Die kuriosesten Heilmethoden der Medizingeschichte

Wieselhoden und Radiumzäpfchen: So bizarr waren ärztliche Ratschläge einst. Neun Beispiele.

Eine künstliche Sonne gegen alles: Anfang des 20. Jahrhunderts war die Blütezeit der Lichttherapien.

Eine künstliche Sonne gegen alles: Anfang des 20. Jahrhunderts war die Blütezeit der Lichttherapien.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Amerikaner Eben Byers war 47 Jahre alt und steinreich, als er sich im November 1927 bei einem Sturz den Arm verletzte. Da die Schmerzen nach ein paar Tagen immer noch da waren, empfahl ihm ein Arzt eine neue, vielversprechende Arznei namens Radithor. Sie wurde als Allheilmittel für rund 150 Krankheiten angepriesen, und – nicht unwesentlich – der Hersteller zahlte den Ärzten, die das Mittel verschrieben, eine Provision von 17 Prozent.

Tatsächlich besserten sich die Schmerzen, wahrscheinlich von selbst. Byers war begeistert von Radithor, auch weil er glaubte, sich deswegen vitaler zu fühlen. Schon bald trank er täglich drei Fläschchen, das Dreifache der empfohlenen Menge. Der gut situierte Amerikaner konnte sich die teure Arznei problemlos leisten und beschenkte auch Freunde und seine zahlreichen Damenbekanntschaften kistenweise. Nach drei Jahren zeigten sich die fatalen Folgen des vermeintlichen Wundermittels. Das darin enthaltene radioaktive Radium zerstörte Byers’ Körper von innen. Als der einst kräftige Mann 1932 an den zahlreichen Tumoren in seinem Körper starb, wog er noch 42 Kilogramm. Die Nieren waren kaputt, die Haut war teigig, sein Schädel wegen der Strahlung löchrig und das Gehirn voller Abszesse, die ihm die Sprache raubten. Seinen mit Krebs befallenen Unterkiefer hatten Ärzte wegoperiert. Byers musste in einem verbleiten Sarg begraben werden, weil seine Knochen hochgradig radioaktiv waren.

Das gruselige Schicksal von Eben Byers ist eine von vielen Geschichten aus dem nun auf Deutsch erschienenen Buch «Abgründe der Medizin» von Lydia Kang und Nate Pedersen (Riva-Verlag). Das US-Autorenduo vermittelt darin einen Einblick in die «allerübelsten Allheilmethoden aller Zeiten». Die Sprache ist locker bis (etwas sehr) flapsig, der Inhalt manchmal erheiternd, häufig aber haarsträubend bis entsetzlich: Wieselhoden als Verhütungsmittel, Aderlass gegen Blutverlust, glühend heisse Eisen gegen Liebeskummer, Operationen mit von Eiter und Blut verschmierten Geräten und ohne Narkose, radioaktive Zäpfchen, Arsen-Brotaufstrich für einen schönen Teint – die Liste scheint endlos.

«Strahlen Sie Gesundheit und Schönheit aus»

«Trotz aller Durchbrüche in der Medizin, trotz behördlicher Kontrolle, trotz eines ziemlich guten Allgemeinwissens über die Funktionsweise des mensch­lichen Körpers streckt das Kurpfuschertum weiterhin seine Tentakel in fast jeden Winkel des Gesundheitssystems und der Kosmetikindustrie aus», schreiben Kang und Pedersen. Aus manchen Irrlehren sind funktionierende Heilmethoden geworden. Die meisten sind aus heutiger Sicht aber schlicht absurd.

So auch die Behandlung von Eben Byers mit Radithor. Dessen vermeint­licher Wirkstoff, das hochradioaktive Radium, war damals gross in Mode. Von der ersten Gewinnung durch das Ehepaar Curie im Jahr 1902 bis in die 1930er-Jahre erprobten Ärzte das Mittel gegen Bluthochdruck, Diabetes, Arthritis, Rheuma, Gicht ,Tuberkulose und Krebs.

Beliebt war auch mit Radioaktivität versetztes Wasser zum Trinken und Baden. Zum Beispiel aus dem Revigator, einem Wasserspender mit radiumhaltigem Uranerz für den Heimgebrauch. Hautcremes, Salben, Seifen und Zahnpasta mit Radium wurden in Zeitungsanzeigen wortreich beworben mit «Strahlen Sie Gesundheit und Schönheit aus» und «Radium bringt Tausenden Gesundheit». Zum Glück war das Radium teuer, sodass den meisten Produkten die gefährliche Substanz gar nicht beigefügt wurde – ein Betrug, der wahrscheinlich vielen Menschen das Leben rettete.

Radithor: Einst schwer in Mode, radioaktiv – und tödlich. Foto: Popular Science via Getty Images


Mit Würmern zur Traumfigur

«Essen! Essen! Essen! Und immer dünn bleiben!» Auch im 19. Jahrhundert kämpften Frauen um eine perfekte Figur. Besonders verlockend: Verzicht- und anstrengungsfreies Dünnbleiben mit dem Diättrend Bandwurm. Die Abnehmwilligen sollten die Eier des Parasiten einnehmen, der dann wächst und dabei mitisst. So die Theorie. Denn eine echte Infektion mit den bis zu zehn Meter ­langen Bandwürmern kann Jahrzehnte anhalten und dabei zu Kopfschmerzen, Gehirnentzündungen, Krampfanfällen und Demenz führen. Ein Glück, waren die Eier in den Lieferungen oft gar nicht vorhanden oder tot.

Entbehrungsreicher war der Abnehmtipp des amerikanischen Ernährungsreformers Horace Fletcher: exzessives Kauen. Die ­Nahrung sollte demnach so lange im Mund zerkleinert werden, bis sie sich verflüssigte und jeden Geschmack verlor. Danach wurde ausgespuckt. Gewichtsverlust ist da wenig verwunderlich.


Künstliche Sonnen gegen ­alles Mögliche

Nach der Erfindung der Glühbirne folgte Anfang des 20. Jahrhunderts die Blütezeit der Lichttherapien. «Bäder» in grellem Licht sollten gegen Scharlach, Fettleibigkeit, Verstopfung und Diabetes helfen. Fokussierte Bestrahlungen wie im Bild aus einem Lehrbuch waren eine andere Variante: «Sehr kurze Anwendungen über dem Herzen sind bei Kollaps unter Narkose, Opiumvergiftung und Herzversagen von Nutzen.»


Sedieren bis zum Ableben: Der Morphium-Sirup für Kinder

Quengelnde Kinder können ganz schön auf die Nerven gehen. Der Sirup von Mrs. Winslow war da ein Segen. Dank einem Schuss Morphium war er «geeignet, jeden Menschen und jedes Tier» zu beruhigen, wie es in der Werbung hiess. Das von 1845 bis 1930 vermarktete Produkt wurde irgendwann von Ärzten als «Baby-Killer» bezeichnet, weil Eltern die Sedierung der Säuglinge öfter mal übertrieben.


Oberschenkelamputation in sechs Sekunden

Bis zur Einführung der Anästhesie vor über 150 Jahren musste es im Operationssaal vor allem schnell gehen. Amputationen waren dabei die weitaus häufigsten Eingriffe. Rekordverdächtig ist der schottische Arzt Benjamin Bell, der im 18. Jahrhundert eine Oberschenkelamputation in sechs Sekunden schaffte. Der Patient wurde bei solchen Operationen mit Gewalt fixiert und die Hauptschlagader abgeschnürt. Dann trennte der Chirurg mit einem gebogenen Messer in einem Schnitt Haut und Muskeln und sägte danach den Knochen durch. Die offenen Blutgefässe wurden verödet, das Fleisch zugenäht oder offen gelassen. Bei dem Tempo ging auch mal etwas schief, und der Chirurg schnitt versehentlich an anderen Stellen. So wurde bei einer Beinamputation auch mal ein Hoden abgetrennt oder der Finger des Assistenten, der das Bein festhielt. Auch ohne Missgeschicke starben über 60 Prozent der Patienten nach den Eingriffen. Nicht nur deswegen war der Operationssaal ein Ort des Grauens. Bis sich das sterile Arbeiten im 19. Jahrhundert durchsetzte, operierten die Chirurgen mit ungewaschenen Händen, die Instrumente wurden – wenn überhaupt – mit Wasser abgespült und die Kittel waren bedeckt mit Blut früherer Operationen. Anästhesie und Asepsis machten die Eingriffe sicherer und humaner. Die Ideen der Chirurgen wurden dafür ausgefallener. Der britische Arzt William Arbuthnot Lane entfernte bei über 1000 meist weiblichen Patienten den Dickdarm, weil er ihn als Ursache für Dummheit, Kopfschmerz und Reizbarkeit betrachtete. Eine Zeit lang schnitt er auch Nieren heraus; als Korrektur einer vermeintlichen Organfehlstellung, die von Mordlust bis Suizidalität für so manches verantwortlich sein sollte.


«Eine Nacht mit Venus, ein Leben mit Merkur»

Jahrhundertelang versprachen sich Menschen Heilung durch quecksilberhaltige Arzneien. Melancholie, Verstopfung, Syphilis, Grippe, Kopfschmerzen Parasiten, Schmerzen beim Zahnen – irgendwer schwor immer auf Quecksilber-Arzneien. Dabei verwechselte man allerdings Vergiftungssymptome wie massiver Speichelfluss mit der Heilwirkung (Bild, oben rechts). Anderthalb Liter Spucke sollten es mindestens sein, um zu wirken, befand im 16. Jahrhundert Paracelsus, bekannt durch den Ausspruch «Nur die Dosis macht das Gift». Im Fall von Quecksilber lag er da fatalerweise besonders richtig: Wahrscheinlich starb er selbst an einer Vergiftung mit dem Schwermetall. Ein anderes, viel früheres Opfer war der erste Kaiser der chinesischen Qin-Dynastie im 3. Jahrhundert v. Chr. Er sah im Quecksilber das Geheimnis zur Unsterblichkeit und nahm so viel davon, dass er sich damit vergiftete. Eng verbunden ist Quecksilber mit der Geschlechtskrankheit Syphilis, die die Franzosen im 15. Jahrhundert nach ihrem Neapel-Feldzug in Europa verbreiteten. Behandelt wurde mit Quecksilbersalz, das eingenommen zu vermeintlich reinigendem Speichelfluss, äusserlich zu Verätzungen führte. Das reine Schwermetall wurde auch erhitzt und inhaliert oder der Haut in Ganzkörperbädern zugeführt. Im Mittelalter (in vielen Sprachen bis heute) trug Quecksilber den Namen des römischen Gottes Merkur. Damals war der passende Spruch verbreitet: «Eine Nacht mit Venus, ein Leben mit Merkur.»

Bild: Science Source


Begehrte Zaubererde aus Niederschlesien

Erde essen, Geophagie genannt, ist eine alte Praxis verschiedener Völker. Und tatsächlich hemmt Ton die Aufnahme von Giftstoffen im Verdauungstrakt und wird deshalb seit dem Altertum als Antidot verwendet. Auch bei der Wundheilung soll er helfen. Schon früh wurden jedoch Erdklümpchen auch mit besonderer Heilkraft aufgeladen. Um 500 v. Chr. förderten die Bewohner der griechischen Mittelmeerinsel Lemnos auf einem besonderen Berg heilende Tonerde, reinigten sie und formten daraus kleine Tabletten. Priesterinnen der Insel segneten sie schliesslich und drückten ihr Amtssiegel hinein. Die Terra sigillata (besiegelte Erde) wurde dann auf der Insel als gesundheitsförderndes Mittel verkauft. Im 16. Jahrhundert machte der ehemalige Bergmann Andreas Berthold aus Striegau (heute Strzegom) in Niederschlesien (heute Polen) daraus das grosse Geschäft. Er schaffte es, Terra sigillata als europaweit begehrtes Allheilmittel zu vermarkten: gegen Geschwüre, Hämorrhoiden, Tripper, Fieber, Ruhr, Nierenbeschwerden, Augeninfektionen. Weil Berthold behauptete, dass nur die Erde aus Striegau diese Wirkung entfalten könne, hielt er Konkurrenten in Schach. Striegauer Terra sigillata wurde in Apotheken von Nürnberg bis London feilgeboten. Erst mit der Zeit begannen andere mit eigenem Ton und Siegel auf den Zug aufzuspringen. Die gestempelten Lehmstücke waren immer auch ästhetische Gegenstände und verbreiteten dadurch einen eigenen Zauber. Kein Wunder, empfahlen manche Ärzte ihren Patienten, zur Behandlung eine Terra-sigillata-Tablette einfach um den Hals zu tragen.


Eine ärztlich verordnete Genitalmassage

Ab Mitte des 19. Jahrhunderts war Hysterie eine verbreitete wie zweifelhafte Diagnose für Frauen mit unspezifischen Symptomen wie Müdigkeit, Depression oder Angst. Empfohlene Therapie war eine «Beckenmassage», um einen heilsamen «hysterischen Paroxysmus» herbeizuführen. Weniger verklausuliert: Die Ärzte brachten Patientinnen mit Genitalmassagen zum Orgasmus. Die Herren hatten keine Freude daran und beschwerten sich über die anspruchsvolle Technik, Zeitverlust und Schmerzen am Handgelenk. Der erste, 18 Kilogramm schwere Vibrator erleichterte ihnen die Arbeit.


Dank Tabakrauch-Klistier zurück ins Leben

Passivrauchen mal anders: Im 18. Jahrhundert war es eine gängige Wiederbelebungsmethode, Tabakrauch mittels Klistieren (Einlauf) in den Hintern zu blasen. Entsprechende Geräte wurden damals auch für gesundheitsbewusste Haushalte hergestellt. Verbreitet im Einsatz stand die Methode bei der Rettung von Ertrunkenen. Der eingeblasene Rauch sollte das Opfer erwärmen und seine Atmung stimulieren. Entlang der Themse war eigens ein Rettungstrupp mit Klistieren unterwegs.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 01.09.2019, 12:12 Uhr

In Zahlen

60

Im 19. Jahrhundert setzte sich keimfreies Arbeiten im Operationssaal durch. Davor starben mindestens 60 Prozent der Patienten nach den Eingriffen.

1902

Marie und Pierre Curie isolieren erstmals das radioaktive Element Radium. Es wird in kürzester Zeit zu einer Modearznei gegen alle möglichen Krankheiten.

200

Amputationen in 24 Stunden schaffte ein französischer Chirurg während der Napoleonischen Kriege – alle sieben Minuten eine.

1,5

So viele Liter Speichel müssen fliessen, wenn mit Quecksilber behandelt wird. Das behauptete Paracelsus und verwechselte damit den Heilungsprozess mit Vergiftungssymptomen.

6

Der schottische Arzt Benjamin Bell machte im 18. Jahrhundert eine Oberschenkelamputation in rekordverdächtigen sechs Sekunden.

600

Von 1000 New Yorker Kindern hatten 1934 laut einer Studie 600 keine Mandeln mehr. Heute führen Ärzte die Tonsillektomie nur in Ausnahmefällen durch.

18

Kilogramm wog der erste Vibrator. Das Gerät wurde mit Nassbatterien betrieben und von Ärzten zur Behandlung der «weiblichen Hysterie» eingesetzt.

Artikel zum Thema

Neue Therapie gibt Tinnitus-Patienten Hoffnung

Sven Buchli hört seit zwei Jahren Töne, die es nicht gibt. Lange galt der Tinnitus als unheilbar – nun wird am Unispital Zürich eine neue, Erfolg versprechende Methode getestet. Mehr...

Sie mischt die Krebsforschung auf

Claudia Friesen will Methadon als Krebsmittel testen. Damit macht sie sich unter den Ärzten viele Feinde. Mehr...

«Kommerzielle Gentests stehen auf sehr dünnen Beinen»

Immer mehr Leute lassen ihr Erbgut übers Internet analysieren. Doch aus ihren Ergebnissen lassen sich schnell falsche Schlüsse ziehen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Kommentare

Die Welt in Bildern

Mit Augenringen: Kinder präsentieren in der Shougang-Eishockey-Arena Bing Dwen Dwen das Maskottchen der Winterspiele 2022 in Peking. (17. September 2019)
(Bild: Xinyu Cui/Getty Images) Mehr...