Die geheime Stadt im Eis

Die Eisschmelze in Grönland könnte ein vergessenes US-Nuklearprojekt zum Vorschein bringen. Der Zürcher Horst Machguth war bei der Untersuchung dabei.

Camp Century: Die USA bauten in den 60ern einen Stützpunkt, um 600 Missiles zu lagern. (Quelle: The United States Army)


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Schlafende Hunde soll man nicht wecken, sagt der Volksmund. Manchmal passiert es trotzdem – unbeabsichtigt. «Die politische Dimension unserer Arbeit war uns bewusst, die Breite der ausgelösten Debatte hingegen unerwartet», sagt Horst Machguth. Der Glaziologe der Universität Zürich sah sich ­zurückversetzt in den Kalten Krieg der 1960er-Jahre, als er sich im Forschungsteam um den kanadischen Klimawissenschaftler William Colgan mit dem geheimen amerikanischen Militärprojekt Iceworm im grönländischen Eis befasste.

Im Zentrum steht Camp Century im Norden Grönlands, ein vergessener, heute unsichtbarer militärischer Stützpunkt mit nuklearer Energieversorgung. Die Forscher machten nun in einer kürzlich veröffentlichten Studie in den ­renommierten «Geophysical Research Letters» publik, dass das Camp durch die Erderwärmung wieder an die Oberfläche kommen könnte.

US-Militärs montieren 1962 einen Tank für nuklearen Abfall in einem Eisschacht. Bild: W.R: Moore/National Geographic/Getty Images

Brisant an der Geschichte ist die veröffentlichte Liste der Altlasten, die tief im Eis lagern: Abgesehen vom Kernreaktor des mobilen nuklearen Generators wurde nach der Stilllegung 1967 die gesamte Infrastruktur zurückgelassen. Schätzungsweise 9200 Tonnen Baumaterial, 200 000 Liter Diesel und Polychlorierte Benzole (PCB), 24 Millionen Liter Abwasser und leicht radioaktives Kühlwasser des Kernreaktors. «PCB ist vermutlich das grösste Problem», sagt Machguth. Schmilzt das Eis, so besteht ein Risiko, dass belastetes Schmelzwasser zur bewohnten Küste abfliesst und für verschiedene Ökosysteme gefährlich werden kann.

Minus 23 Grad

Die neue Klimastudie ruft die Geschichte eines grössenwahnsinnigen Projekts der USA in Erinnerung. Ingenieure der Armee bauten den militärischen Stützpunkt 1959 – irgendwo im Niemandsland der Eiswüste, etwa 150 Kilometer vom Flugstützpunkt Thule entfernt. Minus 23 Grad Celsius kalt ist es hier im Durchschnitt.

Die USA präsentierten damals mit viel Pathos in Propagandafilmen den Bau der weltweit ersten Stadt im Eis. Im Oktober 1960 war das Camp gebaut: 21 Tunnel, der grösste war 335 Meter lang, 8 Meter breit und 8,5 Meter hoch. Es gab Küche und Kantine, ein Theater und eine Kapelle, einen Coiffeursalon und Laboratorien. Die Einrichtung war für 200 Soldaten gedacht – auf einer Fläche von einem halben Quadratkilometer.

Zur gleichen Zeit entwickelten die USA einen neuen Typ eines ballistischen Langstrecken-Flugkörpers namens Iceman, der nukleare Sprengköpfe bis zu 5500 Kilometer weit tragen konnte. Das Camp Century war dafür der ideale Stützpunkt, auf halber Strecke zwischen den USA und der damaligen Sowjetunion. So sollten mit dem geheimen Projekt Iceworm 600 Missiles in Grönland stationiert werden. Geplant war ein Netzwerk mit Tunneln, die per Bahn verbunden gewesen wären. Von dort aus hätten die USA im Ernstfall Raketen gegen den kommunistischen Feind abgeschossen. Die Fläche des Netzwerks wäre dreimal so gross wie die Schweiz gewesen.

Nordöstliches Portal des Camp Century: Bauarbeiten im Jahr 1959. Bild: US Army

So weit kam es jedoch nicht. «Es zeigte sich unter anderem, dass die Militärs die Deformation des porösen Firneises durch die produzierte Abwärme unterschätzt hatten», sagt Horst Machguth. Er erinnert sich an Aufzeichnungen des dänischen Glaziologen Willi Dansgaard. Er schrieb von den Soldaten, die nächtelang damit beschäftigt waren, Eis in den Räumen wegzufräsen, weil der Gletscher derart stark drückte. Das Projekt wurde schliesslich auf Eis gelegt. 1967 wurde Camp Century aufgegeben.

Der Stützpunkt wurde damals 8 Meter tief ins Firneis gebaut. Heute liegt das Bauwerk laut den Klimaforschern vermutlich in einer Tiefe von 36 Metern, der flüssige Abfall sank mit dem Schmelzwasser sogar auf ein Niveau von 67 Metern unter die Eisoberfläche. Der Grund: Einerseits fliesst das Eis – anderseits hat sich über die Jahre Schnee abgelagert. Die Schätzungen der Forscher basieren auf Radaraufnahmen des amerikanischen Projekts IceBridge, welche die Messung der Eisdicke und der Schneestruktur erlauben. Paradoxerweise half ein Eisbohrkern, der nur dank des Projekts Camp Century erst möglich wurde. Es war die allererste Bohrung, die je bis zum Bett eines Eisschildes ­gemacht wurde. «Die Daten sind noch immer von grosser Bedeutung für die Klimaforschung», sagt Machguth.

Für immer im Eis

Die Amerikaner waren damals der Ansicht, im Eis für die Ewigkeit zu bauen. Nun demonstrieren die Wissenschaftler mithilfe von Klimamodellen, dass in 70 Jahren im Gebiet um das Camp die Eisschmelze stärker sein wird als der Schneefall, falls sich die Erde weiterhin in dem Masse erwärmt wie bis anhin. Das hiesse: Das Bauwerk von Camp ­Century käme dann allmählich an die Eisoberfläche.

Das sind zwar Aussichten in weiter Ferne und mit grossen Unsicherheiten. Trotzdem haben die neuen Untersuchungen amerikanische, dänische und grönländische Politiker provoziert. Die publizierten Ergebnisse haben andere vergessene Altlasten in Grönland wieder ans Licht der Öffentlichkeit gebracht. Camp Century ist kein Einzelfall, aber der spektakulärste. Das dänische Umweltamt hat 2003 militärische Einrichtungen kartiert, in denen Abfall liegt, der vermutlich die Umwelt früher oder später belasten wird. Die Karte zeigt mehr als 30 verschiedene Installationen des amerikanischen Militärs. So kritisiert Vittus Qujaukitsoq, der grönländische Minister für Industrie, Arbeit und Handel in der dänischen Zeitung «Berlingske ­Tidende» die dänische Regierung: Im Gegensatz zu den 63 ehemaligen amerikanischen Stützpunkten für ein militärisches Frühwarnsystem im arktischen Kanada und in Alaska sei es bisher kein Thema, die fünf verlassenen militärischen Einrichtungen im Gebiet um Thule von den gefährlichen PCB zu befreien.

Im Kontrollraum des nuklearen Kraftwerks im Jahr 1962. Bild: W.R. Moore

Dänemark vereinbarte vor 75 Jahren den ersten Verteidigungspakt mit den USA zu Grönland. Das war in einer Zeit, als die Insel noch eine Kolonie der Dänen war. Heute verwaltet sie sich selber. Die USA übergaben die ehemaligen Militäreinrichtungen offiziell an Dänemark. Der grönländische Minister schreibt in seinem Protest in der dänischen Zeitung, dass die gute Partnerschaft mit den USA auch in Zukunft nicht infrage gestellt sei, weil die grönländische Bevölkerung von der militärischen Präsenz nach wie vor profitiere. Aber: Die Verschmutzung der Umwelt sei nicht akzeptierbar, schreibt der Minister weiter. Die Verursacher – oder in ihrem Fall Dänemark –, welche die Existenz der Schadstoffe anerkannten, müssten den «Schlamassel» aufräumen.

Diese politische Reaktion kam für die Klimaforscher unerwartet. Sie hoffen nun, dass generell in der Politik die Aufmerksamkeit auf Altlasten grösser wird. «Es gibt zahlreiche Abfalldeponien an Küsten, die für die Meeresökologie gefährlich werden können, falls der Meeresspiegel durch den Klimawandel weiterhin so stark steigt», sagt der Zürcher Glaziologe Horst Machguth.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.10.2016, 22:46 Uhr

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