menge fossile Knochen lagen.

Wie die Zeitschrift «Science» in ihrer aktuellen Ausgabe berichtet, hat ein internationales Team aus Tauchern, Archäologen und Paläontologen an diesem geheimnisvollen Ort, rund 40 Meter unter dem Meeresspiegel, nun einen besonders spektakulären Fund gemacht. Sie haben eines der ältesten und gleichzeitig vollständigsten Skelette eines Menschen in Nordamerika gefunden. Es stammt von einem etwa 15-jährigen Mädchen aus der Spätzeit des Pleistozäns vor mehr als 12 000 Jahren.

Das Besondere an dem Fund ist, dass ein Zahn noch intakte DNA enthielt. Somit ist es erstmals gelungen, mithilfe von genetischen Analysen nachzuweisen, dass die ersten Bewohner der Neuen Welt tatsächlich Gemeinsamkeiten mit den heutigen Populationen amerikanischer Ureinwohner aufweisen. «Dass sich die DNA über die Jahrtausende dort unten tatsächlich hielt, ist grosses Glück», sagt Wolfgang Stinnesbeck von der Universität Heidelberg, der die Höhle gut kennt und seit Jahren in diesem Gebiet mit einer anderen Gruppe von mexikanischen Unterwasserarchäologen forscht.

Labyrinth unterm Urwald

Die Gegend sei eines der grössten Höhlensysteme der Welt und ein aussergewöhnliches Fossilarchiv, sagt Stinnesbeck. So habe sein Team dort bereits acht sehr gut erhaltene Skelette von prähistorischen Menschen entdeckt, die ebenfalls aus dieser Zeitepoche kämen. Bis vor ein paar Jahren hatte man noch gedacht, dass man im Regenwald auf der Halbinsel Yucatán eigentlich gar keine Fossilien entdecken könne, weil die im Boden vorhandene Huminsäure die Knochen schnell zersetzt. Umso faszinierender sei es, so Stinnesbeck, was man ein Stockwerk tiefer jetzt alles finde.

Das aus der Steinzeit stammende Mädchen tauften die Forscher Naia, was auf Griechisch Wassernymphe bedeutet. Der neue Fossilfund ist ein weiterer ­Puzzlestein für die Theorie, dass die ersten Siedler vor etwa 15 000 Jahren damit begannen, vom Norden Asiens aus über die Beringstrasse nach Nordamerika ins heutige Alaska einzuwandern und von dort dann südwärts zogen. Bisher zweifelten einige Experten daran, weil die Schädelform der in Nordamerika gefundenen Paläomenschen sich zu stark von den heute dort lebenden Ureinwohnern unterscheidet.

Rätseln über die Herkunft

Die aktuelle Studie liefert jetzt jedoch einen weiteren Hinweis, dass die frühsten Bewohner der Neuen Welt die direkten Vorfahren der heutigen Population amerikanischer Ureinwohner sind und sich die anatomischen Unterschiede erst im Laufe der Zeit dort entwickelt haben müssen. Somit widerspricht die Studie in «Science» anderen bisher diskutierten Theorien, dass die ersten Amerikaner vielleicht aus einer ganz anderen asiatischen Population etwa aus Indien, Südchina oder Vietnam beziehungsweise sogar aus Europa gekommen sein könnten.

Allerdings melden sich in «Science» auch kritische Stimmen zu Wort. Demnach ist die Anthropologin Jennifer Raff zwar von der Bering-Theorie überzeugt. Doch gibt sie zu bedenken, dass das «Naia-Team» bisher nur einen genetischen Marker, die sogenannte mtDNA Haplogruppe D1, untersucht habe. Und der Forscher Tom Dillehay betont, dass das Skelett zwar «cool» sei, doch die Wissenschaftler mit ihrer Studie kein Neuland betreten würden, sondern Bisheriges eher bestätigen. Dennoch sei der Fund von Naia etwas Besonderes, sagt Stinnesbeck, da sich an dem Skelett noch geringe Mengen an intakter DNA finden liessen. Und zwar genug für eine genetische Analyse. Er habe vor ein paar Tagen leider die schlechte Nachricht ­erhalten, dass die von ihnen in derselben Gegend gefundenen Skelette keine brauchbare DNA mehr aufweisen würden. Dies ist auch nicht verwunderlich, da die Knochen schon so lang dort unten liegen. Überflutet wurde das riesige Höhlensystem über Jahrtausende hinweg mit dem Ende der letzten Eiszeit vor etwa 11 000 Jahren, als die Temperaturen weltweit stiegen und die Gletscher grossflächig abtauten. Das Steinzeitmädchen Naia fiel somit schon vor dieser Zeit in eine schlecht sichtbare Doline und starb dort. Auch viele Tiere plumpsten in solche natürlichen Fallen und wurden Opfer des löchrigen Untergrunds.

Die prähistorische Tierwelt war damals völlig anders als heute, wie Fossilfunde belegen. So lebten dort eiszeitliche Rüsseltiere, Säbelzahnkatzen, Kamele oder Riesengürteltiere, die mit dem Ende der letzten Eiszeit auf dem amerikanischen Kontinent verschwunden sind. «Diese Woche werden wir ein sehr schönes, mehr als zwei Meter langes Riesenfaultier aus einer der Höhlen bergen», schwärmt Stinnesbeck.

Der Untergrund Yucatáns ist ein Tor in die Unterwelt und ermöglicht zugleich eine Reise in die Vergangenheit. Im Schein von starken Taschenlampen, mit speziellen Tauchcomputern und Führungsleinen dringen die Unterwasserarchäologen weit in das Labyrinth aus Tunneln und Kammern vor. «Dort unten sind sie ganz auf sich gestellt», sagt Stinnesbeck. Eine Kommunikation zur Aussenwelt sei in diesen Tiefen nicht mehr möglich. Wenn er oben am Höhleneingang im Urwald warte, sei er immer froh, die ersten aufsteigenden Luftbläschen zu sehen. Denn dann wisse er, dass sie auf ihrem Weg zurück seien.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.05.2014, 02:34 Uhr

Unterwasserarchäologie Teil 1 (National Geographic /NOVA)

Unterwasserarchäologie Teil 2 (National Geographic /NOVA)

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