Rezension

Die dramatischsten Umbrüche in der Geschichte der Menschheit

Auf 500 Seiten versucht der Historiker Yuval Harari die gesamte Geschichte der Menscheit zu erzählen. Selbst für einen Ausblick in die Zukunft hat er Platz gefunden.

Die Geschichte der Menschheit im Schnelldurchlauf erzählen: Diesen Versuch wagt der Historiker Yuval Harari.

Die Geschichte der Menschheit im Schnelldurchlauf erzählen: Diesen Versuch wagt der Historiker Yuval Harari. Bild: Wikipedia

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Der Titel «Eine kurze Geschichte der Menschheit» klingt unfreiwillig komisch. Allein Bücher, die sich mit dem Dreissigjährigen Krieg oder der Oktoberrevolution beschäftigen, umfassen Tausende von Seiten. Wie soll sich da die Geschichte der gesamten Menschheit «kurz» erzählen lassen? Aber Yuval Harari meint das durchaus ernst. Er setzt eigene Akzente, überrascht mit ungewöhnlichen Sichtweisen – und einem Buch, das auf angenehme Weise Geschichte nicht aus dem eurozentrischem Blickwinkel erzählt.

Seine «Menschheitsgeschichte» ist ein mehr als 500 Seiten dicker Wälzer und buchstäblich ein Werk von Gewicht. Der 1976 geborene Professor für Geschichte an der Hebrew University in Jerusalem ist ein glänzender Erzähler, der nicht langweilt, sich nicht in Details verliert, sich nicht in der Interpretation von Quellen verzettelt und keine Datenkolonnen aneinanderreiht.

Harari, der in Oxford promoviert hat, verabschiedet sich von klassischer Ereignis- und Personengeschichte. Anders wäre es kaum möglich, einen Bogen von der Altsteinzeit bis zum Atomzeitalter zu spannen. Er konzentriert sich auf grosse Umbruchphasen, die Revolutionen der Menschheitsgeschichte – die Französische oder die Oktoberrevolution sind in dem Zusammenhang von untergeordneter Bedeutung.

Kognitive Revolution

Beschrieben wird zunächst die sogenannte kognitive Revolution des Homo sapiens vor rund 70 000 Jahren. Beschrieben wird, wie der Mensch lernte, hochseetaugliche Boote zu bauen, mit Pfeil und Bogen zu jagen, Höhlenwände kunstvoll zu bemalen. Und der Grund für diesen Quantensprung? Reiner Zufall, argumentiert Yuval Harari: Genmutationen, die dem Homo sapiens ermöglichen, komplexe Sprache zu entwickeln und durch den Vorteil der Kommunikation seinen weltweiten Siegeszug anzutreten.

Die landwirtschaftliche Revolution vor rund 10'000 Jahren, mit der der Homo sapiens sesshaft wurde, sieht Harari anders als viele Historiker nicht als grossen kulturellen Schritt nach vorn: Die Vorstellung, damit sei ein entbehrungsreiches und gefährliches Leben als Jäger und Sammler vorbei gewesen, hält er für ein Ammenmärchen. Der Alltag der frühen Bauern sei im Gegenteil zunächst härter und weniger befriedigend gewesen als der ihrer Vorfahren. Im Durchschnitt mussten sie mehr arbeiten und waren schlechter ernährt, argumentiert er.

Ausblick auf die Zukunft

Neben den Umbrüchen, die die Erfindung des Geldes und die Entstehung von Grossreichen mit sich brachten, widmet sich Harari ausgiebig der wissenschaftlichen Revolution, die das Leben auf der Erde in den letzten 500 Jahren nachhaltig verändert hat. Und das gilt nicht nur in technologischer Hinsicht: Auch die Eroberung des amerikanischen Kontinents, die weltweite Dominanz der Europäer bis ins 20. Jahrhundert, die industrielle Revolution oder die Mondlandung seien Konsequenzen daraus.

Yuval Hararis Buch endet mit einem Ausblick auf die Zukunft von Homo sapiens. Solche Prognosen sind nicht gerade die Aufgabe von Historikern. Und streng wissenschaftlich ist es auch nicht, etwa wenn spekuliert wird, welche Folgen die Rekonstruktion des Neandertaler-Erbguts oder Cyborg-Technik haben könnte. Spannend zu lesen aber ist es auf jeden Fall.

Erstellt: 31.01.2014, 10:20 Uhr

Yuval Noah Harari. Foto: PD

Yuval Noah Harari: Eine kurze Geschichte der Menschheit.Deutsche Verlags- Anstalt, München. 528 Seiten, ca. 39 Fr.

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